Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 40 (30.9.1926)
- Date
- 1926-09-30
- Page
- Seite 632 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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632 Das Jüdische Echo Nr. 40 teren ist diese Problematik heute akuter denn je, denn auf ihr, gerade auf der zweiten Hälfte, beruht es, daß der nach Palästina auswandernde deutsche Zionist auf so große seelische Schwierigkeiten und Hemmungen stößt. Wir alle, die wir im Begriffe sind, herüberzugehen, wissen sehr genau, daß wir trotz der großen deutschen Bücherkiste unsere Problematik drüben nicht völlig auflösen können. Wir hoffen es allerdings für unsere Kinder. Für unsere eigene Person müssen wir in einem gewissen Grade darauf verzichten, denm die Zwitterstellung des deutschen Juden ist schlechthin eine Tatsache, gegen die ein Bekenntnis zu einer Idee nichts hilft. Ich möchte meinen, daß heute, nachdem der C.-V. die einen, der Zionismus die anderen 50 Prozent gelernt hat, der Unterschied in der Wertung der tatsächlichen Situation des deutschen Judentums zwischen beiden nicht mehr so groß ist wie früher. Verschieden sind ihre Tendenzen. Die deutschen Zionisten müssen zum größeren Teil als deutsche Juden leben, die sie sind, genau wie irgendein Mitglied des Central- Vereins. Der Aufbau Palästinas ist nicht ein Werk des deutschen Judentums,' sondern ein Werk, das von einem ganz hohen Prozentsatz der jüdischen Weltgemeinschaft getragen wird. Gäbe es keinen deutschen Zionismus, so würde auch der C.-V. das Palästinawerk unterstützen, genau wie er das jüdisch-nationale Krimprojekt unterstützt. Da aber der deutsche Zionist deutscher Jude ist und nur dann nicht bleibt, wenn er Deutschland verläßt, so kann ich mir keinerlei Interesse vorstellen, das den C.-V. veranlassen könnte, gegen das Palästinawerk zu kämpfen. Es bleibt noch die Frage, wie es heute mit der Möglichkeit einer ernsthaften und ehrlichen Zusammenarbeit steht. Ich glaube, daß sie möglich ist. In der Frage der Bekämpfung des Antisemitismus schieden sich die Geister, als der C.-V. von einer Eigenart des deutschen Juden nichts wissen wollte. In einer antisemitischen Versammlung aufzustehen und zu sagen: „Wir sind wie ihr“, das schien dem Zionismus eine falsche Taktik zu sein, weil sie mit den Tatsachen nicht übereinstimmte und zu leicht widerlegbar war. Wenn der C.-V. heute von der Basis aus kämpft, die Sie selbst in Ihrem Artikel gezeichnet haben, so ist auch hier ein Zusammenarbeiten möglich. Das gleiche gilt von der Mitarbeit, Mitleben und Miterleben am deutschen Staat, der Anteilnahme an. seinem Schicksal, der Beziehung zum Deutschtum überhaupt. Die Problematik des deutschen Zionisten ist keine andere, als die jedes anderen deutschen Juden, denn er ist nichts anderes. (Übrigens: auch der deutsch-völkische Agitator wendet sich unterschiedslos gegen beide.) Seelisch verkrüppelte Menschen, die sich nicht zu ihrer Eigenart bekennen, haben aber noch nie große Leistungen vollbracht. Nur Menschen, die ihre Eigenart bejahen, können sich selbst zu Persönlichkeiten mit der individuellen Eigenart und Originalität bilden, die die starken und lebendigen Impulse wecken, auf denen das beruht, was wir Leistung nennen. So werden nur diejenigen wahre Diener des deutschen Staates sein können, die ihr eigenartiges Sein in ihr eigenes Bewußtsein erhoben haben. Es ist selbstverständlich, daß eine achtungsvolle und ehrliche Befriedung des deutschen Judentums nicht von heute auf morgen kommen kann. Man kann nur, jeder nach seinen Kräften, versuchen, eine Entwicklung in dieser Richtung einzuleiten und zu fördern.“ Zum Rücktritt der polnischen Regierung Annahme des Mißtrauensvotums des Jüdischen ßajlamentsklubs in Polen Warschau, 26.. September (J.T.A.). Obwohl der Unterrichtsminister S o j k o w s k i eine Verordnung erlassen hat, wonach das berüchtigte Geheimzirkular des früheren Unterrichtsministers Glombinski betreffend die Einführung einer Prozentnorm bei der Aufnahme von jüdischen Hörern an polnischen Hochschulen nunmehr außer Kraft gesetzt wird, hat der Klub der jüdischen Deputierten und Senatoren dennoch beschlossen, das vom Klub schon, früher eingebrachte Mißtrauensvotum nicht zurückzuziehen, da die Außerkraftsetzung erst nach der Beendigung der Studentenaufnahme an den Universitäten erfolgt war und sonach der Numerus clausus gegen jüdische Studierende in diesem Jahre in der Praxis noch besteht. Der Mißtrauensantrag lautet: „Bei den Inskriptionen in die höheren Lehranstalten wird gegenüber der jüdischen Jugend mit ganzer Strenge die Prozentnorm auf Grund eines Zirkulars, das vom gewesenen Minister Glombinski herausgegeben wurde, angewendet. Minister Sojkowski widersetzte sich nicht diesen verfassungswidrigen barbarischen Sitten, die insbesondere an der Lemberger medizinischen Fakultät den Charakter eines Symptoms der bürgerlichen Ungleichheit! der Juden in Polen erreichen. Angesichts dieser Sachlage, in Verteidigung nicht nur der lebenswichtigsten Interessen der jüdischen Bevölkerung und insbesondere der jüdischen Jugend, sondern auch der wichtigsten idealen Güter, die den Mai-Umsturz verursacht haben, verlangt der jüdische Sejmklub den Rücktritt des Unterrichtsministers Sojkowski und meldet daher beim Sejmmarschall folgenden Antrag an: Der Sejm wolle beschließen: Der Sejm spricht dem Minister für Kultus und Unterricht, Sojkowski, das Mißtrauen aus.“ ln der Begründung des Antrags führte der Präsident des jüdischen Sejmklubs, Abgeordneter H a r t g 1 a ß , aus, an der Lemberger Universität herrsche der Numerus clausus uneingeschränkt. An der juristischen Fakultät wurden 130 Gesuche jüdischer Studenten abgelehnt, obwohl viele der Ansuchenden die Reifeprüfung mit bestem Erfolg bestanden haben. An der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät waren 40 freie Stellen, es wurde kein Jude aufgenommen. An der medizinischen Fakultät wurden auf 120 Studenten 12 jüdische aufgenommen. Abgelehnt wurden 520 Gesuche, hiervon 500 von Juden. An der Warschauer Technischen Hochschule erhalten Juden bei Prüfungen Aufgaben, die überaupt unlösbar sind. Abgeordneter Hartglaß forderte auch die Abschaffung gewisser Geheimzirkulare des früheren Kriegsministers, die sich gegen jüdische Heeresangehörige richten. Er kam