Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 6 (19.2.1926)
- Date
- 1926-02-19
- Page
- Seite 125 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 125 lion. Mehrere Hunderttausende sind ständig arbeitslos, und es läßt sich nicht leugnen, daß sie für die Länder, in denen sie sich gerade aufhalten, eine Quelle der Beunruhigung und des Mißvergnügens bedeuten. Nun ist der Plan entstanden, möglichst viele von ihnen nach Südamerika zu schaffen, wo noch Raum für viele Millionen ist. Nansen schließt: „Um diesen Plan und verschiedene andere mit ihm in engem Zusammenhang stehende Fragen zu erörtern, sind auf Veranlassung des Völkerbundes die Vertreter aller an diesen Problemen interessierten Regierungen für den Monat Februar nach Genf geladen worden, und es wäre nur von Herzen zu wünschen, daß auf dieser Tagung endlich Beschlüsse von praktischem Wert gefaßt werden möchten, die dazu angetan sind, das bittere Los unzähliger unschuldiger Menschen zu erleichtern.“ Großbritanniens Position im mittleren Osten Der britische Kolonienminister L. S. Amery hielt heute in Leeds einen Vortrag über die Position des britischen Reiches im Mittleren Osten und führte aus, der Mittlere Osten, der einst die Wiege der Weltzivilisation gewesen war, beanspruche auch jetzt ungeheueres Interesse, und zwar wegen seiner unschätzbaren wirtschaftlichen Bedeutung. Die Entwicklung geht in einer Richtung, daß man sagen kann, dieses Gebiet werde jene bedeutende Stellung, die es in den früheren Jahrhunderten hatte, wieder erlangen. Was Palästina und den Irak anbetrifft, setzte Amery fort, so habe England die Verantwortung auf sich genommen, daß diese Länder niemals mehr türkischer Herrschaft unterworfen werden. Großbritannien hat die Aufgabe übernommen, in Palästina ein Nationalheim für die Juden zu errichten; mit der Bedingung jedoch, daß daraus keine Härte oder Ungerechtigkeit für die arabische Bevölkerung resultiert. Das war die Politik Großbritanniens bis jetzt und nach dieser Richtung wird sie weitergehen. Ihn Saud hat das jüdische Nationalheim in Palästina anerkannt Während der Kalifat-Konferenz zu Cawpore (Indien) brachte der Vorsitzende des Empfangskomitees, Moulana Hasrat Mohani, die Frage des Jüdischen Nationalheims zur Sprache. Er führte aus: Der einzige Lichtpunkt in der Karriere des früheren Königs Hussein war seine Entschlossenheit, die Balfour-Deklaration und das Jüdische Nationalheim in Palästina nicht anzuerkennen. Nun hat Ibn Saud, der Besieger Arabiens, indem er das Abkommen mit Sir Gilbert Clayton Unterzeichnete, auch das Jüdische Nationalheim anerkannt und so gegen die Interessen der Türken und der Drusen gehandelt. Zwecks Konsolidierung des Kalifats forderte der Redner, daß man darauf hinarbeiten müsse, Syrien, Palästina und den Irak der fremden Kontrolle zu entziehen, und einen intimen Kontakt zwischen der Türkei und dem Hedschas zu schaffen. j.u.ui 111«: 1 Feuilleton | lllllllllllllll L II! 1 111 III 111 1 III1 I. Marc Chagall Ich habe zuweilen in Gemarabänden Zeichnungen gefunden, die einer beim „Lernen“ schnell hingekritzelt hatte. Spielerische Versuche, oft ganz unbewußt beim Nachdenken hingeworfen; aber alle haben sie einen hervorstechenden Zug gemeinsam. Es ist dies die weite, oft ins unförmig Groteske gehende Linienführung. Das ist nicht, wie es - im ersten Augenblick scheinen möchte, bloßes Merkmal dilettantischer Art; man ist nicht übel versucht, es als Eigenart jüdischen Stilempfindens zu bezeichnen; denn auch bei dem bedeutendsten jüdischen Maler der modernen Kunst, bei Marc Chagall, finden wir diese eigentümliche Linie. Bei einem Künstler, dem die auch künstlerisch so assimilierende Atmosphäre des Westens nichts anhaben konnte, dessen urwüchsig jüdische Begabung sich in all seinen Werken offenbart. Geboren ist er tief im Osten, in einem gottverlassenen Nest, Liosno bei Witebsk, in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Seine Eltern sind Chassidim. Bis 1910 ist der junge Chagall in Rußland, zuletzt in Petersburg, wo er bei Leon Bakst malt. Dann zieht es ihn nach Paris. Bei Kriegsausbruch kehrt er in die Heimat zurück, erst nach Witebsk und dann nach Moskau. 1922 ist er wieder in Paris zu finden, wo er jetzt noch arbeitet. Chagall malte in den ersten Jahren seines Schaffens grobe, unbeholfene Bilder. Ereignisse, die aus der trostlosen Einsamkeit des Dorflebens herausfallen: Geburt, Hochzeit. Diese frühesten Werke, so sehr sie auch noch der Klärung bedürfen, kennzeichnen schon Chagalls Art. Neben der eigenwillig-starken Farbengebung und der der östlichen Kunst eigentümlichen Weiträumigkeit finden sich spezifisch jüdische Züge. Da ist wieder diese unbändige Linie und vor allem jener sich zusehends stärker herausbildende Zug, der Schilderung und Phantastik so seltsam vermischt, ein Zug, der auch den chassidischen Legenden ihr Gepräge verleiht. So hat sich Chagall später auf einem seiner Pariser Bilder selbst dargestellt, 'doppelköpfig: nach der einen Seite, mit ernst betrachtendem Gesicht, Marc, den Erzähler, nach der anderen, mit seltsam bewegten Zügen, Marc, den Phantasten. Darüber hinaus liegt aber in seinen Bildern eine gerade ob ihrer Natürlichkeit schwer zu definierende, ausgeprägt jüdische Note, die in ihrer Selbstverständlichkeit wohltuend kontrastiert zu den oft so krampfhaft betonten Darstellungen dieser Art eines westlichen jüdischen Künstlers (Struck, Steinhardt usw.). Da ist ein Baum aus einem Topf, auf dem in groben Buchstaben lü/2 steht, alte Juden im Tallis oder mit dem Schnappsack wachsen aus dem Bild, einmal ist der Horizont hinter einem Alten überloht von hebräischen Zeilen. Oder es leuchten auf einem Selbstbildnis aus dem Hintergrund unvermittelt goldglänzende jüdische Lettern auf. Solches ist das Wesen von Marc Chagalls Kunst. Neben diesem Grundzug seiner Schöpfungen sind die Entwicklungsphasen des Künstlers bemerkenswert. Der erste Pariser Aufenthalt bedeutet für ihn eine eminente Erweiterung des Blickkreises. Er kommt dorthin in den ersten Jahren des aufstrebenden Kubismus. Und Chagall bewältigt dieses Problem in seiner barbarischen und dabei doch wieder feinfühligen Art. Sein Stil wird flächenhaft, die Farben von leuchtender Kraft, hart ineinandergesetzt. Inhaltlich bricht sich ganz seine mystische Phantastik Bahn; ob er den tollen Spuk der Großstadt oder die Weite des russischen Dorfes malt, seine Darstellung bleibt magisch und zugleich naturhaft. 1914 geht Chagall nach Witebsk zurück. Der Osten wird ihm zum Erlebnis.. Die Wildheit seiner Pariser Kunst verrauscht, aber er hat technisch