Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 7 (5.3.1926)
- Date
- 1926-03-05
- Page
- Seite 157 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Das Jüdische Echo 157 mittleren Jahren und ein blondgelockter Hitlerianer geraten aneinander. „Ich schäme mich“, schreit der Bejahrte, „daß ich auch einmal bei dieser Hitlerbande war! Ich habe mein Vermögen, 45 000 Mark, der Bewegung geopfert! Aber Er (er meint natürlich Hitler) kam mit einem Rock hierher und jetzt fährt er Auto und kennt uns nicht mehr!“ Der Blondgelockte rast, allein der Bejahrte ruft ihm zu: „Halten Sie die Schnauze, wir fürchten euch nicht, ihr könnt ja nur schreien!“ Ein Schutzmann legt sich ins Mittel und mahnt zur Ruhe. Esser, auf dem Tische stehend, verlangt wieder das Wort zur Geschäftsordnung. Da schreit ihm eine gellende Stimme zu: „Herunter mit dem Judenbuben!“ Der Blondgelockte und der Bejahrte geraten wieder aneinander. Im Saale entsteht eine Bewegung und eine Kellnerin schreit geängstigt: „Jetzt gehts los!“ Aber eine Kollegin tröstet sie: „Es geht noch nicht los, die Hakenkreuzler sind noch nicht erregt genug. Diese Äußerung bringt den bejahrten Herrn in Rage: „Was“, schreit er, „diese Buben sind überhaupt zu feig. Die schreien nur. Warum gehen sie nicht in eine Versammlung der Sozi? Da gehörten sie hin, aber da trauen sie sich nicht, sie haben nur die Schneid, eine nationale Versammlung zu stören.“ Um 1/29 Uhr rückt die grüne Polizei mit Gewehren an, um den Saal zu räumen. Und Volksbündler und Hakenkreuzler lassen sich wie geduldige Lämmlein aus dem Saal drängen. Der bejahrte Herr äußert sich nochmal: „Hoffentlich hat jeder das Eintrittsgeld von 50 Pfennig bezahlt, dann haben Reventlow und Graefe doch einen Erfolg gehabt.“ Der Saal wird langsam geräumt. Alle müssen hinaus. Nur Reventlow und Graefe und das Büro des Volksbundes müssen bleiben; unter Polizeiaufsicht. Die Polizei muß die völkischen Reichstagsabgeordneten vor ihren ehemaligen völkischen Freunden schützen. Und auf der Hintertreppe werden sie später ins Freie geleitet. Vor dem Hofbräuhaus tobte noch einige Zeit der Lärm und hier bekommt eine Anzahl Schreier den Polizeiknüppel zu spüren. So endete die Versammlung, in der Graf Reventlow über den Weg von Locarno nach Genf und ein Graefe über die deutsche Freiheit sprechen wollten. Reventlow mußte den Weg über die Hintertreppe nehmen und Graefe wird sich im stillen Kämmerlein doch einen Vers machen auf diese merkwürdige völkische Freiheit. Aus der jüdischen Welt Georg Bernhard über „Die Juden in der Politik“. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 25. Februar abends Chefredakteur Georg Bernhard über „Die Juden in der Politik“. Schon in frühester Zeit waren die Juden ein eminent politisches Volk. Später in der Diaspora haben sie sich unter allen Völkern hervorragend politisch betätigt. So haben die spanischen Juden unter der Herrschaft der Mauren Minister- und Gesandtenposten bekleidet; als sie dann unter spanischer Herrschaft zur Taufe gezwungen wurden, haben sie auch als Marannen eine Reihe politischer Führer gestellt. Nichts ist leichter zu widerlegen als die These, daß der Jude, als der geborene Rebelle, zerstörend statt aufbauend wirke. Leider gehören auch Juden zu Verfechtern dieser falschen These. Da war schon Benjamin Disraeli (Lord Baconsfield), obwohl nicht mehr Jude, mehr auf die Wahrung jüdischer Traditionsgemeinschaft bedacht, als er es wagte, dem Engländer zu sagen, es gäbe nur zwei Arten hochgezüchteter Menschen: Torys und Juden. Dem jüdischen Denken ist in hervorragendstem Maße die Gabe zur Synthese eigen: aus scheinbar Auseinanderstrebendem eine organische Einheit zu bilden. Das ist das Gegenteil von Rebellenart. Gibt es in der weiten Welt ein Land, in welchem die Juden ungerechter behandelt wurden als in Deutschland? Trotzdem sind die Programme fast sämtlicher, auch der konservativen, Parteien von Juden verfaßt; es ist sogar anzunehmen, daß frühere Juden, in der katholischen Geistlichkeit zahlreich vers treten, an der Gestaltung des Zentrumsprogramms beteiligt sind. Wie tief im jüdischen Menschen Tradition und Autorität ruhen, sieht man an einer großen Anzahl Juden von ausgeprägter politischer Eigenschaft: von Gabriel Riesser bis Walter Rathenau. Ein typisches Beispiel für die jüdische Fähigkeit zur Synthese findet man bei Ferdinand Lassalle. Er hat mit Bismarck verhandelt, und hätte er länger gelebt, so wäre das Emporkommen der Arbeiterklasse und ihre Staatsfähigkeit, ähnlich wie in England, in Deutschland früher vonstatten gegangen. Ludwig Frank, Hugo Preuß und Walther Rathenau sind die drei großen deutschen Juden der letzten Jahre. Frank war mit seinem warmen Herzen und kühlem Kopfe zum Politiker geschaffen. Er versprach sich Großes von der Synthese zwischen Deutschtum und Judentum. Er starb, um sein Deutschtum zu manifestieren. Man wirft uns Juden vor, wir seien international gesinnt, weil wir den Juden in anderen Ländern Liebe entgegenbrächten. Wir sind international, aber in einem höheren Sinne. Wir stammen von Menschen ab, die durch verschiedene Länder gewandert sind und so gelernt haben, daß auch am Fremden vieles zu schätzen sei; und so finden wir die Synthese zwischen Eigenem und Fremden. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß nach dem Kriege einem Juden als ersten die Aufgabe zufiel, zu den Fremden zu sprechen. Es wird ein Ruhmestitel für die Juden Deutschlands hleiben, daß Walther Rathenau zu ihnen gehörte. Rathenau hat in die Zukunft geschaut und in seinen überall in der Welt gelesenen Schriften die soziale Form des neuen Jahrhunderts vorausgesehen. Er hat erkannt, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die einander befehden, beide Produzenten sind. Es ist Aufgabe der Arbeitgeber-Produzenten, eine ethische Sphäre zu schaffen, die ein Interesse des Arbeitnehmer-Produzenten an einer Verbilligung der Produkte wie am Profit gleichermaßen hervorruft. Das ist das Große, das Weltausstrahlende in Walther Rathenaus Schriften. Von Genua datiert das Ringen um die Änderung des Versailler Vertrages. Für uns Juden Deutschlands ist es erhebend, daß auch wir in so hohem Maße an der Befreiung Deutschlands beteiligt sind. Rathenaus Wirken ist kein Zufall, sondern ein Exponent jüdischen Wesens, jüdischer Kraft und Phantasie zur Synthese. Die volksparteilichen Vorstandsmitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde wenden sich an die Öffentlichkeit: Gegen Verletzung des Koalitionssystems und gegen die Entrechtung des positiven Judentums. Wir werden um die Veröffentlichung der folgenden Erklärung ersucht: Die Unterzeichneten Mitglieder des Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin geben hiermit folgende Erklärung dem Gemeindevorstand und der Öffentlichkeit gegenüber ab: