Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 12 (19.3.1926)
- Date
- 1926-03-19
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Das Jüdische Echo Nr. 12 Literarisches Echo Geschichte der Juden in Polen und Rußland. Das Werk von Josel' Meisl, das diesen Titel trägt, ist im Verlag von Schwetschke & Sohn in Berlin 'erschienen. Es behandelt an sich nur die Juden eines einzigen, wenii auch großen und wichtigen Teils der Diaspora von den frühesten Zeiten bis zur Neuzeit. Trotzdem kann man sagen, daß das Werk zugleich, wenigstens für die letzten zwei Jahrhunderte, die jüdische Geschichte überhaupt behandelt. Denn wirkliches gesellschaftlich-jüdisches Eigenleben hat es in den letzten 200 Jahren nur in Polen gegeben. Gewiß, man kann auch an der Geschichte der deutschen Juden von 1700 bis 1900 nicht vorübergehen, aber doch nur ähnlich dem, wie eine Geschichte der Engländer auch von den Engländern in Ägypten, Südafrika, Kanada und Australien zu sprechen haben wird. In Deutschland und vielen anderen Ländern gal) cs auch zu jener Zeit Juden; aber in Polen und nur in Polen war der Sitz der jüdischen Masse und darum der Platz, auf dem die jüdische Geschichte jener Zeit spielt. War das immer so oder wie ist es dahin gekommen? Woher die ersten Juden nach Polen gekommen sind, ist zweifelhaft. Vielleicht von Westen her, wahrscheinlicher aber vom Kaukasus über Rußland. Gerade in jenen Gebieten — dem damaligen „fernen Osten“ für Mittel- und Westeuropa — haben ja Juden schon zur Zeit des zweiten Tempels gesessen, und gerade in jenen Gebieten hat das Judentum eine zeitweilig sehr expansive Entwicklung gehabt. Bekannt ist der Übertritt der Chazaren zum Judentum im 8. Jahrhundert. Im späteren Mittelalter waren am russischen Hof und in der russischen Kirche ebenfalls zeitweise Proselytenneigungen für das Judentum vorhanden. Die ersten größeren jüdischen Ansiedlungen im westlichen Rußland haben wahrscheinlich gar nicht Stammesjuden, sondern Proselyten gebildet. Noch weiter nach Westen -— bis Polen — hinübergegriffen hat wohl auch der jüdische Kaufmann. Wir wissen von den rheinischen Juden, daß sie schon im frühesten Mittelalter Reisen bis nach Mesopotamien gemacht haben; ebenso dürften die russischen Juden in Handelssachen nach Polen und dort mit den Juden aus dem Westen zusammengetrotfen sein. Wenn dies für die ersten jüdischen Niederlassungen zutrifft, über die wir nichts Sicheres wissen, so kennen wir doch die im späteren Mittelalter erfolgte Masseneinwanderung deutscher Juden nach Polen. In Deutschland wurden sie vertrieben und in Polen mit offenen Armen aufgenommen; und sie bedeuteten in dem relativ langsamer entwickelten polnischen Wirtschaftskörper mit ihren aus Deutschland mitgebrachlen wirtschaftlich reiferen Qualitäten eine solche Potenz, daß sie dem Staat unentbehrlich wurden. Zugleich aber wuchs ihre Zahl zu respektabler Höhe, so daß sie sich eine Organisation errangen, die man fast eine nationale Autonomie nennen könnte. Meisl hat die Gründe dieser Autonomie erkannt, aber nicht deutlich genug herausgearbeilel. Die Gründe, die zur Entstehung der „Vierländersynode“ führten, waren sehr realer und greifbarer Natur; sie ergaben sich einerseits aus den Zahlen- und anderseits aus den politischen Landesverhüllnissen. In Polen nahmen die Juden an Zahl im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung seit dem 14. Jahrhundert rapide zu; noch heule bilden sie ja in manchen Landstädten die Majorität der Bevölkerung; in Deutschland hingegen nahm die Zahl der Juden im Verhältnis zur Gesamlbevölkerung infolge der ungünstigeren Lebensbedingungen ab. So waren schon durch diese Zahlenverhältnisse für die Entwicklung der Juden in Polen andere Voraussetzungen geschaffen als für die deutschen Juden; wenn man eine historische Parallele für diese günstige Wirkung der großen Zahl sucht, so denke man an die relative Selbständigkeit einer kompakten jüdischen Siedlung unter den Neupersern in Babylonien oder in der hellenistischen Zeit in Alexandria. Zu dieser zahlenmäßigen Besonderheit der polnischen Juden kamen die politischen Besonderheiten. Polen war in seiner Hauptmasse geographisch ziemlich einheitlich und hatte daher viel günstigere Voraussetzungen für eine staatlich geschlossene Entwicklung als Deutschland; dagegen hat in Deutschland durch das ganze spätere Mittelalter die kaiserliche Zentralgewalt vergebens darum gerungen, sich gegenüber den Lokalgewalten durchzusetzen. Parallel mit diesen allgemein politischen Entwicklungen verlief die politische Entwicklung der Juden; in Deutschland blieben alle Versuche, sie einheitlich zu organisieren, wie unter Kaiser Albrecht, Karl V. u. a. m„ auf die Dauer wirkungslos; in Polen dagegen hatten sie Erfolg. Die polnische Vierländersynode ist in ihren Grundlagen nicht nur eine Auswirkung spezifisch polnischer Verhältnisse; in Polen waren nur die Verhältnisse viel günstiger, so daß Entwicklungen dort zur Vollendung gelangten, die anderwärts im Keimen erstickten. Dieses Wie und Warum der polnischen Entwicklung hätten wir bei Meisl gern noch besser herausgearbeitet gesehen; die Parallelstellung mit den Verhältnissen in anderen Ländern hätte manches anschaulicher gemacht. Aber nicht nur die Entstehung, sondern auch der Verfall dieser jüdischen Autonomie zeigt die typischen Züge der jüdischen Geschichtsentwicklung. Derselbe Niedergang, der uns aus der Geschichte der deutschen Juden seit dem dreißigjährigen Krieg bekannt ist, zeigt sich auch an der Vierländersynode. Wirtschaftlich war Armut an Stelle ehemaligen Reichtums getreten, ' sozial Mißachtung an Stelle ehemaligen Ansehens, politisch Resignation an Stelle des früheren Lehensmuts, und das vorläufige Ende einer ehemals großartigen Entwicklung erkennen wir als leider sehr kläglich an der heutigen Situation der Juden in Polen. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der großen Fülle, die uns das dreihändige Meislsche Werk beschert. rst. AUTO«: Reparatur -Werkstätte für alle Systeme schnell, zuverlässig gerechte Preise Sclunid & Schnabel,. Forstenrieder Straße 1, bei Cafe Harras Telephon-Ruf 74116 3994