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Das jüdische Echo · 1926-02-19 · 6 (19.2.1926) · p. Seite 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
6 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
Seite 126 (sequence 10)
Language
German
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126 Das Jüdische Echo Nr. 8 ungemein viel gewonnen. Seine Bilder werden raumhafter, lichter; er malt jetzt „Volk“, jüdisches Volk. Mit einer Kraft, die jede Sentimentalität ausschließt. Alte Beter, wehmütige Musikanten, hungrige Esser formen das Sujet der Jahre, die bis jetzt den Höhepunkt in Marcs Schaffen bedeuten: das jüdische Dorf des Ostens. Diese Jahre — die Schreckenszeit der Welt — sind für Chagall die glücklichsten. Und ein Widerschein dieses Glückes strahlt auch aus einer Reihe von Bildern, die alle einen Vorwurf haben: Marc und seine junge Frau. In der Folgezeit entwirft Chagall herrliche Bühnenbilder zu Gogol, dem Dichter, der ihm durch seine bunte, volkhafte Darstellungsweise verwandt ist. Sein umfangreichstes Werk, die Wandmalereien im jüdischen staatlichen Kammertheater in Moskau, entsteht im Jahre 1922. Hier läßt Chagall seiner Phantasie die Zügel schießen. Schon hier läßt sich stilistisch eine Wandlung nach dem Zeichnerischen feststellen. Und die nächsten Jahre sollen vorzüglich dem graphischen Schaffen gelten. Es entsteht der Zyklus „Aus meinem Leben“ und dann die Radierungen zu Gogols ' „Toten Seelen“. Sie sind schon in Paris entstanden, wo sich der Künstler jetzt noch aufhält. In seiner Malerei hat er sich zuletzt an den Westen stärker akklimatisiert. Wie weit das führen wird, läßt sich noch nicht abschließend sagen. Man kann aber auf jeden Fall sagen, daß Marc Chagall nicht minder Repräsentant jüdischer Kunst ist, als der der Gegenwartskunst überhaupt. F. F. II. Kindheitsermnerungen Von Marc Chagall. Unter dem Titel „Künstlerbekenntnisse“ läßt Paul Westheim im Propyläen-Verlag Briefe, Tagebuchblätter und Betrachtungen heutiger Künstler erscheinen. Wir entnehmen dem interessanten Band folgendes Probestück aus der Feder des bekannten Künstlers. Das erste, was mir in die Augen sprang, war ein Trog. Einfach, viereckig, nicht einmal sehr tief und innen rund wie ein halbes Ei. Ein Markttrog, ich füllte ihn ganz aus, wenn ich hineinkroch. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, vielleicht hat es mir die Mutter einmal erzählt: Gerade als ich geboren wurde, in der Stadt Witebsk „Piskowatik“, in einem Hühnerhäuschen an der Chaussee hinter dem Gefängnis, war ein großes Feuer. Es brannte die Stadt. Der Teil, wo die armen Juden wohnten. Man nahm das Bett und die Matratzen, die Mutter und das Kind zu ihren Füßen und trug sie an einen sicheren Ort in einen anderen Stadtteil. Aber noch vordem: ich wurde tot geboren ... ich habe durchaus nicht leben wollen. Stellt euch so ein blasses Wesen vor, das nicht lebendig werden will — als ob es sich an Chagallbildern übernommen hätte. Man piekt es mit Stecknadeln, taucht es in einen Wassereimer, und endlich gibt es ein Gewinsel von sich. Aber das Wichtige dabei: ich wurde tot geboren. (Hoffen wir, daß die Psychologen daraus keine für mich ungünstigen Schlüsse ziehen. Seid gnädig!) Das Häuschen meines Vaters und Großvaters in Piskowatik an der Chaussee blieb unversehrt. Ich habe es noch vor kurzem gesehen. Kaum war mein Vater „reich“ geworden, als er es auch schon verkaufte. Es erinnert mich an den Höcker auf dem Kopfe des grünen Maggid, den ich 1914 in Witebsk gemalt habe. Oder an eine Kartoffel, die man in eine Tonne mit eingelegten Heringen geworfen hat. Als ich in meiner heutigen Größe auf dieses Häuschen herabschaute, habe ich mich etwas krumm gemacht und gefragt: Wo eigentlich konnte ich hier geboren werden, wie hier atmen? Als nun mein lang- und schwarzbärtiger Großvater in Ehren gestorben war, erstand mein Vater für Rubel ein neues- Besitztum. Hier war kein Irrenhaus mehr in der Nähe wie in Piskowatik, ringsherum Kirchen, Zäune, Läden, Synagogen . . . einfach, einsilbig und ewig wie die Gebäude auf den Fresken Giottos. Um mich ringsherum, her und hin, drehen sich und winden sich, gehen vielerlei Juden: alte, junge, Jawitsche und Bohne. Ein Bettler eilt nach Hause. Ein Reicher geht nach Hause, Ein Junge aus dem „Cheder“ geht nach Hause. Vater geht nach Hause. Ja, damals gab es noch kein Kino. Man ging nach Hause oder in den Laden. Das ist das, woran ich mich nach dem Trog erinnere. Ich spreche nicht vom Himmel, von meinen Kindersternen. Das waren doch meine Sterne: meine stillen Sterne ziehen mit mir in den Cheder, warten auf mich draußen, bis ich zurückging nach Hause. Arme, verzeiht mir, ich lasse euch in so schwindelnder Höhe zurück. Meine frohe, traurige Stadt! Dich habe ich in meinen Kinderjahren von unserem Pförtchen aus schreckhaft betrachtet. Den Kinderaugen warst du deutlich sichtbar. Wenn der Zaun störte, stellte ich mich auf einen kleinen Pfahl, wenn du auch dann noch nicht zu sehen warst, stieg ich aufs Dach. Macht nichts — mein BUICK die Weltmarke in 1S7 Ländern vertreten Der moderne, populärste 6 Zylinder Generalvertretung: GEBR. BEISSBARTH, MÜNCHEN, Kohlstr. 2 /

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