Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 18 (30.4.1926)
- Date
- 1926-04-30
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Das Jüdische Echo Nr. 18 Was dazwischen liegt und den Zionismus ablehnt, kommt gedanklich kaum in Betracht. Es kann natürlich im Rahmen einer kurzgefaßten Überlegung nicht auf eine gründliche Untersuchung der erwähnten vier Probleme ausführlich eingegangen werden. Es wird sich die Gelegenheit ergeben, im einzelnen jede der vier Fragen zu beleuchten. Vorwegnehmend kann aber schon jetzt gesagt werden: Noch immer ist die Judenfrage ein weltpolitisches Problem und nur auf weltpolitische Weise zu lösen. Das beste, radikalste Mittel zur Erhaltung der jüdischen Art, zur Normalisierung des jüdischen Volkslebens ist und bleibt der Zionismus. Das jüdische Volk ist in seinen gesündesten jüdischsten Teilen fähig und entschlossen, Menschen und Mittel für die Durchführung des Aufbaus des jüdischen Nationalheims in Palästina zur Verfügung zu stellen. Dreißigjährige Erfahrung erbrachte den Beweis, daß nur Palästina aus moralischen Gründen und dank der in diesem Lande gegebenen rechtlichen und politisch-wirtschaftlichen Bedingungen prinzipiell den geeigneten Schauplatz für die Errichtung des jüdischen Nationalheims darstellt. Diese wohl kaum widerlegbaren Behauptungen sollten denjenigen, die bisher dem Zionismus, wenn nicht ablehnend, so doch gleichgültig gegenüberstanden, zu bedenken geben, ob nicht jetzt der rechte Augenblick gekommen ist, den lange vorbereiteten und nunmehr reifenden Entschluß zur Ausführung zu bringen: dem zionistischen Programm ihre Zustimmung zu erteilen und als äußeres Zeichen dieser Zustimmung jenen Schritt zu tun, der sie auch formell in die zionistischen Reihen einordnet: sich in den Besitz des zionistischen Schekels zu setzen! M. W. Selbstbesinnun g Von Martin B u b e r. (Schluß.) Torheit ist es also nicht, dieses Unternehmen, Unterfangen des jüdischen Volkes. Willkür ist es nicht, aber es ist etwas Unerhörtes, im strengen Sinn Präzedenzloses. Dazu aber ist es etwas Verwegenes; weil es das, was in aller Geschichte nur — offiziell oder verhohlen — Werk der Macht gewesen ist, ohne Macht vollbringen will. Denn ein Staat-, land- und verbandloses Volk ist im geschichtlichen Verstand nicht als Macht anzusehen. Wie kann das Wagnis eines so neuartigen Verfahrens glücken? Nur indem der Mangel an Macht kompensiert wird. Wodurch aber kann der Mangel an Macht kompensiert werden? In aller Geschichte nur durch eins: durch Leidenschaft. Leidenschaft ist die große historische Kompensation der Machtlosigkeit. Auf diesem öffentlichen Geheimnis beruht zum Beispiel die Tatsache der erfolgreichen Revolutionen. Revolution beginnt niemals mit der „Erhebung der Volksmacht“ (das ist nur eine nachträgliche Abstraktion der Geschichtsschreiber), sondern mit der Leidenschaft einer machtlosen Minderheit, welche die Tat usurpiert. Sie zeugt das Werk, welches die Mehrheit dann anerkennt. Sie setzt ihre Leidenschaft ein, das heißt: sie setzt sich ein. Damit kann sie die Macht bekämpfen, kann die Macht erkämpfen. Die Menge, die ihr folgt, weil sie von ihrer Leidenschaft erfaßt wird, läßt sie zur Macht werden. Die Leidenschaft ist nicht bloß die Waffe der Minderheit, sie ist auch ihr Erweis. Denn Leidenschaft — das Element, ohne das keine wirkliche Tat geraten kann, das Element, dem nur die Richtung fehlt, damit das Reich Gottes aus ihm gebaut werde — bedeutet: nichts von sich zurückhalten; alles hergeben können; alles, auch das Leben, wenn es nötig ist, aber, solang dies noch nicht nötig ist, alles andere, die Lebenszeit, die Lebenskraft, und nicht zumindest auch die Lebensgüter. Das hergeben können, damit die Tat getan, das Werk gewirkt werde, das ist der höchste menschliche Erweis. Das jüdische Volk, das, in all seiner Problematik, es unternahm, zum ersten Male in der Geschichte der Völker, konzentrierende Kolonisation zu treiben, konnte seine Machtlosigkeit, seine Kernlosigkeit, seine Exilhaftigkeit, konnte die Paradoxie seiner Situation kompensieren: durch Leidenschaft. Hat es denn aber daran gefehlt? Wissen wir denn nicht, wie damals, vor einem Vierteljahrhundert, die Begeisterung emporbrannte? Hat sie sich nicht opferkräftig erzeigt? Zwischen revolutionärer Tat und kolonisatorischer Arbeit besteht ein wesentlicher Unterschied: jene verlangt eine einmalige, oder doch immer wieder einmalige Erhebung, diese eine dauernde Hingabe; jene die große leuchtende Manifestation, diese die unscheinbare, versteckte, anonyme Bewährung im unablässigen Kleinwerk des Alltags; jene ist also der natürliche Nährboden der Leidenschaft, diese entbehrt der Säfte, die die Leidenschaft speisen. Und dennoch, nur durch Dauer-Leidenschaft, durch eine dauernde Opferkraft, in die ein heranwachsendes Geschlecht um das andere einbezogen wird, kann ein Unternehmen wie dieses geraten. So setzt sich das Paradox des Zionismus in seinem Werk selber fort. Hätte die große, die dauernde Leidenschaft des unerhörten Werks erst die „usurpierenden“ Zionisten, die ohne anderen Auftrag als den der Sache sie begannen, dann das ihnen allmählich folgende Volk ergriffen, dann hätte sich solches begeben: Da es staatlos, verbandlos ist, hätte sich das Volk als Werkverband konstituiert, das heißt: es hätte sich zu einer einheitlichen, festgefügten, leistungsfähigen Werkeinheit zusammengeschlossen, welche den Aufbau Palästinas in zuverlässiger Arbeitsteilung, unter zuverlässiger Führung unter-« nahm und ausführte. Es hätte diesem Werkverband nicht bloß, was er an Menschenkräften verschiedener Eignung, sondern auch was er an Geldmitteln brauchte, zur Verfügung gestellt. Und in all seiner Problematik hat das jüdische Volk Kräfte und Mittel genug, um Palästina aufzubauen; es bedurfte nur der Leidenschaft, sie hergeben zu wollen, der mächtigen Leidenschaft, die wie eine Feuersbrunst um sich schlägt, bis die Befähigten sich ihrer dem Dienst am Werk entzogenen Fähigkeiten und die Reichen sich ihres dem Dienst am Werk entzogenen Reichtums schämen. Wird sich in der Stunde der Rechenschaftslegung einer finden, der hier einwürfe, es werde doch Geld für Palästina gegeben? Der Zionismus hat als eine Leidenschaft des Armen begonnen; es sieht mitunter so aus, als sei er im Begriff, eine Liebhaberei der Reichen zu werden. Weh ihm, wenn er’s wird!