Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 41 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 41 8. Oktober 13. Jahrgang Eine Unterstellung Schwächt der Zionismus den Kampf gegen den Antisemitismus? „Im Zionismus ist jflie Ehre des Judentums.“ Wilhelm Schäfer. „Der nationaljüdische Standpunkt einer jüdischen Kollektivität innerhalb des Staates und die Notwendigkeit der Hebraisierung der Jugend schwächt unseren Kampf gegen den Antisemitismus.“ Diesen Satz enthielt das Referat des Sprechers der deutschen Liberalen gelegentlich der vor einigen Wochen in London abgehaltenen Weltkonferenz des liberalen Judentums. Wäre dieser Satz nicht so bezeichnend für die Mittel, mit denen die deutsche Assimilation die ihnen so unbequemen Zionisten anzugreifen sucht — man könnte sich eines herzlichen Lachens über die Naivität bejahrter Männer kaum enthalten. Es ist die alte Geschichte, daß der Prügeljunge, wird die Erfolglosigkeit der eigenen Bemühungen offenbar, nicht in der eigenen Gesellschaft gesucht wird, sondern in der der Gegner. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit in diesem Einzelfall auf das Prinzipielle: Die deutschen Liberalen haben vor den Liberalen der Welt verkündet, daß der jüdische Nationalismus, in Deutschland wenigstens, den Antisemitismus schüre. Oder mit anderen Worten: Der Antisemitismus wäre kraft der vorschriftsmäßigen Gesinnung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens längst überwunden, oder doch wenigstens auf ein Minimum beschränkt — wenn es keine Zionisten gäbe. Oder noch anders: Ein Christ in Deutschland begrüße im Hinblick auf die Lösung der Judenfrage das Programm des Centralvereins, während er in der zionistischen Richtung einen freiwilligen Verzicht auf die Gleichberechtigung erblicke. Machen wir die Probe aufs Exempel. Versuchen wir, uns einmal in die Gedankengänge eines objektiv urteilenden, durch kein völkisches Parteiprogramm verhetzten nichtjüdischen Deutschen hineinzudenken. Nehmen wir zur Voraussetzung, daß dieser Nichtjude — aus egoistischen, natio nalen oder rein menschlichen Gründen — an der Lösung der Judenfrage interessiert ist. Interessiert hieran wird er deshalb sein, weil erfahrungsgemäß das deutsche Judentum trotz verbriefter Emanzipation und Weimarer Verfassung eine, negative Sonderstellung einnimmt. Es ist soziologisch nicht gleichförmig in das deutsche Volkstum eingeschmolzen; es ragt an ethischen oder wirtschaftlichen Werten immer darüber hinaus und steht doch gleichzeitig unterhalb des üblichen Maßes. Mag der deutsche Jude sich seines Deutschtums, seiner Gleichwertigkeit den christlichen Volksgenossen gegenüber noch so bewußt sein, an einer Stelle wird seine Rechnung nie stimmen, an einer Stelle wird er immer außerhalb der Reihe stehen: Seine Religion schafft a priori andere Voraussetzungen für die Möglichkeit der Annäherung an den deutschen Volkskörper; seine gesellschaftliche Stellung ist keine restlos geklärte; seine geistigen Möglichkeiten, sowie seine Gefühlsskalen werden in ihrer Struktur wesentlich von denen seiner christlichen Mitbürger unterschieden sein. Kurz gesagt: Die Situation, in der sich der deutsche Jude befindet, ist keine natürliche. Diese unnatürliche Situation wird der objektive Nichtjude klar durchschauen. Zum Beweis hierfür seien die Worte des Theologen Bauer1 festgehalten, der sich 1843 in einer Schrift über das Judentum (durch welche kein Geringerer als Karl Marx zu seinen Aufsätzen über das Judentum angeregt wurde) mit besonderem Scharfblick äußert: „Nur sophistisch, dem Scheine nach, würde der Jude im Staatsleben Jude bleiben können; der bloße Schein würde also, wenn er Jude bleiben wollte, das Wesentliche sein und den Sieg davontragen, das heißt, sein Leben im Staat würde nur Schein oder eine momentane Ausnahme gegen das Wesen und die Regel sein.“ Aus dieser oder ähnlicher Erkenntnis heraus wird sich der objektive Nichtjude mit der Lösung der Judenfrage zu beschäftigen haben; es wird ihm daran liegen, daß diese unnatürliche Situation der deutschen Juden irgendwie beseitigt oder geklärt wird. Welche Möglichkeiten werden sich ihm zu dieser Lösung in unserer Zeit offenbaren? Diese beiden Wege: Assimilation oder Zionismus; das restlose Aufgehen im deutschen Volkskörper, oder aus ihm heraus eine bewußte Entwurzelung, um auf jüdischem Boden eine dem Juden natürliche Lebensmöglichkeit zu schaffen. Die Dinge liegen in unseren Tagen so, daß weder der eine noch der andere Weg in absehbarer Zeit die ideale Lösung verwirklichen kann. Welchem von beiden Wegen wird unser deutsche Nichtjude als dem ethisch höheren seine Sympathie schenken? Wird die christliche Umgebung an der Aufhebung der erwähnten unnatürlichen Situation der deutschen Juden interessiert sein, so wird es für ihn bitterste Notwendigkeit bedeuten, einen Zustand zu erlangen, in welchem er sich in jeder Hinsicht frei und selbstverständlich zu geben vermag, und in welchem das so typisph ghettohafte Gefühl der Kontrolle definitiv beseitigt ist. Der konsequente Assimilant wird eine so sehr gesteigerte Verschmelzung mit dem Deutschtum erstreben, daß die letzte jüdische Eigenart verschwindet, und er sich in nichts mehr von seinen „Volksgenossen“ unterscheidet. Dies ist der eine Weg, die Judenfrage endgültig zu erledigen. Das Problem ließe sich, stimmten Theorie und Praxis überein, auf diese Art lösen. Welches aber ist das Mittel zu dieser Lösung? Das Mittel ist: Aufgabe der Art — also Entartung. Was vom soziologischen Standpunkt als gerechtfertigt erschiene, würde ethisch auf das verhängnisvollste Negativum deuten. Aufgabe, Verleugnung, Preisgabe der Originalität führen zum Ziel. Der Deutsche, der heute mehr denn früher die Erhaltung seiner Art auf seine Fahnen schreibt, wird aus seiner nationalen Einstellung heraus diesen Weg prinzipiell ablehnen müssen; denn was er zum 1 Bruno Bauer (1809—82) „Die Judenfrage“, Braunschweig 1843.