Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 34 (20.8.1926)
- Date
- 1926-08-20
- Page
- Seite 542 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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512 Das Jüdische Echo Nr. 34 Erze droben ein heimlicher Ton an sein Ohr geschlichen» kam: „Hier ist wohl Liebe,“ sprach er zu sich selbst, „aber leben kann man auch davon nicht.“ Seufzend blieb er bei dem Turme stehen, bereit, alle Vorübergehenden zu mustern und in ihren Mienen das Geheimnis seines Volkes zu lesen. Da sah er denn, daß es vor allem die Jungen waren, die in den Turm hineingingen und aus dem Turm herauskamen, mit begeisterten Schritten und flammenden Augen: Seht, welch ein Werk wir schaffen! Und sah die Weiber, die den Jünglingen nachblickten und mit den Augen der Jünglinge zur Glocke schauten, ihre Schritte setzten wie sie und wie sie ihre Lippen bewegten. Und sah die Männer, die sich über den leeren Schwung im Glockenturm schon gar nicht mehr wunderten, aber wenn sie vorübergingen, einen Bogen machten um den Eingang des Turmes, der von der Jugend eifersüchtig behütet wurde. Und sah schließlich die -Greise, wie sie stundenlang am Euße des Turmes saßen und nach oben starrten. Da kam es dem Könige plötzlich vor, als wären alle diese Menschen von einem schweren Traum befangen und er selbst der einzig Wache in einem Volk von Schlafwandelnden, und er seufzte tief.— Ein Jahr war vergangen, der heilige Sühnetag nahte heran, da konnte der König eines Abends nicht einschlafen, und sein Geist war sehr beunruhigt. Er stand von seinem Lager auf und schlich sich in die silberne Nacht hinaus. Und siehe, da erlebte der weiseste der Könige, der zugleich der liebereichste war, etwas wundersam Liebliches: Im Schatten des Glockenturmes, der wie ein heiliger Finger in die Mondnacht ragte, stand ein junges Liebespaar selig aneinander gelehnt. Der Knabe hielt das Mädchen umschlungen und hauchte ihr ins ühr: „Hörst du die Glocke tönen, meine Taube, meine Reine?“ „Ich höre sie mein Geliebter.“ „So sage doch, was tönt sie dir, du Gazelle von den Bergen?“ „Sehnsucht tönt sie, mein Geliebter, stumme Sehnsucht nach dem, der sie zum Tönen brächte, Sehnsucht nach dem goldenen Schlägel ihres Klanges, ohne den die Glocke keine Glocke ist.“ „() meine Geliebte, meine Taube vom Turm, meine Gazelle von den Bergen, wie will ich dich zum Tönen bringen!“ Als der weiseste der Könige solche Worte hörte, dünkte es ihn wie ein göttliches Wunder. Sein Herz schwoll über von Liebe für die liebenden Kinder seines Volkes, allgewaltig rührte die Träne sein Auge, und den ganzen Rest der Nacht, da er sein Lager wiedergefunden hatte, war ihm die Brust wie tönendes Erz. Als die Sonne in sein Fenster schien, stand Salomo auf, nahm eine kurze derbe Peitsche von der Wand, wie sie die Reiter brauchen, und begab sich mit starken, königlichen Schritten zum Affenwald, entschlossen, dem Spiel ein Ende zu bereiten. Als er in die Mitte des Waldes kam, bot sich ihm ein Bild so käglicher Lächerlichkeit, daß sein Gesicht voll Zorn und Flammen ward: Zwischen den Zweigen des weithin schattenden Brotbaums hatten die Affen ihrem König aus Schlinggewächsen einen schwebenden Thron gezogen, darauf saß in der Höhe der große Affe Kofamadbra, um ihn herum Ast an Ast das ganze Affenheer und schauten einem Schauspiel zu, wie die Welt noch keines sah: Über den höchsten unter allen dicken Ästen des Baumes hatten die Affen ein Bastseil geworfen, an dessen einem Ende der gestohlene Schlägel der heiligen Sühneglocke hing, während am anderen mit Händen, Füßen, Schwänzen und dem Gewicht ihrer kahlen Bäuche hundert Affen zogen, quiekend und kreischend, auf und nieder, auf und nieder. „Ihr Affengezücht!“ schrie der erzürnte Salomo, und mit einem Satze flog Kofamadbra von seinem schwingenden Thron, das ganze Heer der Geschwänzten stob auseinander, und der Schlägel fiel dröhnend herab. „Ihr Affengezücht! Rotgesäßiges Diebesgeschmeiß! Wähnt ihr, daß es möglich sei, einen Schlägel zu läuten? Wähnt ihr, daß ihr mit Füßen und Schwänzen läuten könnt, was eure Hand nicht zu. läuten vermag? Geile Springer hierhin und dorthin, was soll der Betrieb? Ihr Selbstbefriediger, ihr Zappler, ihr Fletscher, Gezücht, Gezücht, Gezücht, ich treibe dich hinaus!“ Und damit fuhr er mit seiner Peitsche mitten unter die Affen, schlug nach rechts und links unbarmherzig in die heulenden Rudel hinein, hierin und dorthin, daß es knallte, packte Kofamadbra, ihren brüllenden Fürsten, und pfiff ihm seine Hiebe über den haarlosen Leib. Fürchterlich war das Heulen ringsum, unter den Fliehenden brachen die Wipfel, einer stürzte über den anderen und stürzte in die Tiefe, um dort noch einmal ergriffen und gepeischt zu werden. Kofamadbra aber brüllte seine äffische Schmach so gewaltig über den Wald, daß er damals bis Hebron gehört wurde, und das Land erbebte bis Bethlehem. Salomo in seinem Zorn aber hörte nicht auf, als bis das ganze Heer der Madbraaffen aus dem Walde herausgeschlagen war. Am nächsten Morgen führte der König die Priester und alles Volk in den Affenwald hinaus, wo unter dem Brotbaum zwischen gebrochenen Ästen und entblätterten Zweigen der wiedergefundene Schlägel lag.- Da erwachten die Menschen und begriffen nicht, wo sie solange gewesen waren. Mit noch dumpfen Sinnen folgten sie dem Könige und brachten den Schlägel zum Turme zurück. Aber erst als er der Glocke wiedergegeben war und beide zusammen das erstemal am heiligen Sühnetage aufs neue zu läuten begannen, daß der erschütterte Himmel sich auftat und die göttliche Glorie herniederkam, da erst befreite sich das Herz des Volkes vom Schlafe jenes dumpfen Jahres, als leer die Glocke über den Häuptern schwang. Als wenige Tage später die heitere Woche der Laubhütten kam, erlebte das befreite und wiedergeborene Volk ein noch anderes und seltenes Fest. Im Palaste des Königs wurde die Hochzeit jenes jungen Paares gefeiert, das Salomo nächtlich am Turme belauscht hatte und dem er nun zu einem königlichen Glück verhalf. Alle sieben Tage der Laubhütten feierte das Volk,*des Königs Keller voll köstlichen Weines waren aufgetan, und aus seinen Gewölben kam Speise und Süßigkeit. In der Brautnacht aber, da die Kammer der Liebe sich geschlossen hatte hinter den glücklichen beiden, mochte der weiseste und liebreichste aller Könige nicht schlafen gehn. Er stand auf dem Dache seines Hauses und lauschte dem Klopfen seines rauschenden Blutes, das nicht zur Ruhe kam. Um Mitternacht aber, als alles schlief, durchzuckte ihn mit einem Male die Liebe Gottes, er nahm einen Griffel in die Hand und schrieb unter den Sternen der Nacht jenes tönende Lied nieder, in dem der helle Himmel wandert durch die irdische Welt und die dunkle Erde über Gottes unendliche Himmelsbahn, und das darum mit Recht das Lied aller Lieder genannt -wird bis auf diesen Tag.