Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 19 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- Seite 296 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Das Jüdische Echo Nr. 19 Selbstbesinnung Von Martin Buber. (Schluß.) Ich will hier nicht die Organisation, wie sie ist, mit der, wie sie sein sollte, mit dem Werkverband vergleichen. Das soll in der Stunde der Selbstbesinnung jeder nach seiner eignen Wahrnehmung und Einsicht tun, und wenn ihm dann der Widerspruch auf der Seele brennt, soll er bei sich anfangen. Aber ein paar Worte müssen gesagt werden zu dem Allerernstesten, Allergewichtigsten: zu dem, was in Palästina selbst geschieht. Das Ziel einer konzentrativen Kolonisation hat ihrem Wesen nach dreierlei Bedeutung. Zum ersten eine politische. Wir wollen aus der Problematik der Unselbständigkeit, des Von-außenbestimmtseins, des Aufgeteiltseins unter Souveränitäten, an deren Willenshandlungen wir keinen oder keinen erheblichen Anteil haben, heraus; wir wollen aus Palästina ein selbstbestimmendes Gemeinwesen bilden, das, ob auch quantitativ noch gering, doch schon als subjektives und objektives Gegengericht unserer Abhängigkeit wirkend werden kann. Wir unternehmen dies als ein nicht bloß staatsloses, sondern auch staatlich ungeschütztes Volk (was freilich die meisten von uns lange zu erkennen sich weigerten). Welche Parole ergibt sich aus dieser Situation und welche haben wir ausgegeben? Die ausgegebene lautet: Mehrheitsbildung. Als ob ein Gemeinwesen, das unsere Problematik nur umkehrte, das uns nämlich (meinetwegen in humanerer Form) dort an andern tun ließe, was gleichzeitig hier an uns getan wird, uns von der Problematik zu erlösen vermöchte! Die wahre Parole lautet: Dienst an der fremden Bevölkerung des Landes um des werden sollenden Gemeinwesens willen; Interessenvereinigung, aber auch Förderung ihrer besonderen. Interessen, um sie die Wünschbarkeit und Möglichkeit der Interessenvereinigung fühlen zu lassen, aber über diesen1 Zweck hinaus, um ihres Wohls als eines Glieds der werden sollenden Gemeinsamkeit willen; daher unbefangenes Kennenlernen, zu dessen Voraussetzungen, außer der Kenntnis der Sprache und der Traditionen, vor allem das entschlossene Abstreifen des allzusichern Überlegenheitsgefühls gehört, in dem wir es kaum weniger weit gebracht haben als etwa die Polen uns gegenüber, und mit kaum größerem Recht. Wenn ich das den Leuten sage, die drüben leben, pflegen sie auf die besondern Zuchtlosigkeiten der Araber hinzuweisen; aber es will mir scheinen, als hätte die Zucht, die wir unseren Traditionen verdanken, auch schon nicht wenig gelitten, — und haben wir sie aber noch, wohl, so setzen wir sie im persönlichen und gesellschaftlichen Verkehr ein und lassen wir sie wirken! Das sind nicht etwa sogenannte „ethische“ Postulate, sondern politische; es wird hier keine andere Frage berücksichtigt als: Wie können wir unser Ziel erreichen? Aber eben unser Ziel! Wenn man ein Ziel täglich in Tageszwecke umwechselt, statt täglich etwas von ihm selbst zu realisieren, hat man es zuletzt vertan. Und ferner: ob der Zweck die Mittel „heiligt“ oder nicht, ist eine dialektische Frage, die mir keinen konkreten Sinn zu haben scheint; aber daß es von den angewandten Mitteln abhängt, ob das, was durch sie erreicht wird, überhaupt noch etwas von der Wirklichkeit des einst geschauten Ziels hat oder, unter seinem Namen, sein völliges Gegenteil darstellt, das ist eine politische Tatsache. Zum zweiten hat das Ziel einer konzentrativen Kolonisation eine soziale Bedeutung. Wir wollen uns in einer vollständigen Gesellschaft aufbauen. In der natürlichen Stufung der Wirtschaftsschichten von der Urproduktion über die Verarbeitung der Urgüter aufwärts setzt unser Dasein unter den Völkern in der Mitte oder doch in einem Abstand vom Boden ein; wir sind nicht am Wurzelleben der Gesellschaft beteiligt, sondern beginnen da, wo die aus der Erde gestiegenen Säfte schon in das Leben des Stammes und seiner Äste eingegangen sind; wir arbeiten zwar mit, aber erst an der Verwendung; daher kommt unsere (oft erörterte) soziologische Problematik: wir können nicht wie die Völker die Erdenkraft unserer „geistigen“ Schichten aus dem Reservoir der bodenständigen erneuern, wir entsenden die seltsamsten Luftwurzeln, wir führen ein soziolo- HAUSER’S HOTEL „DER REICHSADLE R“, MÜNCHEN ab I.M a i 1 926 GASTSPIEL EFIM SCHACHMEISTER mit seiner weltberühmten Tanz-Kapelle täglich nachmittags und abends Eintritt frei!