Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 11 (12.3.1926)
- Date
- 1926-03-12
- Page
- Seite 174 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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174 Das Jüdische Echo Nr. 1 1 in diesem weibliehen Mensehen, in den deutschen Westen verpflanzt — verpflanzt schon ihre fernen Ahnen — heule ihren Ausdruck findet. Jedes Lied, jeder Vers, ja jedes Wort atmet den Rhythmus der östlichen jüdischen Seelenhaft igkeil, — in der Form, der nichts fremder ist als das Konstruierl-Artistische, die aus unmittelbarster, gefühlsmäßiger Eingebung stammt; im Wort- und Versrhythmus ihrer Lieder, der erfüllt ist von einer gesättigten, vielfarbig sprühenden Melodik: in der schillernden, märehengetränkten Bildhaftigkeit des Geschauten; vor allem aber in der Unmittelbarkeit des visionär Geistigen und in seiner Verknüpftheil mit dem ethischen östlichen Grundprinzip. Weil sie das in sich hat, ist ihr Ausdruck so rein und so klar. Im Gegensatz zu den Hunderten moderner und modernster Versmacher, die in der Flucht vor der Form und in der Besonderheit konstruierter Ausdruckmittel ihr Heil vor dem sofortigen Erkennen ihres Unvermögens suchen und finden. Form und Ausdrucksmiltei der Else Lasker- Schiiler sind wahrstes Attribut ihrer Seele, ihrer östlich-jüdischen Seele. Alle ihre Gebilde sind ein einziges großes ekstatisches Gebet, das uralte, ewig junge jüdische Gebet um die Erlösung der Well. Ein jüdisches Lied, auf fremder Erde gesungen, von Fremden nicht verstanden . . ., Denen aber, deren Blut auch in ihr fließt, ist sie ,,ein Stern, der in ihren Schoß gefallen“. P. 11 alle r. Gedichte von Lasker-Schüler Unser stolzes Lied Aber fremde Tage hängen Über uns mit kühlen Bläuen, Und weiße Wolkenschollen dräuen, Das goldene Strahleneiland zu verdrängen. Auch wir beide sind besiegle' Siegerinnen, Und Kronen steigen uns vom Blut der Zeder, Propheten waren unsere Väter, Unsere Mütter Königinnen. Und süße Schwermut wölken ranken Sieh über ihre Gräber lilaheiß in Liebeszeilen, Unsere Leiber* ragen stolz, zwei goldene Säulen, Über das Abendland wie östliche Gedanken. Mein Kind Mein Kind schreit auf um Mitternacht Und ist so heiß aus dem Traum erwacht. Gäb’ ihm so gern meines Blutes Mai, Spräng’ nur mein bebendes Herz entzwei. Der Tod schleicht im Hyänenfell Am Himmelsstreif’ im Mondeshell. Aber die Erde im Blütenkeusch Singt Lenz im kreisenden Wellgeräusch. Und wundersüß küßt der Maienwind Als duftender Goltesbole mein Kind. Mein Volk Der Fels wird morsch, Dem ich entspringe Und meine Gotteslieder singe . . . Jäh stürz’ ich vom Weg Und riesele ganz in mir Fernab, allein über Klagegeslein Dem Meer zu. Hab’ mich so abgeslröml Von meines Blutes Mostvergorenheit. Und immer, immer noch der Widerhall, ln mir, Wenn schauerlich ’gen Ost Das morsche Felsgebein, Mein Volk, Zu Gott schreit. Mutter Ein weißer Stern singt ein Tolenlied ln der Julinacht. Wie Sterbegeläut in der Julinacht. Und auf dem Dach die Wolkenhand, Die streifende, feuchte Schaltenhand, Sucht nach meiner Mutier. Ich fühle mein nacktes Lehen, Es stößt sieh ab vom Mutterland, So nackt war nie mein Leben, So in die Zeit gegeben, Als ob ich abgeblüht Hinter des Tages Ende Zwischen weiten Nächten stände, Alleine. \O307i PORZELLANMEOERLAGE MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 23 gegenüber der Feldherrnhalle GRÖSSTE AUSWAHL IN GEBRAUCHSPORZELLAÄ TÄGLICHE LAGERERGÄNZUNG