Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 40 (30.9.1926)
- Date
- 1926-09-30
- Page
- Seite 637 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo 637 I, Mil || 11 111 | Feuilleton IIII II111II INI III llllll Hill» Thorafreuden (Ein Stimmungsbild aus dem altjüdischen Leben) Von Fabius Schach Simchas Thora heißt, sich mit ganzem Herzen an der Thora freuen, sie innig lieben. Lieben, nicht kalt verehren als etwas Hohes, Unerreichbares, sondern eine glühende Liebe zu ihr tragen, sie mit ganzer Seele umfassen, sich ihres Besitzes freuen, in ihr leben und mit ihr zu einer göttlichen Harmonie verschmelzen. Nur wer das alte Judentum kennt, begreift dieses in seiner ganzen Bedeutung. Ach, wie ist doch das heutige Geschlecht so kalt geworden! Selbst wenn man etiles getreu beobachtet, nimmt man es als nüchterne Pflicht. Die Freude, die Begeisterung, das heilige Feuer ist gewichen, das Gefühl der Beglückung fehlt. Simchas Thora — was war das für ein herrliches Fest in alten Zeiten! Alles, was an verhaltener Freude, an gezügelter Lust, an Sehnsucht nach Leben und höherem Genuß im Herzen aufgespeichert war, kam an diesem Tage mit elementarer Kraft zum Ausbruch. Ein feuriger Erguß ging aus der Seele hervor und verwandelte den Menschen zu einem anderen Wesen, machte ihn weich und doch stark und gewaltig. Erträumtes und Erlebtes vereinigten sich zu einem leuchtenden Bilde, das Sinnliche wurde verklärt, das Mystische versinnlicht und alles wurde geheiligt durch die Liebe zur Thora. Und wenn die Leute die heiligen Rollen trugen, kam die höchste Seligkeit über sie, — sie trugen den teuersten Schatz im Arm. Simchas Thora war die Vermählung der jüdischen Seele mit Gott, und alle Freuden flössen aus diesem unversiegbaren Quell. Mau war mit Gott vereinigt, — welch ein Glück! In einer anderen Art wie am Jom Kippur, aber ebenso innig und gewaltig. Man war nicht mehr zerknirscht und demütig, voller Buße und Reue, nein, aufrecht stand man da, man schaute nicht zum Himmel empor, man holte sich den Himmel herunter durch die glühende Sehnsucht. Man suchte nicht Gott, man hatte ihn gefunden. Ihr bedauert den „armen gedrückten“ Ghettojuden? Ihr solltet ihn beneiden! War er nicht glücklicher als wir? Gibt es ein höheres Glück, als das Volk Gottes zu sein, als mit Gott durch seine Lehre vereinigt zu sein? Wer es lebhaft empfindet, ist nicht arm. Heimatlos? Der alte Jude war nicht heimatlos, er trug seine Heimat überall mit sich. Kein Volk kennt ein solches Fest wie dieses Simchas Thora, an dem man den Himmel offen vor sich sieht, an dem man ihm so nahe ist. Und nicht nur die Gelehrten, die Lamdonim, auch der einfache Mann, die Frau, das ganze Volk nahm mit ganzem Herzen teil an diesem Feste, es war i h r F e s t, das wahre jüdische Volksfest. Und sie standen an diesem Tage mit ihrem Fühlen und Sehnen der Thora näher als die spitzfindigen Talmudforscher. Kann man denn die Thora mit der kalten Vernunft erfassen? Die glühende Liebe ist es, die geraden Weges zu ihr führt, wer sie wahrhaft liebt, besitzt sie. Gotteshaus und Familie bildeten heute eine Einheit, in beiden loderte die heilige Begeisterung, in beiden lebte die Gottesfreude. Die Menschen standen mitten im höchsten Glücke und ihre Gesichter strahlten, und eine Lava ergoß sich von ihnen und sie erfaßte das ganze Volk. Heute war die Thora, die himmlische Tochter, zu ihnen herabgestiegen, und sie gehörte ganz ihnen, sie redete zu ihnen in ihrer Herzenssprache, so lieblich, so milde und süß. Und ein Licht löst sich von den Sternen und dringt tief, wohin der Verstand nicht zu dringen vermag, und bohrt sich tief ins Innere ein und beleuchtet alles Dunkle. Die ganze Gemeinde war an diesem merkwürdigen Tage in inniger Liebe verbunden. Man küßte und umarmte einander, wie in der Stunde des schäumenden, höchsten Glückes. Man war trunken, nicht vom genossenen Wein, sondern vom heiligen Rausche der Seele. An diesem Tage empfand man es lebhaft, was es heißt, GottinFreuden dienen. Und wie war die Jugend an diesem Tage glücklich, wie fühlte sie sich erhaben! Heute durften sie alle, unter einem großen Tallis vereinigt, zum Abschnitt „Kol hanearim“ der Thora nahen, welcher Stolz, welche Freude! Die Knaben kamen sich groß und selbständig vor. Sie lernen ja auch die Thora, sind ihre Jünger, ihre Träger in Zukunft. Und die Frauen oben waren glücklich mit ihren Kindern, und bald fiel ein reicher Segen von Süßigkeiten aller Art von der Galerie zur Erde. Und alle äußeren Rücksichten waren vergessen. Wie einst der König David vor der Bundeslade, tanzte man verzückt vor Gott. Man sang und trank und war lustig im Gotteshause. Und nicht das Heilige wurde profanisiert, nein, alles Profane wurde geheiligt. Wo die Freude aus himmlischen Regionen kommt, da hören alle Grenzen auf. Witz und Humor, Fröhlichkeit und Brüderlichkeit entfalteten sich an diesem Tage in ihrer ganzen Urwüchsigkeit. Man ulkte einander rm, man scherzte mit jedem, — es war ein Freibrief für alle Arten harmloser Freude. Seht, dort steht der geliebte Rabbi, der Mittler der Thora, umgeben von den Gabboim und den Ältesten der Gemeinde. Er trägt sein seidenes Festgewand und sein kostbares Pelzbarett. Heute ist er Fürst, er verwaltet das Reich der Thora, er triumphiert mit der heiligen Lehre, die heute ihr schönstes Fest feiert. Aus seinem Gesichte strahlt ein überirdischer Glanz, eine Freude, die aus der Tiefe kommt. Und mit ihm jauchzt und frohlockt die Gemeinde, und seine Freude teilt sich magnetisch allen mit. Man rezitiert Psalmen, man singt Hymnen und man wiegt sich in den Hüften, und bald tanzt und dreht sich das ganze Gotteshaus. Und die Thora leuchtet, und ein Lobgesang aus tiefster Seele steigt zum Schöpfer des Weltalls hinauf. Und droben die Engel singen und tanzen mit, und alles jubelt dem Allerheiligsten zu. „Gott, die Thora und Israel sind ja eine Einigkei t“, — welch himmlische Symphonie! Ein glückliches Volk, glücklich in Gott! Sind wir nicht zu Herrlichkeit geboren? Sind wir nicht zum Höchsten erkoren, zu Lieblingen Gottes? Haben wir nicht den höchsten Reichtum, die köstliche Thora? Ist das ein Gottesdienst? Nein, es ist ein Aufgehen in Freuden, ein Sichversenken in die himmlischen Sphären, ein Wandeln an der Sonne. Schon