Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 11 (12.3.1926)
- Date
- 1926-03-12
- Page
- Seite 171 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 171 scher Valer in dem gesamten Umkreis seiner wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Beziehungen doch anders dasieht als der nicht jüdische Berufsgenosse, der wohl auch schwere Zeiten durchmach t, aber hinsichtlich der Zukunft seiner Kinder doch ganz andere Möglichkeiten hat als der Durchsehnittsjude. Man entdeckt also Zusammenhänge tieferer Art zu seinen Glaubensgenossen mit denen man sich nur lose verbunden wähnte. Man kommt zum Bewußtsein dessen, was man Schieksalsgemeinschafi der Juden nennt. Man erkennt, daß die Juden auch in solchen Ländern, wo sie sich als für ewig verwurzelt hielten und in denen sie von Ländern, wo Pogrome Vorkommen, so sprachen wie die Bürger in Goethes Laust, von der Türkei, wo die Völker aufeinanderschlagen, doch eine unterseheidbare und unterschiedene Gruppe und Minderheit darslellen, die alle Wechselfälle und Erschütterungen dieser Länder nachdrücklicher und tiefer empfindet als die große nicht jüdische Mehrheit. Und mag man auch mit dem Judentum nur dem Namen nach Zusammenhängen, so ist man in die Maschen dieses historisch bedingten Judenschicksals verstrickt, sofern man für die Außenwelt als Jude kenntlich ist. Es ist nämlich eine Selbsttäuschung, wenn man innerjüdische Parteiungen und Unterschiede, wenn man Zionisten und Assimilanten, Wesljuden und Osljuden in ihrer gesamten Vielheit auf die nicht jüdische Umwelt projiziert. Mag vielleicht der orthodoxe Jude oder der vor kurzem aus dem Osten nach Deutschland zugewanderte Jude von einem Maximum von Schwierigkeiten, Widerständen und Hemmungen in seinem menschlichen Daseinskämpfe betroffen werden — prinzipiell, im großen ganzen, sind alle Juden vor der nicht jüdischen Umwelt gleich und unterliegen den besonderen Bedingungen der über die ganze Well zerstreuten jüdischen Volkseinheit, sie unterliegen dem, was man Golus nennt. So ist auch das Spezifische an dem, was die Juden in Deutschland gegenwärtig als Alltagsorgan betrachten, innig verbunden mit der allgemeinen Problematik des jüdischen Galuthdaseins, verbunden mit der eigentümlichen sozialen und beruflichen Schichtung der Juden in allen Ländern der Zerstreuung, verbunden mit der Tatsache, daß wir trotz aller Sprach-, Kultur- und Zivilisalionsunterschiede, trotz der verschiedenen europäischen Bildungsstufen, doch das sind, was Theodor lierzl mit dem Satze ausgedrückt hat: „Wir sind ein Volk, ein Volk.“ Unsere Alllagssorgen in Polen, in Deutschland, in Rumänien und im glücklichen Amerika, so verschieden sie auch nach lokalen Umständen und zeitlichen Bedingungen sein mögen, sind in großem, entscheidendem Maße nichts anderes als Gesamtals Volkssorgen. M.W. Private kaufmännische Kurse Telephon 55781 T~^ "■ Gegründet 1879 Rudolf DlirCK. München Inhaber und Leiter Direktor R. Bürck Jeden Monat beginnen neue Kurse. Erste Referenzen. Auskunft und Anmeldung Neuhauserstraße 9 (Pauson-Haus) Aus der Jüdischen Welt Eine große und eindrucksvolle Kundgebung des Präsidiums des Keren Hajessod für Deutschland. Das Präsidium der überparteilichen Organisation Keren Hajessod hatte zu einer Veranstaltung in den Saal des ehemaligen Herrenhauses emgeladen. Der Einladung waren führende jüdische Persönlichkeiten Berlins und die Vertreter der Presse in großer Zahl'gefolgt. Direktor Oscar Wassermann begrüßte die Erschienenen namens des Präsidiums des Keren Hajessod und führte ungefähr aus: Wir haben Sie gebeten, zu uns zu kommen, weil wir Ihre Hilfe brauchen. Der Aufbau Palästinas hat einen großen Aufschwung genommen, die Einwanderung ist in ungeahnter Weise gestiegen, es ist unmöglich, die neuen Einwanderer in die Wirtschaft des Landes einzuordnen, wenn nicht Stütze von außen kommt. Der Redner entwickelte die Ziele des Keren Hajessod. und richtete an die Anwesenden die Bitte, mehr als bisher ihr Interesse der Palästina-Sache zu widmen. Der Keren Hajessod sei keine Parteisache, sondern eine allgemeine jüdische Angelegenheit. Es ist unsere Aufgabe, jeden Juden in Deutschland zu gewinnen. Viele sind heute noch gleichgültig, viele ablehnend. Manche geben als Grund an, Palästina sei eine englische Kolonie. Das ist jedoch nicht richtig, Palästina ist Mandatsland, vom Völkerbund kontrolliert. Und vor allem: Alles, was wir dort leisten, tun wir für uns. Auch der Hinweis auf die Wirtschaftsnot in Deutschland ist nicht stichhaltig. Es ist wahr: der Not hier bei uns muß und soll gesteuert werden; darunter braucht aber die Arbeit für Palästina nicht zu leiden, die das Beste ist, was heute Juden für das Judentum tun können. Noch etwas anderes: Das Problem, Palästina aufzubauen, haben wir nicht erfunden, es steht vor uns als Tatsache, und wir haben uns damit abzufinden. Wir haben nur zu fragen, wollen wir mittun oder soll es ohne uns und gegen uns geschehen. Was die Juden in Deutschland vor allem schreckt, ist die Zusammenarbeit mit den Zionisten. Es ist aber klar, daß ohne Zionisten Palästina nicht aufgebaut werden kann. Der Keren Hajessod ist neutral, das bedeutet, daß diejenigen zu bestimmen haben, die die Majorität haben. Es ist nicht richtig, daß nur die Sammlung neutral sei, nicht aber die Verwendung. Das Geld, das bei dem neutralen Keren Hajessod in Deutschland eingegangen ist, ist niemals für irgendwelche Parteizwecke verwendet worden. (Der Redner macht genaue zahlenmäßige Angaben über die Verwendung der gesammelten Gelder.) Auch wenn nur Nichtzionisten zu bestimmen hätten, würden die Gelder nicht anders verwandt werden. Wir müssen an dem Werke mitarbeiten, sonst werden unsere Kinder für das Judentum verloren sein. Der zweite Redner, Dr. Leo Baeck. Präsident des Deutschen Rabbinerverbandes und Großpräsident der Großloge Bnei Brith in Deutschland, sprach in formvollendeter Weise über den Begriff der Neutralität. Ein lebendiger Mensch könne nicht neutral sein, sondern reagiere auf alles, was das Leben .bringt. Wenn jedoch ein Werk neutral ist, so verlangt das von den beteiligten Menschen keine Aufgabe ihrer Überzeugung. Es ist lediglich eine Vereinigung zu praktischer Arbeit. Es wäre ein Mangel des Keren-Hajessod-Werks, wenn halbe Menschen, halbe Zionisten und halbe von der anderen Seite zusammenkämen; der Sinn der Neutralität ist es, daß ganze Menschen Zusammenarbeiten, wobei die Freiheit des einzelnen nicht verloren geht. Nur die Feigheit wehrt sich gegen ein solches