Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 11 (12.3.1926)
- Date
- 1926-03-12
- Page
- Seite 170 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Das Jüdische Echo Nr. lf gabter Beginnen nicht wahr, H. St.? — wie jeder wirkliche Kerl. Ein Mann mit einem scharfgeladenen Auge, einer treuen, treuen Hand, und einem Geiste der Andacht und Mühe. Und wenn du siebzig bist, dann sprechen wir uns wieder; hoffentlich gibst du mir keinen Anlaß, eher öffentlich Schande auf dich zu häufen!! Es ist nämlich schrecklich schwer, soviel Privates verschweigen zu müssen! Zum Beispiel, nicht erzählen zu dürfen, wie du im Jahre 1917 die amerikanischen Hilfsgelder wieder Hießen machtest, die das Stales Departement beschlagnahmt hatte, und dazu nach der Schweiz geschickt wurdest, mit nichts ausgerüstet als deiner menschlichen Person, ganz allein gegen den alterprobten Kriegswahnsinn Europas und den frisch lackierten Irrsinnsausbruch Amerikas stehend, und wie du Erfolg hattest, wo jeder Kenner dir das Scheitern schon vor den Vorzimmern prophezeite, und wie du bescheiden wiederkamsl und deine Sache ' weilermach lest . . . Lieber Hermann Struck, aller Misrachi-Kapilän: es gibt in jeder Epoche ein paar Leute, die ausdrücklich dazu angeslelll zu sein scheinen, andern Menschen Mut zu machen. Mut zum Leben und Mut zu ihrem Volke, das in aller Mießigkeit des Alltags nicht aufhört, solche Zivil-Aristokraten gelegentlich herauszustellen. Und wenn du einen solchen und seine Gattin, geboren zu Berlin, in Haifa, Hadar Hakarmel, triffst, so grüße sin schön von deinem A r n o 1 d Z w e i g. * Hermann Struck wurde am 6. März 50 Jahre alt. Der Meister, der bekanntlich vor einigen Jahren seinen ständigen Wohnsitz in Palästina genommen hat, weilt gegenwärtig in Berlin. Struck, der in Berlin geboren ist, bereiste die ganze Welt. Er gehörte der „Sezession“, dem Kreis um Liebermann und Corinth, an. In den neunziger Jahren malte er in Dänemark und in Holland und porträtierte in Amerika bedeutende Köpfe. Sehr reich ist die Galerie seiner deutschen Bildnisse. Er porträtierte Gerhart Hauptmann, Richard Dehmel, Lovis Corinlh sowie bedeutende Juden, wie Theodor Herzl, Albert Einstein, Lesser Ury und Richard Beer-Hoffmann. Im Kriege war er Offizier der deutschen Armee. Als Frucht seiner Kriegserlebnisse im Osten gab er gemeinsam mit Herbert Eulenberg das Buch „Bilder aus Litauen und Weißrußland“ und mit Arnold Zweig „Das ostjüdische Antlitz“ heraus. Die Graphiker von heute, und nicht die schlechtesten unter ihnen, haben ihm viel zu verdanken, theoretisch und praktisch. Sein berühmtes Buch „Die Kunst des Radierens“, wies unzähligen Künstlern die Wege, und Struck selbst, der Radierer von internationalem Ruf, ist vielen der erfolgreichste Lehrer gewesen. Struck ist seit Anfang der Bewegung Zionist. Vor mehr als zwanzig Jahren bereiste er Palästina und „entdeckte“ künstlerisch die palästinische Landschaft, die ihn seither nicht mehr losließ. Er gab damals zusammen mit Friedemann das erste große Reisewerk über Palästina heraus. Besonders freundschaftliche Beziehungen verbanden ihn mit Herzl, und das bekannteste Herzlbihl ist Strucks Radierung. Als sich der M i s r a c h i innerhalb des Zionismus organisierte, trat Struck dieser Fraktion bei, der er seitdem angehört. Er hat auf den Kongressen als einer der Führer der Misrachi-Fraktion, die er auch bis zum letzten Kongreß im Aktions-Komitee vertrat, eine hervorragende Rolle gespielt. Gegenwärtig gehört er dem Direktorium des Jüdischen Nationalfonds an. Älltagssorgen Not lehrt nicht nur beten, sondern auch nachdenken. Wenn die Geschäfte gut gehen und es weiter keiner besonderen als der normalen, altgewohnten Anstrengung bedarf, um das zu erwerben, was man zur Deckung der Ausgaben für den Lebensunterhalt benötigt, so ist man wenig geneigt, auf den Grund der Dinge zu gehen und sich mit Problemen zu befassen, die über die nächsten Tage hinausgreifen. Man gewöhnt sich an das geruhsame Wohlleben, man „richtet sich ein“, läßt die Dinge an sich herankommen und schafft sich die unangenehmen Gedanken und Pflichten om Hals. Man übt Wohltat im freudigen Bewußtsein, daß man es besser hat als die Notleidenden und Geheizten. Die zur Verfügung stehende Muse verwendet man lieber für Amüsements, die auf höherer oder auch niedrigerer Stufe stehen, als für ernste, sorgenvolle Betrachtungen über den Sinn des Daseins und über die Beziehungen des einzelnen zur Um- und Mitwelt. Auch hinsichtlich seiner Kinder überläßt man sich nicht weitreichenden Spekulationen. Nur, wenn es einem schlecht gehl, sagt man bezüglich seiner Kinder, „sie sollen es besser haben“; wenn man sich aber in gesicherten rechtlichen materiellen und gesellschaftlichen Verhältnissen befindlich glaubt, dann läßt man sich nicht einmal von Gedanken wegen der Zukunft der Kinder irritieren. Der Sohn soll das väterliche Geschäft übernehmen und die Tochter soll, mit einer reichen Mitgift und Aussteuer ausgestattet, den Sohn eines anderen Geschäftsmannes heiraten, der seinerseits diesem Sohn sein Geschäft übergeben wird. ln dieser schematisch geschilderten Lage des gesicherten Bürgers befanden sich vor dem Kriege die meisten deutschen Juden, und ihre Denkgewohnheiten und Überlegungen reichten selten über den Tag hinaus. Sie zeigten darum auch kein leidenschaftliches Interesse für jüdische und auch allmenschliche Probleme. Ihr Bedürfnis nach Kenntnis der Vorgänge in ihrer Nachbarschaft und in der ganzen Welt deckte ihr Leibblall, irgendeine demokratische Zeitung oder ein lokaler Generalanzeiger und ihr jüdisches Interesse erschöpfte sich in einer gewissen Pietät für die hohen jüdischen Feiertage, in einer geruhsamen Betätigung in jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen, in dem, was man „Rachmones“ nennt und in der Zugehörigkeit zu einer Loge. Den modernen Strömungen in der Well und im Judentum brachte man, wenn überhaupt, nur ein mäßiges Interesse entgegen. Man lebte gut und recht dahin und ließ, wie es im Sprichwort heißt, den lieben Herrgott einen guten Mann sein. Da kam der Weltkrieg, und nach ihm kamen die bösen Nachkriegsjahre mit der Inflation, der Stabilisierung und der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise. Mit der geruhigen, gesicherten Existenz ist es für einen großen, ja für den größten Teil der Juden in den meisten europäischen Ländern, und besonders in Deutschland, vorbei. Die Gegenwart ist kritisch und die Zukunft ungesichert. Alllagssorgen zermürben; altgewohnte Lebenshaltung muß aufgegeben werden; lausend Gefahren, deren man sich früher nicht bewußt war, bedrohen einen; Widerstände, deren Existenz man früher nicht gekannt hat oder nicht zugeslehen wollte, machen den Erwerbskampf fast aussichtslos; die Frage nach der Zukunft türmt sich dräuend auf und angstvoll überlegt man, was denn aus den Kindern werden soll. Urplötzlich entdeckt man, daß die Existenz der meisten Juden in Deutschland auf schwankendem Grund errichtet ist; daß man als jüdischer Bürger und jüdi-