Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 19 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 304 [302] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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304 Das Jüdische fcch< Nr. 19 Staaten bedeutet eine moralische Stütze für die jüdisch-religiöse Schächtm e t h o d e. Die Überführung der sterblichen Überreste Max Nordaus. Paris, 28.. April (J. T. A.) Eine ungeheure Menschenmenge füllte die Halle des Gare de Lyon zu Paris, wo der Sarg mit den sterblichen Überresten des verstorbenen zionistischen Führers Max Nordau aufgebahrt war. Herr Joseph Cowen als der Vertreter der zionistischen Weltexekutive breitete über den Sarg eine blau-weiße Seidendecke, die die hebräische Inschrift trug: „Dem Gedenken des großen Führers. — Und sie brachten ihn zu seinen Vätern nach Erez Israel.“ Die Feier begann genau zur Mittagsstunde. Ihr wohnte die Witwe Max Nordaus bei. Ansprachen in französisch hielten Rabbi Sturze, Prof. Victor Basch, David Jacobsohn, Vorsitzender der Vereinigung der Freunde Nordaus und Marmoreks, Andre S p i r e , Joseph Cowen, A. V e r 1 a n c i und R. Lambert. Herr Hillel Zlapotolsky sprach hebräisch, Wladimir T e m k i n jiddisch. Mit dem Vortrag des „El Male Rachamim“ schloß die Feier. — Der Sarg wurde nach Marseille gebracht, von wo er mittelst Dampfers nach Tel-Awiw zur Beisetzung in einem von der Gemeinde gespendeten Ehrengrab überführt werden wird. Der Dampfer „Lamart i n e“, der den Sarg nach Tel-Awiw in Palästina zu überführen hat, hat bereits den Hafen von Marseille verlassen,. An Bord befinden sich die Witwe Max Nordaus und dessen Tochter, die talentvolle Bildhauerin Maxa Nordau. Die Überführung des Sarges vom Bahnhof St. Charles zum Dampfer „Lamartine“ gestaltete sich sehr feierlich. Sämtliche jüdische Korporationen sowie das Rabbinat von Marseille hatten Vertreter entsandt. Feuilleton Der reiche Ärme Von Abraham Reisen. Der Dichter beging in diesen Tagen seinen 50. Geburtstag. Wir veröffentlichen aus diesem Anlasse eine der neueren Arbeiten des bedeutenden Lyrikers und Erzählers. Das einzige Begehren, das Josche Beer in den letzten Jahren tief im Herzen trug, war, ein armer Mann zu werden wie alle armen Juden, die es im Städtchen gibt. Herr der Welt, klagte er zu sich, wie lange wird es noch angehen, sich selbst und alle Welt zum Narren zu halten.. Diese Lüge kann einen doch platzen machen! Und was hilft mir dieses Zum-Narren-halten, sagte er weiter zu sich selber, weiß man es denn nicht, daß Josche Beer ein gefallener Mensch ist, gebrochen, kaum daß er noch leben kann? Und Josche Beer hat schon nicht nur einmal den Entschluß gefaßt, den noblen Ruf einstiger guter Zeiten von sich zu werfen. Er wird nach der Art verarmter Bürger seine Lebensführung einrichten: erst dann wird ihm das Leben leicht werden. Und wozu taugt das Versteckenspielen, wenn Armut nicht jenes Ding ist, das sich verbergen läßt? Ihm scheint es, daß sie aus dem Hut hervorguckt, den er an Wochentagen und auch an Samstagen tragen muß. aus dem schwarzen, immer feiertagsmäßigen Überwurf; und selbst wenn er im Winter den Pelz anlegt mit dem ungemein wirkungsvollen Pelzkragen, glaubt er, daß man dieses untrügliche Zeichen vergangener besserer Zeiten als für ihn nicht passend ansehe, als ein Kleidungsstück, das er irgendwo geborgt und das er heute oder morgen wird zurückgeben müssen. Seine Armut muß er wie einen Diebstahl verbergen, er muß oft lächeln, aber dieses Lächeln ist nicht wie einst, es fehlt ihm der Reiz jener guten Zeiten, es ist ein Lächeln, nach welchem das Gesicht sich sofort bewölkt und die Augen einen Glanz der Verzweiflung bekommen. Und seufzt er, wie es der Brauch eines vornehmen Juden ist, so ist dieses Seufzen auch nicht mehr das von einst. Es fehlt ihm die Geruhsamkeit, Bedächtigkeit, die richtige Gedehntheit. Es ist ein Seufzen, nach welchem man die Hände zum Ausruf ballen möchte: „Oh, welch ein Weh ist mir geschehen!“ Und er muß immer vorsichtig sein, sich hüten; er fühlt sich wie einer, dem man die Hände gebunden hat, die er nicht ausbreiten darf, um zu rufen; „Juden, ich bin gesunken, gebrochen! Ich bin der ärmste der armen Teufel, und laßt mich endlich zu Ruh’!“ Das würde einen ganzen Berg von seinen Schultern nehmen, er wäre wie neu geboren. Kann er kein echter Reicher sein, dann wenigstens ein echter Armer! Aber ein armer Mann zu werden, das ist für Josche Beer keine leichte Sache. Er weiß nicht, wie man das anstellt. Da, man weiß es, daß er arm ist, aber man vergißt es wieder... Es ist wahr, neue Kleider hat er sich schon sehr lange nicht mehr machen lassen, aber die Kleidungsstücke aus den guten Zeiten sind so zahlreich und so fest (einstige Ware!) und so sauber, daß, welches von ihnen du auch anlegst, du wie ein Vermögender aussiehst, ein nobler Mensch, ein Mensch, der für Wohltätigkeit spendet. Und legt er auch einmal mit dem Mut der Herausforderung das älteste und schäbigste an, hilft es auch nichts, der Bart ist zu vornehm, die Augen sind die eines reichen Mannes, und selbst die schäbigste Falte ist nicht so einfach schäbig, man kann es mit Händen greifen, daß schäbige Falten eines armen Juden im Städtchen anders ausschauen. Die Falten stehen ihm zu Gesicht...! Und selbst das Haar, das grau geworden ist vor Sorge, sieht anders aus als grau gewordenes Haar — echtes Silber, nimm und versetz’ es. Und seine Frau Esther Bejle. Ihre Perlen sind schon lange versetzt. Sie trägt auf dem Hals ein schwarzes billiges Bändchen, das ihr aber so gut steht wie Perlen. Tut sie ein billiges Tuch auf den Kopf, glauben alle, es ist aus Seide, nimmt sie Stoff für ein Kleid um einige Gulden und näht sich es selber in aller Ruhe, dann sagt man ihr Samstag in der Schul: „Tragen sie es gesund“, und schätzt es in die schweren Rubel. Und, es ist ja wahr, was immer sie anhat, sie sieht wie eine Fürstin aus, die Figur ist schlank, voll, die Augen, zwei Diamanten, leuchten stolz, voll Ruhe