Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 40 (30.9.1926)
- Date
- 1926-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 40_50. September 13. Jahrgang Die Auseinandersetzung mit dem Central-Verein Ein offener Brief an den Generaldirektor des Central-Vereins Der Erfurter zionistische Delegiertentag hat den Generaldirektor des Central-Vereins, Herrn Ludwig Holländer, veranlaßt, in der C.- V.-Zeitung die auf dieser Tagung gehaltenen Reden zionistischer Führer kritisch zu behandeln. Da diese äußerst scharfe Kritik auf unzulänglicher, ja gehässig entstellender Information beruht, sind die Ausführungen Holländers zu einem großen Teil indiskutabel. Es genügt die bloße Feststellung, daß die Angriffe und Beschuldigungen Holländers gegen zionistische Führer und Redner jeder tatsächlichen Grundlage entbehren. Trotz dieses Sachverhalts hat sich die zionistische Presse mit gewissen Teilen des Holländerschen Aufsatzes, die für eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Central-Verein Bedeutung haben können, eingehend beschäftigt. So hat die Breslauer „Jüdische Zeitung“ unter dem Titel „Befriedung des deutschen Judentums?“ einen offenen Brief ihres Redakteurs, Herrn Dr. Rudolf Samuel, veröffentlich, der den Versuch macht, die Klärung der heute bestehenden Gegensätze in versöhnlichem Sinne zu fördern. Im folgenden geben wir den Kern des Samuelschen Aufsatzes wieder, ohne uns in allen Punkten mit dem Verfasser völlig zu identifizieren. „Auf ein Gebiet kann ich Ihnen auch im Grundsätzlichen kaum folgen. Sie werden mir nicht einreden, daß der Begriff des Judentums, wie ihn der C.-V. auffaßt, lediglich oder auch nur vornehmlich im Gebiete des Religiösen liegt. Gewiß können Sie auf eine stattliche Reihe religiöser Führer in der Liste Ihrer Hauptvorstandsmitglieder hinweisen. Aber welche jüdische Organisation könnte das nicht? Das besagt nichts. Aber Sie wissen wie ich, daß die dominierende und determinierende Besonderheit des deutschen Judentums heute im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr in erster Linie in der Sphäre des Religiösen liegt. Auch im deutschen Judentum haben die religiösenBin düngen an Stärke verloren, und im C.-V. ist es naturgemäß nicht anders. Das Schwergewicht dessen, was den deutschen Juden heute von seiner Umwelt unterscheidet, ist auch in seinem Bewußtsein heute längst in das Gebiet des Soziologischen gerückt. Das ist ja sogar in der Ideologie des Central-Vereins selbst zu spüren. Sie schreiben, daß der Central-Verein niemals den deutschen Juden mit dem nichtjüdischen Deutschen in dieser Hinsicht vollkommen identifiziert habe — ich kann mir nicht helfen, ich sehe darin lediglich einen Beweis dafür, wie kurz in politischen Dingen das Gedächtnis der Menschen ist. Ich kann mich, obwohl zweifellos jünger als Sie, an die Zeit erinnern, in der es im C.-V. ständig und monoton hieß, daß der jüdische Deutsche sich vom protestantischen Deutschen nicht anders unterscheide, als der katholische Deutsche. Heute, aber gibt der C.-V. zu, daß nicht nur Religiöses, sondern auch Abstammungsmäßiges den Juden vom Nichtjuden unterscheidet. Der C.-V. hat zugelernt — aber das ist ein Glück; denn nur wenn beide, C.-V. und Zionismus, zulernen, besteht die Möglichkeit einer Einigung. Natürlich hat der Zionismus nicht diese Dinge neu erfunden. Ich persönlich glaube, daß es in der Welt des Sozialen überhaupt keine „Erfindungen“ gibt. Man kann nur vorausahnen, welche der vielfältigen Ideen, die täglich durch die Welt schwirren, realisierbar sind, weil sie mit den Tendenzen zusammenfallen, die der geschichtliche Ablauf naturnotwendig gebiert. Die Richtigkeit der politischen Konzeption einer Bewegung kann nur daran gemessen werden, ob sie die richtigen Tendenzen erkannt hat. So konnte auch der Zionismus weder die Judenfrage, noch Palästina erfinden. Aber er konnte aus der Wanderungsbewegung die Palästinakolonisation, aus ungelernten Arbeitern Chaluzim, aus jüdischem Rachmonus den Keren Hajessod schaffen. Aber auch der Zionismus mußte zulernen. Die besondere Eigenart des deutschen Judentums hat ihn dazu gezwungen. Gerade weil auch er nicht gegen die natürlichen Tendenzen ankämpfen kann. Der deutsche Jude ist in einer Doppelstellung. In kultureller Hinsicht ist er an das Deutschtum weitgehend, mitunter fast völlig assimiliert. In biologischer Hinsicht und als schicksalsmäßig bestimmter Typus dagegen nimmt er unter den anderen Einwohnern Deutschlands eine Sonderstellung ein, die sich naturgemäß auch im Geistigen bemerkbar machen muß. Der jüdische Typus ist vorhanden, gleichgültig, ob die Wissenschaft ihn eindeutig und exakt definieren kann oder nicht. Gleichgültig auch, ob die Variationsbreite dieses Typus groß oder klein ist. Wir alle haben schon hundertmal einen Menschen an seinem Äußeren als einen Juden erkannt. Es wäre aber geradezu absurd, anzunehmen, daß nicht dieselben biologischen Kräfte, die einen jüdischen Typus erschaffen haben, und dieselben historischen Kräfte, die ihn jahrtausendelang bis zu seiner heutigen Gestalt formten (übrigens das mittel- und osteuropäische Judentum bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit recht gleichmäßig) — daß diese selben Kräfte nicht auch auf dem Umwege sozusagen über die Gehirnkonstruktion die geistige Sphäre des jüdischen Menschen beeinflußt hätten. Wir alle, die wir schon einmal vom jüdischen Kopf, vom jüdischen Witz usw. gesprochen haben, wissen, daß es eine spezifische Methodik des Denkens, einen spezifischen Ablauf intellektueller und seelischer Prozesse für uns gibt. Das ist die eine Hälfte des Problems. Die andere, daß wir trotzdem mit der deutschen Kultur schon seit einigen Generationen verbunden sind. Der C.-V. hat die erste, der Zionimus die zweite Hälfte zulernen müssen. Für den letz-