Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- Seite 543 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 543 Muharram Von Karola Silber (Jerusalem) Zunächst, lieber Leser, will ich dich mit dem dir wohl fremdklingenden Titel meines Aufsatzes bekanntmachen, weil ich fürchten muß, daß du mir sonst kaum Gehör schenken würdest und ich immerhin annehme, daß dich das, was ich dir erzählen will, interessieren dürfte. —> Also, Muharram ist — aber das wissen die meisten Juden hier auch nicht — in erster Linie das arabische Neujahrsfest und zugleich der Name des ersten Monats im arabischen Jahr — und in zweiter Linie — das weiß hier das kleinste Kind, der Termin, zu dem man aus seiner Wohnung auszieht oder ausziehen muß, zu dem alle Leute hetzen und hasten nach einer neuen, einer schönen und einer bessern Wohnung und zu dem man kein anderes Gesprächsthema an allen Ecken Jerusalems hat als „Neue Wohnung“. Das kommt daher* daß die meisten Mietverträge hier im Lande und besonders hier in Jerusalem — in Tel Awiw geht man daran, die schöne Sitte abzuschaffen — von Muharram bis Muharram abgeschlossen werden, d. h. also, daß einmal im Jahr jedem einzelnen eine große Auswahl von Wohnungen offensteht, während es zu jeder andern Zeit kaum möglich ist, eine Wohnung nach Wunsch zu finden, wenn nicht grad mal ein neues Haus während des Jahres fertiggebaut wurde. — Nun ist umziehen ja gerade hier in Jerusalem kein besonderes Vergnügen und keine allzu einfache Angelegenheit und darauf werde ich später noch zurückkommen — aber die meisten Wohnungen sind so eingerichtet, daß man meint, man müßte es mit einer neuen Wohnung unbedingt besser treffen. — Es gibt hier im wesentlichen zwei Typen von Häusern, die für Europäer zum Wohnen überhaupt in Betracht kommen (denn in die dunklen und luftleeren Gewölbe der Altstadt oder in die baufälligen, aus Blech, Holz und Stein zusammengeflickten Häuser in dem jüdischen Viertel Meah Schearim zu ziehen ist bis dato noch keinem Europäer eingefallen): nämlich die etwas älteren arabischen Häuser und die in den letzten Jahren zu Hunderten errichteten Häuser nach europäischem Muster. Beide Arten von Häuser haben Vor- und Nachteile und gewöhnlich ist es so, daß man von Jahr zu Jahr von einem Extrem ins andere fällt, das heißt also, ein Jahr in einem arabischen, ein Jahr in einem europäischen Haus wohnt, bis schließlich mal die Zeit kommen wird, wo man alle Annehmlichkeiten in einem Haus vereint finden kann. Die arabischen Häuser. sind gewöhnlich stark und massiv gebaut, haben meterdicke Wände aus dem schönen, weißen Stein der Jerusalemer Steinbrücke, sind demzufolge im Sommer, auch während der größten Mittagshitze, erträglich kühl. Die Räume sind im allgemeinen groß und schön, in die dicken Wände sind Wandschränke und Nischen eingelassen, — die allerdings trotz ihrer Schönheit für europäische Einrichtungen mit großen und schweren Möbeln nicht sonderlich geeignet sind. Die Zimmer sind meist um eine große Halle oder einen rechteckigen Hof herumgebaut. Die Nachteile der arabischen Häuser sind vor allem das vollkommene Fehlen von Nebenräumen, Küche, Bad, Kammern usw., da die Araber gewohnt sind in dem einen großen Zimmer zu kochen und zu wohnen — und dann das Fehlen der Wasserleitung. Das Waser muß, solange Vorrat reicht, aus der Zisterne gepumpt werden und dann zu Ende des Sommers auf Eseln transportiert und teuer bezahlt werden. — Ganz anders ist es bei den neuen, meist von jüdischen Unternehmern erbauten Häusern. Dort findet der Europäer, was er, besonders hier, so schmerzlich vermißt, reichlich Wasser, eine Küche mit Spültisch, ein europäisches Badezimmer mit Dusche, W. C. usw. Das sind so schöne und besonders hier so nötige Dinge, daß man darüber gewöhnlich übersieht, wie klein und häßlich die einzelnen Zimmer sind, wie aller Raum auf Kosten der Größe und der Schönheit der einzelnen Wohnräume gewonnen wurde, wie dünn die Wände und die Mauern des Hauses sind, die häufig aus Beton, Silikat oder andern für das hiesige Klima gjanz ungeeigneten Baumaterialien gefertigt sind. So also sieht die Auswahl auf dem Wohnungsmarkt aus, und wer sich kein Haus bauen kann und nicht die Mittel hat, sich ein arabisches Haus umbauen und installieren zu lassen, wird noch lange Jahre hinaus jedes Jahr um die Muharramzeit von der Massenpsychose des Wohnungssuchens und Umziehens mitgerissen werden ... Aber nun will ich ein wenig von den einzelnen Stadien des „Muharram“ erzählen. Zirka sechs Wochen vor Muharram steigen die Wohnungspreise infolge der ungeheuren Nachfrage rapid. Jeder weiß, direkt vor Muharram kann man billige Wohnungen bekommen, aber das ist eine etwas gewagte Lotterie; denn erstens muß man nehmen, was übrig bleibt und das ist natürlich nicht das beste, und dann könnte es auch .mal passieren, daß man auf der Straße sitzt, d. h. aus seiner Wohnung ausziehen muß und keine neue finden kann. So beginnt also eine Hetze und Suche nach Wohnungen in allen Bezirken der Neustadt. Täglich, zu allen Tageszeiten kommen Leute in die verschiedenen Wohnungen und ohne Makler, oft mehrere Parteien auf einmal, und stören die Bewohner des Hauses, die weit entfernt davon sind, jemandem das übel nehmen zu wollen, da sie ja gewöhnlich selbst suchen. — Die Wohnungsmakler haben ein besonderes Talent, die Wohnungen der verschiedenen Bekannten untereinander zu verstauschen — als obs dafür keinen kürzeren Weg gäbe. Auf jeden Fall ist für sie die Muharramzeit ganz einträglich. Sie nehmen einen ganz erheblichen Prozentsatz vom Mietvertrag des ersten Jahres. Sie wissen genau, wie nötig man sie braucht und Leute, die im Beruf stehen und nicht Zeit haben, tagelang straßauf straßab zu laufen, müssen wohl oder übel einen Makler nehmen. — Die erste Woche von Muharram ist das Fest der Sabbalim (der Lastträger). Elijahu, der König der Sabbalim aus Meah Shearim, versteht es besonders, aus Muharram herauszuholen, was nur möglich ist. Er hat „Beziehungen“, und das ist viel wert. Durch seinen schönen schwarzen Vollbart, seine schwarzen Augen und seine zierliche Gestalt hat er sich besonders die Gunst unserer deutschen Freunde erworben, und da von denen kaum zehn Prozent wohnen blieben, hatte Elijahu mächtig zu tun. Kleine Aufträge lehnte er prinzipiell ab zur Muharramzeit, selbst für die Bibliothek, für die er das ganze Jahr arbeitet, hatte er keine Zeit. — Er organisierte sich eine Gruppe Sabbalim, mit denen er an einem Tag — von fünf Uhr früh bis sechs Uhr abends — fünf bis sechs Umzüge durchführte. — Er kam mit seiner Truppe zur ausgemachten Zeit, brachte je nach der Menge der Möbel einen arabischen Fuhrmann oder ein Lastauto mit und alles ging auf seine Verantwortung. Wehe, wenn man ihn beraten, ihm drein-