Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 7 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 160 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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160 Das Jüdische Echo Nr. 10 llllll I 1111! II III III Feuilleton || || 1 llllll 1 II II 1 II Der Eid Von Ossip Dymow *. Meine Jugend verbrachte ich in der Stadt B. . einem großen jüdischen Zentrum in Nordwestrußland. Als ich die Realschule besuchte, traf ich auf der Straße häufig einen schmutzigen, zerlumpten Jungen namens Chanina. Daß er mir feindlich gesinnt war, das sah ich an seinen Augen. Seine großen, schwarzen Augen folgten mir stets mit besonderer Aufmerksamkeit, manchmal warf mir der bloßfüßige Chanina von rückwärts Steine nach. Es kam oft zu einer Prügelei zwischen uns. Er raufte still, klagte nicht über Hiebe, aber zeigte auch keine Furcht davor. Allmählich erkannte ich, daß er mich beneidete. Sein Vater war ein armer Schindelmacher, ihn aber, das merkte ich, zog es zu Bildung und Wissen. Mein netter Hut, meine Schultasche und die blanken Knöpfe meiner Studentenuniform waren für ihn Gegenstand vergeblicher Wünsche. Es zog ihn fort aus der armen Welt, in welcher er geboren war. Mit der Zeit schwand unsere kindisch naive Feindschaft, und als wir beide größer wurden, traf ich Chanina gern. Sein Gesicht war fein und regelmäßig und seine Augen blickten melancholisch sin* nend. Ich war damals schon in den Oberklassen der Realschule, und er bat mich, ich möge ihm unentgeltlich „Unterricht“ erteilen. Das war damals nichts Ungewöhnliches. Jüdische Knaben und Mädchen, Kinder von Handwerkern und Arbeitern, aber auch Jeschiwah-Schüler strebten nach russischer Kultur. Die Kultur zwang sie zu sich hin, und als Vermittler zwischen ihr und dem jüdischen „Ghetto“ fungierten die jüdischen Gymnasiasten und Studenten. Chanina erwies sich als eifriger und fähiger Schüler. Er beherrschte sehr bald und leicht die Mathematik und zwischen den algebraischen Formeln unterhielt er sich mit mir über die jüdische Kultur. Das war sein Lieblingsthema. Davon sprach er mit stiller Begeisterung und geradezu lyrischem Anflug. So spricht ein verbannter Prinz von seiner verlorenen Heimat. Er brachte unzählige Beispiele, zitierte die alten Weisen und halb ironisch, halb gnädig, plfegte er über die russische Kultur zu sprechen, wie von einer „zu jungen“. Ich weiß wirklich nicht, wer bei diesen Gesprächen der Schüler und wer der Lehrer war. Ich glaube eher, er, Chanina, der Sohn des halbverhungerten Schindelmachers, weckte ihn mir Liebe zum eigenen Volk und Stolz auf seine Größe. Ich gewann es lieb. „Nein, jetzt beneide ich euch nicht“, sagte er einmal zu mir, „ich bin reicher als ihr . . .“ Später trennten wir uns . . . Ich ging nach Petersburg, um meine Studien fortzusetzen, und er blieb in B . . . „Ich hoffe, wir werden uns noch einmal sehen“, sagte er mir beim Abschied und zitierte dazu einen passenden Spruch eines jüdischen Weisen. Jahre waren vergangen. Ich hatte bereits meine Schriftstellerkarriere begonnen. Da erschienen irgendwo in der russischen Presse Erzählungen, mit dem russischen Namen „Ischitzky“ gezeichnet. Es waren mittelmäßige, nicht besonders originelle Skizzen, die von Tschechows Geist angesteckt warep, aber sie waren in sehr gutem Russisch geschrieben. * Daß es auch eine russisch-jüdische Assimilation und Taufseuche schlimmster Art gab, lehrt Ossip Dymows kleine Skizze. Oft wurde darin die Kirche geschildert, die Priesterschaft, russische Festtage. Die Leser ahnten nicht, daß diese Skizzen ein Jude geschrieben hatte, der Sohn eines armen Schindelmachers. Wie Chanina sich in Ischitzky verwandelt hatte, nach Petersburg verschlagen worden und in die Schriftstellerei geraten war, das wußte ich nicht. Ich traf ihn eines Tages in einer Zeitungsredaktion und war ganz erstaunt. Er war rein angezogen, sah interessant, beinahe schön aus, trug langes Haar, wie es sich für einen Literaten gehört, und führte, gerade als ich eintrat, einen sachlichen Disput über die letzte Neuigkeit auf dem Literaturmarkt. Mich begrüßte er kühl, als erwiese er mir eine Gnade. Mir kam es vor, als suchte er mich zu meiden und ich suchte deshalb keine Begegnung mehr, traf ihn auch selten. Man erzählte mir übrigens, daß er hinter meinem Rücken sehr giftig über mich herfiel. * * * Es traf sich einst, daß ich vor Gericht als Zeuge erscheinen mußte. Es handelte sich um eine „Anklage“ wegen Mordversuches an dem Schriftsteller ,,R.“ Auf der Anklagebank saß ein Journalist, ein Freund Jschitzkys. Chanina-Jschitzky selbst und überdies noch etwa sieben bis acht Journalisten wurden als Zeugen verhört. An ihrem Gebaren, ihren Gesichtern und Gesten und an ihren Familiennamen erkannte ich, daß sie alle echte Juden seien. Manche von ihnen verbargen sich freilich, wie es damals Sitte war, hinter Pseudonymen. Die Pseudonyme waren eine Schutzhülle für das Publikum, nicht aber für die Leute vom Bau. Die Gerichtsverhandlung begann. Der Saal war überfüllt, denn der Prozeß war eine Sensation. Der Vorsitzende des Gerichtes ließ die Zeugen auf rufen und beeidigen. „Mosche Jsakowitsch Feigelmann. Rechtgläubig?“ „Ja“, antwortete Mosche Jizchok. Zum Popen: „Väterchen, haben Sie die Güte . . .“ Und Feigelmann bekreuzte sich und leistete den Eid vor dem christlich-rechtgläubigen Gott — bloß die lautere Wahrheit zu sagen. „Josef Feiwelowitsch Lewin. Rechtgläubig?“ „Rechtgläubig“, antwortete Lewin leise und stolperte über das unglückselige „R“ des Wortes. „Adolf Srulowitsch Aschkenasy. Rechtgläubig?“ Wieder das Kreuz, das Evangelium, der Pope, der Kuß des Kreuzes und dabei ein blasses verzerrtes Gesicht, gesenkte, schuldbewußt-furchtsame, klägliche Augen. Ich war starr vor Verwunderung und traute meinen eigenen Augen nicht. Unter dem Publikum hatte sich schon längst ein Wispeln erhoben und der Gerichtspräsident, ein kluger, sarkastischer Greis, verzog ironisch die Lippen. Ein neuer typisch russischer Familienname wurde aufgerufen, und wieder der Schwur beim Kreuz. So ging es fort. Der Vorsitzende rief: „Chanina Jsraelowitsch Rybak“. Ich wußte, wer gerufen wurde. Aber niemand meldete sich. Der Vorsitzende wiederholte: „Ist Herr Rybak hier?“ „Hier!“, rief Ischitzky nach einer langen Pause und trat hervor. Offene Ironie klang in der Stimme des alten Präsidenten, als er fragte: „Rechtgläubig?“ Wie groß war meine und aller Anwesenden Verwunderung, als auf die Frage die Antwort kam: „Ja.“