Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 12 (19.3.1926)
- Date
- 1926-03-19
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Das Jüdische Echo Nr. 12 normaler, wenn auch idealgerichlekr Menschen bedarf, nicht lösbar. Ohne daß darum die moralische Führung zurücktrelen darf, muß die wirtschaftliche Führung jetzt beherrschend mit in den Vordergrund treten, und diesem Erfordernis werden sich auch diejenigen nicht verschließen dürfen, die bisher die moralische Führung in der Palästina- Wirtschaft berechtigterweise gehabt haben. Für sie gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wirtschaftlich selbst führen, und zwar richtig führen lernen, oder sich führen lassen. Wenn das an den entscheidenden Stellen erst begriffen werden wird — und die Erkenntnis davon ist im Werden — dann wird die Krise der wirtschaftlichen Führung bald überwunden sein, ebenso wie die Wirtschaftskrise selbst. Über den Parteien Eine in der Gegenwart allgemein erhobene Klage richtet sich gegyn das Parteienwesen bei allen Völkern, das nur Rücksicht auf die eigenen Interessen nimmt und darüber die großen Aufgaben des Gesamtvolkes vernachlässigt. Diese Anklagen schießen oft über das Ziel hinaus und wollen sozusagen mit dem schmutzigen Badewasser auch das Kind ausschiitten. Die hemmungslose Wahrnehmung der egoistischen Parteiinteressen ohne Berücksichtigung der alle Parteien des betreffenden Volkes verbindenden gemeinsamen Interessen ist sicherlich zu verurteilen, hingegen ist es ein Zeichen von lebendiger Entwicklung im Dasein eines Volkes, wenn sich Parteien innerhalb der Volksgemeinschaft bilden und nach ihrer besonderen Einstellung die Lösung der gemeinsamen Volksaufgaben anslreben. Ungesundes Parteiwesen beeinflußt das Schicksal in verheerender Weise, gesunde Parteibildung jedoch führt die Völker zu höheren Stufen der Entwicklung und Leistungsfähigkeit. England, das älteste parlamentarisch regierte Land) Europas, bietet ein beredtes Beispiel (auch nach dem Entstehen der Labour Party neben den traditionellen Konservativen und Liberalen) dafür, daß Parteiwesen davor behütet, daß die Politik eines Landes einseitig wird, erstarrt und sich den lebendigen Interessen der Volksmehreil entfremdet. England konnte und kann bedenkenlos die Leitung seiner Reichsgeschäfte jeder seiner großen Parteien übertragen, wie es schon durch die Wirklichkeit erhärtet wurde. Das kommt daher, weil alle englischen Parteien in den wichtigsten Lebensfragen der Nation und des Reiches keine Parteinahme kennen. Konservative und Arbeiterparleien in England unterstellen ihre Spezialwünsche stets den allgemein anerkannten Prinzipien englischer Staatsziele und darum kann das englische Volk ruhig schlafen, mag sein Ministerpräsident Baldwin oder Macdonald heißen. Auch das jüdische Volk hat in allen Ländern, in denen es lebt, im Bezirke seiner überall vorhandenen jüdischen Interessen Parteien. Und das ist gut so, denn es ist ein Beweis, daß es jüdische Interessen gibt, daß deren Vorhandensein bewußt empfunden wird und daß man zu ihnen auf verschiedene Weise Stellung nimmt. Gerade das jüdische Parieiwesen ist ein schlagender Beweis dafür, daß das Judentum lebt und eine Realität ist. Leider läßt jedoch das jüdische Parieiwesen das vermissen, was für das englische kennzeichnend ist und es zu einem Faktor stetigen sozialen und politischen Fortschritts des englischen Volkes macht. Beim englischen und auch hei allen anderen Völkern gibt es nämlich außer den Verfassungen und geschriebenen Gesetzen auch in keine schriftlichen Formeln niedergelegten, selbstverständlichen, politischen und gesellschaftlichen Axiome, die von allen Volksmitgliedern anerkannt sind. Diese Volksaxiome sind kein Ausfluß irgendwelcher politischer oder sozialer Theorien, sie sind nicht aus irgendeinem Staatssystem zu erklären, sondern sie sind der Ausfluß des geschichtlichen Werdens des betreffenden Volkes. Für jeden Engländer, einerlei welcher Partei er angehörl, ist die Frage der Freiheit der Meere in der heutigen Form undiskutabel; für jeden Deutschen ist der Rhein ein deutscher Strom. Meeresbeherrschung einerseits und ,,Rhein“ als „deutscher Strom“ sind eben mit der Vorstellung der Engländer, bzw. der Deutschen, mit ihrer Kultur, ihrer Literatur, Sage und ihrem Volkstum, so innig verbunden, daß über diese Fragen keine Meinungsverschiedenheit besteht, ja, daß es Engländern oder Deutschen nicht einfällt, diese Fragen zu Programmpunkten einer Partei zu machen. Dieses Verhalten ist natürliche Begleiterscheinung eines normalen Volkstums und bildet neben anderen Momenten das spezifische Merkmal der betreffenden Völker. HAUSER S HOTEL „Der Reichsadler“ Neu für München! Neu für München! in unserem Konzert-Cafe spielt täglich nachmittags und abends das Original Holländische Guldemond-Orchester erstmalig in Deutschland. Die größte Attraktion der Gegenwart!