Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 12 (19.3.1926)
- Date
- 1926-03-19
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 189 hörl! Von den Privatsiedlungen, die auch fein sind, will ich nichts sagen, das wichtige sind die Gemeinschaftssiedlungen. Kommunistische Grund- Jage! — Keiner hat „Eigentum“ — Zusammenleben. Und deren gibt es nicht ein paar, sondern viele! Ich allein kenne jetzt schon 20 bis 80, in denen ich war — nein, das reicht lange nicht! In einigen etwa 20 Menschen, in den meisten etwa 50 bis 60, in sehr vielen bis zu 800! Tausende leben so! Du meinst. Du wärst in deutscher Jugendbewegung mitten darin, in bester, und alles sind Juden, viele Deutsche, die meisten aber Ost juden. Ihre Arbeiten, ihre Worte, ihr Benehmen und Sichgeben, ihr Leben kraftvoll, eine Freude wunderbarer Art! Menschen, gesund, einfach, frei. Man merkt jetzt erst, was im Juden steckt! Dies hier macht ihnen keiner nach! Es ist. als wenn sie hier frei atmen könnten und nun ihre richtigen Kräfte zeigen können. Schwerste Arbeit, schwerer als in Deutschland beim Bauern (Malaria, Entsumpfung, Steinarbeit!). Und Leute arbeiten so, die an diese Arbeit gar nicht gewöhnt waren, Studenten, vornehme Frauen und Mädchen aus Warschau und andere. „Juden können nicht arbeiten“, sagt man? Lächerlich! Die hier haben vor Jahren das Kwisch (Autostraße) von Nazareth nach Jerusalem erbaut, die beste Straße in Palästina! Und jetzt bauen sie eine Stadl, Afule, fast aus dem Erdboden stampfend! Und, erst die tägliche Kleinarbeit der Landwirtschaft in den Siedlungen: Noch einmal: Viel schwerer als in Deutschland! Härter, gefährlicher. — Eine große Arbeiterorganisation (alle „Parteien“ darin!). Wenn das unsere deutschen Arbeiter mal hätten, was so viele von ihnen wünschen, daß die Arbeiter als Arbeiter Zusammengehen. Histadruth, der gehört aller Boden. Der einzelne, auch die einzelne Siedlung, pachtet nur! Wer pachtet, muß bebauen! Kein Privatboden! Drei Siedlungsarten: Privat, Korporativ (Genossenschaft etwa) — Gemeinschaft (kommunal). Letztere sind die wichtigsten, weil hier erster, großer Versuch- Kein Privateigentum, Verwallungsusw. Technik wie etwa bei Klöstern oder beim Militär. Nur Geist anders: Kein Oberer, keine Leitung. Jeder nimmt teil, ordnet sich ein, gemeinsam wird überlegt. Keine Schwunglosigkeil, Gleichmacherei, im Gegenteil, größte Anregungsmannigfalligkeit und Lebendigkeit, weil jeder dabei ist. Einige bestehen so 15 bis 20 Jahre, die meisten 4 bis 5 Jahre, seil 1920 etwa. Gesunde, schöne Kinder! Beste Erfahrungen! Natürlich nicht „fertig“, man weiß, daß dazu Generationen gehören, um Entscheidendes liier sagen zu können. Man weiß die Wichtigkeit und den Ernst! — Der Gdut (gleich Arbeitslegion) ist ein eigenes Gebilde, kommunistisch; will geschlossene „Autarkie“ etwa, umfaßt Landwirtschafls-, Stadt-, Verkehrsusw. Arbeiter, Handwerker — eine Familie. Ungefähr tausend. Ein geschlossener Kreis also; ganz radikal. „Selbstversorgerkommunismus.“ Sehr energisch und weitgreifend. — Ganz klar wird das: Soll etwas erreicht werden, dann müssen Jahre dreingebulterl werden ohne Frucht. Man muß hungern können; jetzt noch größte Einfachheit, Entbehrungen. Ich stehe nicht an zu sagen: Helden! — Ob das Deutsche je fertig kriegen, ich zweifle! Sicher nicht in Deutschland, in seiner Luft und seinen Verhältnissen. In jungem Boden — vielleicht .— Palästina •ist man gewöhnt nur als Land der Vergangenheit zu denken. Es ist wichtigste Gegenwart! „Erez Israel“ des auserwählten Volkes, des lebendigen Gottes! — Die Menschen sind so frei und groß, wie ich seilen traf, und ich bin viel herumgekommen, aber so gastfreundlich wurde ich noch nirgends aufgenommen wie hier, in jeder Kwuzah (Gemeinschaftssiedlung) ohne weiteres, selbstverständlich, eingereiht in Familie, sofort, aufmerksam. Die Kwuzothjuden sind frei, souverän, wie Herren, die in ihrem Land sind (Erez Israel), und sich freuen, gerade dem wie sie Armen von ihrem Wenigen geben zu dürfen. Nirgends hatte ich „Empfehlungen“ und ich war Christ! — Wie man an der Grenze zu mir war, so wäre lange nicht jeder Christ einem Juden gegenüber gewesen. Das kann ich jetzt Dir nicht so lange erzählen. — Alles: Freie Menschen sind es. Aufrecht, offen, einfach, großzügig. — In Haifa war ich in einem Arbeitervortrag. Alles junge Menschen, hunderte, vielt* Studenten vorher (konnte man sehen). Das hat einen unauslöschlichen Eindruck aut mich gemacht. Nicht der Vortrag, der war wie alles hier hebräisch, davon verstand ich mit meinem Schulhebräisch fast nichts. Aber die Zuhörer! So ruhig, froh, aufmerksam, geistig und sicher; vornehm. Auch kein Krampf, gefurchte Stirnen usw., frei. — Und ich habe in einer Arbeiterspeisehalle. gegessen, eingerichtet wie eine Mensa academica — ja, in keiner Mensa habe ich die Leute so ruhig und sicher und vornehm (innere Vornehmheit!) und einfach gesehen! — Diese beiden Erlebnisse machten mich ganz stumm. Der Eindruck ist nicht zu beschreiben! Es ist eben anders als was wir sonst gewöhnt sind bei Studenten, Arbeitern, Bürgern, es paßt in nichts hinein. —Gesund alles hier. Zusammenleben ist kein „Problem“ — so einfach und natürlich und gesund macht sich alles. Den tiefsten Eindruck habe ich von den Mädchen bekommen. Den kann ich am wenigsten beschreiben. Einfach, stark, ruhig — froh — sicher bei allem und einer großen Aufgabe bewußt. Wer über die „Juden“ reden will, muß hier die Juden sehen. Ich könnte Dir noch ungemein viel erzählen! Denke, jetzt, in dem Monat, habe ich erst das kleine Galiläa durchgetippell. Jetzt komme ich nach Jerusalem und Judäa erst! Allerdings auf Wegen, die kein „Pilger“ je geht! -— Ich werde Dir viel erzählen, wenn ich nach 80 Jahren wieder in Deutschland bin. — Auch sonstiges: Wie ich bis jetzt über zehn Grenzen kam, ohne Paß, jedesmal anders, leine Auseinandersetzungen mit den Behörden — und vom feinen Bischof von Triest, bei dem ich drei Tage wohnte und der wirklich ein außergewöhnlicher Mensch ist. —Viele Grüße Euch allen! Aus der Jüdischen Well Das Charakterbild eines völkischen Schriftleiters. „Vorwärts“ meldet aus Augsburg: Als am Freilag abend ein gewisser Hans Ringler in einer Augsburger Versammlung über das Volksbegehren als Diskussionsredner auftrat und das Publikum durch sein unreifes Gerede belästigte, wurde ihm vom Versammlungsleiter folgende Frage vorgelegl, ob Hans Ringler mit einem Mann identisch sei, der seinerzeit fahnenflüchtig gewesen, der im besetzten Gebiet in den Diensten der Franzosen gestanden, vor nicht langer Zeit eine zweijährige Zuchthausstrafe verbüßt und auch sonst viel auf dem Kerbholz habe. Die Versammlung lehnte es daraufhin ab, ihn anzuhören. Dieser Hans Ringler ist verantwortlicher Schriftleiter und Verlagsverlreter des „Kampfbla’lls der nationalsozialistischen Bewegung Großdeulschlands“, „Der Hakenkreuzler“. Dieses Blatt ist ein in Innsbruck gedrucktes Organ Adolf Hitlers; sein Verlag befindet sich in Berlin NW.