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Das jüdische Echo · 1926-10-08 · 41 (8.10.1926) · p. Seite 648

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
41 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
Seite 648 (sequence 4)
Language
German
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648 Das Jüdische Echo Nr. 41 Postulat erhebt, gilt nicht nur für ihn und die Deutschen, sondern für die Menschen überhaupt. Er wird es begrüßen, daß der Romane Romane, der Slawe Slawe bleibt. Wie sollte er es nicht begrüßen, daß der Jude Jude bliebe! Er wird also zu der nationalen Renaissance der Juden eine positivere Einstellung haben. Hier sieht er das Streben nach Scheidung und Trennung verwirklicht. Was bei der Assimilation Aufgabe ist, das ist beim Zionismus Aufbau. Das nationale Judentum fordert Rückkehr zum Stamm, es verlangt die Erneuerung der Religion und der Sitte, es setzt Mut und Jugendlichkeit voraus. Müde dieses zwei Jahrtausende anhaltenden Provisoriums sucht es, einen der Art gemäßen Zustand zu erlangen. Daß der Zionismus die unbequemere, schwerere Lösung der Judenfrage bedeutet, ist offenbar; dafür aber ist er die edlere und schönere,, die menschlich höherstehende und die würdigere Lösung. Der Zionist ist der mutigste Typ unter den Juden, er kennt nicht jenen ängstlichen Blick auf die Umwelt, er fürchtet nicht, „sich herauszustellen“, wenn er die nationale jüdische Frage vor der Welt und nicht hinter angstvoll verschlossenen Türen behandelt. Niemand wird leugnen, daß die Entwicklung auf beiden Seiten noch nicht abgeschlossen ist. Weder die Assimilation, noch der Zionismus sind heute zur letzten Konsequenz gelangt. Der deutsche Jude ist noch mühelos unter seinen Volksgenossen herauszukennen, er steht noch außerhalb der Reihe — die jüdischen Massen haben bisher nur zum Teil ihre Heimstätte in Palästina gefunden. Zionismus und Assimilation — das bedeuten beschrittene, aber noch nicht zu Ende gegangene Pfade, die von der Diaspora nach entgegengesetzten Richtungen verlaufen, zu Aufgabe und zu Aufbau, sagen wir ruhig; nach Westen und Osten, nach Untergang nämlich und nach Aufgang. Welchem Weg wird der objektiv urteilende Nichtjude, von dem wir sprachen, seine Sympathie schenken müssen? Ich glaube, daß er nicht lange unschlüssig bleiben wird. Er wird das bekennen, was als Motto über diese Ausführungen gesetzt ist: „Im Zionismus ist die Ehre des Judentums.“ Der deutsche Dichter Wilhelm Schäfer, der Schöpfer der „Dreizehn Bücher der deutschen Seele“, hat auch das folgende gesagt2: „Wer seine Jünglinge nach zweitausend Jahren mit dem Schwert in der Hand vor Zion stehen sieht, wer die volkstümliche Treue darin erkennt, muß aus der Idee des eigenen Volkstums das ihrige bewundernd grüßen. Eine stärkere Offenbarung volkstümlicher Treue gibt es in der modernen Welt kaum, als eben den Zionismus.“ Es ist bezeichnend, wie der deutscheSozia- 1 i y m u s , der sich seit seiner Gründung mit dem Judentum als dem Hauptträger des Kapitalismus auseinanderzusetzen hatte, seine Stellungnahme seit der Verwirklichung des Zionismus einer Revision unterzogen hat. Denn während Karl Marx in ehrlicher sozialistischer Konsequenz das Judentum als Religionsgemeinschaft negierte — wie er den Katholizismus und den Protestantismus negiert hat —: während er Aufgabe des Glaubensbekenntnisses verlangte (die einzige von seinem Standpunkt aus mögliche Forderung, denn es gab noch kein Baseler Programm): während er 1844 in seinen Aufsätzen über die Judenfrage erklärt: „Die Judlenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum“ —■’ sagt Paul Lobe, der langjährige Präsident des Deutschen 2 Wilhelm Schäfer, „Der deutsche Gott“, Georg Müller-Verlag, München. Reichstages, in einer Versammlung des Komitees „Für das arbeitende Erez Israel“: „Wir in Westeuropa sind auf dem Wege des Kompromisses haften geblieben, an anderer Stelle hat man mit Gewalt den Neubau versucht, in Palästina erfolgt ein gewaltloser Neubau. Wir hatten alte Bedingungen gelöst, uns von alten Bedingungen befreit, wir hatten aber übersehen, uns genügend für den Tag nach der Umwälzung vorzubereiten. Dort wird Neues geschaffen mit dem gewaltigen Prinzip der gegenseitigen Hilfe, werden Wege gesucht zu höheren Formen gemeinschaftlicher Arbeit. Darum ist diese Ihre Bewegung nicht nur für die Juden, sondern für die ganze internationale Arbeiterschaft von größter Bedeutung. Die dortige gemeinschaftliche Arbeit und der gemeinsame Besitz in der Industrie, in der Technik, im Baugewerbe, in den Pflanzungen zeigen, daß in Palästina die wahre sozialistische Idee in die Tat umgesetzt wird. Wieder einmal sind die Juden die Pioniere einer neuen, einer positiven, einer fruchtbaren Bewegung. Mit größtem Interesse und tiefster Sympathie verfolgen wir diese Arbeiten. Gegenüber so mancher Verhetzung sollten wir um so mehr in aller Offenheit und neidlos anerkennen, daß uns die Juden auf so vielen Gebieten geistiger Kultur sehr viel schon gegeben haben, und daß wir nun hoffen können, daß sie dort in Palästina uns auch einen neuen Weg für die Gesundung des Wirtschaftslebens der Welt weisen werden.“ Wenn die zionistische Bewegung also dem repräsentativsten Führer der deutschen Sozialdemokratie ein solches Bekenntnis abringt, wenn ein deutscher Dichter im Zionismus die Ehre des Judentums schlechthin sieht, wenn Wolfgang Schuhmann, der Herausgeber des „Kunstwart“, der Meinung ist, „daß Europa der Judenheit die Heimat schuldig ist“, wenn der große Pazifist Ludwig 0 u i d d e eine Umfrage dahin beantwortet, daß durch die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina „das Unrecht zweier Jahrtausende gesühnt werden würde“ — wer kann da noch ernstlich der Meinung sein, daß der Zionismus den Kampf gegen den Antisemitismus hemme! Wie kann die deutsche Intelligenz, die sich zu großen Teilen in ähnlicher Form über den Zionismus geäußert hat,3 durch den Zionismus, der ja, wie sie bekennen muß, in positiver Weise die Judenfrage zu lösen sich bemüht, zum Antisemitismus veranlaßt werden? Der objektive Nichtjude wird bekennen müssen: Der Zionismus ist der radikalere Weg, die Judenfrage zu lösen, er hat Werte, die ich als Deutscher anerkennen und hochachten muß. Ein antisemitischer Gedankengang wird ihm bei dieser Überlegung fern sein — anders vielleicht, wenn er sich an die Halbheiten der deutschen Assimilanten erinnert. Der auf der Londoner Weltkonferenz gegen die Zionisten erhobene Vorwurf ist nur aus einer durch Parteipolitik heraufbeschworenen Verblendung herzuleiten. Nur ein unbestimmtes Ängstlichkeitsgefühl kann zu einer solchen negativen Skepsis führen! Wir haben uns bemüht, diese Sätze auf eine objektive Untersuchung zu basieren, die zu einer Klarstellung der Dinge führen möge. Zu sehr ist es Brauch geworden — das lehrte uns auch die Pressekampagne der letzten Wochen —, den jüdisch-politischen Gegner auf eine unverantwortliche und jeden Maßes entbehrende Weise bloßzustellen. Die Presse des Centralvereins kann sich nicht darin genugtun, die untadelige deutsche Gesinnung ihrer Anhänger zu unterstreichen. Dagegen ist prinzipiell 3 Vergl. R. Seiden „Um Zion und Zionismus“, Hannover, Orientbuchhandlung Heinz Lafaire.

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