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Das jüdische Echo · 1926-02-19 · 6 (19.2.1926) · p. Seite 127

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
6 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
Seite 127 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 127 Großvater ist auch gestiegen.. Und da warst du mir sichtbar. Hier auf der Pokrowastraße bin ich zum zweiten Male geboren. Habt ihr einmal irgendwann eine von den zufälligen Personen auf den Bildern der Florentiner gesehen, mit nie geschorenem Barte und Augen, aschgrau und braun zugleich, mit einem Gesicht wie gebrannter Ocker, mit Runzeln und Warzen? Das ist mein Vater. Oder habt ihr eine Gestalt aus der Hagada gesehen, in ihrer Österlichkeit, ihrer Einfalt? (Väterchen, verzeih!) Erinnerst du dich, ich habe von dir eine Skizze gemacht. Dein Bild sollte den Eindruck einer abbrennenden und gleichzeitig verlöschenden Kerze erwecken. Ihr Geruch, der Geruch des Schlafes. Es summte eine Fliege. Verfluchte.. Ihretwegen schlafe ich ein! Lohnt es denn, von meinem Vater zu sprechen? Was für einen Wert hat der Mensch, der keinen Wert hat? Eine unschätzbare Persönlichkeit! Und gerade weil er unschätzbar ist, wird es mir besonders schwer, für ihn die richtigen Worte zu finden. Der Großvater, ein religiöser Melamed (Lehrer) von Beruf, wußte nichts Besseres, als den ältesten Sohn, meinen Vater, von Kindheit an zum Gehilfen in einem Heringsladen zu bestimmen und den jüngsten zum Frieseur. Aber nein! Er war zweiunddreißig Jahre kein Gehilfe, sondern ein einfacher Arbeiter, er hob vier bis fünf Pud schwere Fässer, und mein Herz krampfte sich wie ein türkischer Kringel, wenn ich sah, wie mein Vater unweit von seinem dickbäuchigen Herrn diese Lasten trug und mit erfrorenen Händen die kleinen Heringe umriihrte. Nur mir war dies poetische, volkstümliche und vom Schweigen abgestumpfte Herz bekannt. Er erhielt fast bis in die teuersten Jahre lumpige zwanzig Rubel. Die fünf Kopeken Trinkgelder der Kunden erhöhten sein Taschenbudget. Und doch war mein Vater kein armer, junger Mann, nein, die Photographie aus seinen jungen Jahren und die Besichtigung unseres Kleiderschrankes sprechen davon, daß mein Vater meine Mutter im Vollbesitze einer gewissen finanziellen und physischen Macht heiratete. Daß er seiner Braut,, einem etwas zu kurz geratenem Mädchen, das aber in der Ehe etwas nachgewachsen ist, einen prächtigen Schal überreicht hat. Nach der Heirat hörte mein Vater auf, meinem Großvater den Wochenlohn abzuliefern und lebte für sich. Aber ich möchte zunächst das Bild von meinem schwarzbärtigen Großvater beenden. Ich weiß nicht, ob er die Kinder noch lange unterrichtet hat. Man sagt, er war ein überaus geehrter und angesehener Jude. Als ich den Friedhof besuchte, zusammen mit der Großmutter vor zehn Jahren, und seinen Mazeiwe (Grabstein) erblickte, habe ich mich überzeugt, daß er ein guter Jude war. Ein wertvoller Jude, ein heiliger Jude. Liegt gerade am Flusse, am schwarzen Zaun, wo das trübe Wasser abfließt. Liegt unter einem Hügel neben längst verstorbenen Geonim (Gelehrten). Schwach, aber doch sichtbar hat sich der Grabstein mit der hebräischen Inschrift erhalten, daß hier ein Isch chacham (Weiser Mann) liegt. Großmutter hat mir mit den Fingern gezeigt: Das ist das Grab deines Großvaters, Vater deines Vaters und mein erster Mann.. Sie murmelte mit den Lippen, sie konnte nicht weinen, flüsterte Worte, halb eigene, halb aus dem Siddur (Gebetbuch). Ich hörte, wie sie jammerte, sich über den Mazeiwe bückte, als ob der Stein und der kleine Hügel mein Großvater wären, als ob sie sich dem Innern der Erde zuwendete, oder es irgendein Schrank wäre und in ihm ein Gegenstand für ewig verschlossen ruhe: „Ich bitte dich, Dovid, bete für uns, für deine Kinder. Ich bin deine Batscba. Bete für deinen kranken Sohn Chadze, für deinen mageren Suskje, für ihre Kinder. Bete, sie sollen Menschen sein, für Gott und für die Leute.“ Jedoch die Großmutter, des Vaters Mutter, war mir besser bekannt: diese Frau, nichts als ein Kopftuch, ein Unterröckchen und ein verhutzeltes Gesicht. Ein anderthalb Archin großes Figürchen. Im Herzen: Demut, Liebe zu einigen auserwählten Kindern und das „Corminche“. Als Witwe zurückgeblieben, heiratete sie mit Erlaubnis des Rabbiners meinen anderen Großvater, den Vater der Mutter, dessen Frau ebenfalls gestorben war. Das erste Paar starb in demselben Jahre, in dem meine Eltern heirateten. Auf den Thron stieg meine Mutter. Literarisches Echo Siegmund Feist: Stammeskunde der Juden. Die „Stammeskunde der Juden“ von Dr. S. F. bildet eine wertvolle Bereicherung unserer wissenschaftlichen jüdischen Literatur. Der Untertitel — „Historisch-anthropologische Skizzen“ — zeigt schon, daß die Einstellung und Arbeitsmethode des Verfassers eine ebenso glückliche wie zweckmäßige ist. Gerade dieses Problem der Stammeskunde der Juden konnte nämlich bisher nicht richtig gedeutet werden — sowohl von jüdischen wie nichtjüdischen Rassetheoretikern —, weil es rein anthropologisch behandelt wurde. Diese Art der Behandlung mußte — trotz strenger Wissenschaftlichkeit im Aufbau der Theorie — zu Resultaten führen, die nichts Besseres vorstellten als Spekulationen oder Phantasien. Wo etwa auch eine bestimmte politische Meinung bei der Geburt des Werkes Pate stand, war schon von vornherein die erste Vorbedingung zu einer rein sachlichen Auffassung der Aufgabe nicht vorhanden. Bei dem Autor unseres Buches kann von all dem nicht die Rede sein. Aber wenn auch seine rein wissenschaftliche Absicht und Arbeitsmethode Vertrauen verdient, so bleiben doch auch für ihn die Schwierigkeiten bestehen, die in dem ungeheuer ausgedehnten Umfang des Stoffes liegen. Feist selbst betont im Vorwort, daß eine erschöpfende Verarbeitung des Materials, das zeitlich 3 Jahrtausende und räumlich 3 Erdteile umfaßt, nicht möglich war. In Palästina, dem Stammland der Juden, und in der Dämmerung frühester historischer Zeiten beginnt Feist seine Streifzüge „Über die Rassen“, die in der Stein- und Bronzezeit das heilige Land bewohnten, ist noch fast nichts bekannt, trotz zahlreicher Denkmäler aus dieser Zeit, die in der Gestalt von Gebrauchs- und kunstgewerblichen Gegenständen vorliegen. Die vorisraelitische Einwanderungsschicht des Landes — wahrscheinlich ältere Stämme der semitischen Sprachfamilie, deren jüngstes Glied anthropologisch und linguistisch die Hebräer sind — ist in der Bibel erwähnt. „Inwieweit die Stämme der Hebräer bei ihrer Besitznahme von Kanaan als reine Semiten anzusehen sind, entzieht sich jeder Untersuchung.“ Jedenfalls zeigen die Abbildungen israelitischer Häuptlinge aus der Zeit des Rehabeam den gleichen Gesichtsschnitt, wie er in ägyptischen, babylonischen und assyrischen Darstellungen von Hebräern zu finden ist. Ein Relief, das nur 100 Jahre jünger ist, nämlich das, welches, dem Obelisk eingegraben, den

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