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Das jüdische Echo · 1926-01-29 · 5 (29.1.1926) · p. Seite 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
5 (29.1.1926)
Date
1926-01-29
Page
Seite 78 (sequence 10)
Language
German
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78 Das Jüdische Echo Nr. 5 Gesindel schwärmle überall. Kam eine der armen Jüdinnen zum oberen Tore, wurde sie erbarmungslos niedergeschlagen. Ein Haufen von Leichen lag bei der Pforte getürmt. Und manche Flamme sab verruchte, viehische Missetat, daß sie entsetzt sich wandte und ans Gebälk sich klammerte mit feurigem Finger. . . Kinder kreischten, bis sie unter Hieben verröchelten. Tierische Mörder packten zappelnde, wehrlose Knäblein an den Beinen, zerschmetterten ihnen die Hirnschale an der Wand und warfen sie in den glühenden Schlund dieser entselzliehen Hölle, die Haus und Habe, Holz und Hausrat, Bett und Bank, Gewebe und Gewand, Leiber und Leichen fraß in unersättlicher Gier. . . Die Zimmerleute stürmten an mit Enterhaken und Feuerleitern. Der schwarze Jörg führte sie. Eben als sie einlraten, brach die Holzdecke der Synagoge berstend ein. Einige Juden hatten sich durch eine Luke über eine Leiter hinaufgeflüchlel auf den Speicher, um von da aufs Dach zu gelangen. Sie stürzten mit herab und ein fürchterliches Chaos von Brettern und Balken und Menschen gab der Flamme neue Nahrung. Hinter dem Frauengitter halten diese erst geschrieen und gewimmert. Dann war es still geworden; wohltätige Ohnmacht hatte den meisten das Bewußtsein geraubt. Der schwarze Jörg schwang die Axt und zersplitterte das brennende Lattenwerk. Über die Trümmer sprang der Vagant Nikolaus. Er hatte Esther erspäht. Seine Wange glühte in Erinnerung des Schlages, den ihm einst ihre Hand versetzt. . . Sie hatte ihn bemerkt, bebte zurück und zog den Schleier übers Gesicht, dann sank sie um. Der Scholar warf sich auf sie: „Hab ich dich!“ knirschte er heiser und suchte sie aufzuheben. Ein gewaltiger Fausthieb traf ihn in den Nacken und wie ein Ball flog er hinaus ins Geprassel des brennenden Gebälks. Mit versengtem Haar wälzte er sich an der Erde, rannte auf und davon, Wasser über den glimmenden Mantel zu schütten. Die Deutschherren waren da. Sie nahmen die Frauen auf. Der schwarze Jörg reichte sie ihnen zu, dem starken Mann eine leichte Last. Heinos helle Stimme gab die Befehle. Als er den Scholar abgetan, hob er mit starkem Arm die bewußtlose Frau vor ihm empor, sprang mit klirrenden Beinschienen über Leichen und Trümmern hinweg, ins Freie. Das schöne Haupt der Jüdin lag auf seiner Schulter, er spürte durch das Drahtgeflecht der Halsberge das warme Wehen des leise gehenden. Atems. Ihre Arme hingen schlaff über seinen Bücken, ihr schwarzes Haar wehte im Winde wie ein Trauerschleier. Durch die feurige Gasse, durch das Knistern des Brandes, durch Rauchschwaden und zwischen wahnsinnigen Menschen hindurch strebte er zum unteren Ausgang bei der Großen Pfaffengasse und sah und hörte nicht, wie hinter ihm ein weißbärtiger Mann lief und rief. Die Flamme wuchs und wuchs und erstickte in schwälender Lohe Schmerz und Angst, Hoffnung und Vergessen. . . Bald war, wo Geschlechter den Namen des Herrn in heiliger Ehrfurcht angerufen, nichts mehr als Trümmer, Qualm und Bauch. . . Tohu wabohu. . . II. Ein einsamer Spaziergang Durch den Emek, auf dem Boden, der dem Volke gehört, gehe ich allein spazieren. Nirgends, in keinem Land, auf keiner Erdbodenfläche habe ich solche Gefühle gehabt wie hier, wo ich allein spazieren ging. In meiner Kindheit pflegte ich auf fremden Feldern und Gefilden herumzuirren. Klopfenden Herzens schweifte der jüdische Wanderer umher. Seine Schritte waren stets von Schrecken begleitet. Boshafte Gassenbuben und schlimme Hunde oder ihre Gespenster verfolgten ihn ununterbrochen. Räuber, sonderbare Männergestalten mit Axt und Beil, und Dämonen verfolgten mich, den Juden. Sogar in den belebtesten Straßen der Großstadt las ich, der Jude, aus den fremden, mit Verachtung blickenden Augen allemal etwas Wildes, Drohendes. Nirgends ging ich allein spazieren. Nur in der großen Emekfläche wandere ich von Kibuz zu Kibuz ganz allein. Ich fühle unter meinen Füßen etwas Festes, ringsum Eigenes: Himmel Gilboa, Tabor, Karmel- Berge und rote Dächer, die eine neue jüdische Siedlung ankündigen. Ich zähle: 1 Kilometer Volksboden, ein zweiter und dritter. Und nach und nach. Mich dünkt, ich sei von einem dichten Gewebe umsponnen, das Volkstum heißt, und schreite immer tiefer in dieses dichte Gewebe hinein. Meine Schritte führen in das Volkstum hinein. Deshalb bin ich so ruhig in meiner Einsamkeit; deshalb bin ich so fest und sicher, trotzdem ich allein bin. Die wirkliche Einsamkeit, die das Individuum bereichert und befruchtet, blüht nur im Schoße des ewigen, jungen, grünen Volkstums. Nur auf dein Boden, der dem ganzen Volke gehört, fühle ich mich fest und sicher, auch wenn ich einsam und allein bin. Ich gehe allein spazieren. Ziel? . . . End- und Zeitpunkt? . . . Ich gehe ziellos, bin mir jedoch gleichzeitig des Ziels bewußt. Meine Schritte wenden sich nicht einem bestimmten Siedlungspunkt zu, sondern einem jeden jüdischen Punkt im Emek. Das große bekannte Ein Charod und sein starker Nachbar Tel Joseph, das kleine, auf den Bergen kletternde „Gewa“ und der liebe Kreis, welcher Nahalal heißt; der Erstgeborene des Keren Kajemeth-Vermögens im Emek, Merchawja, und Nagingad, sein jüngster Sproß, — all das sind Punkte, denen sich mein Blick besonders zuwendet. Wo mich der Sonnenuntergang überrascht und die Müdigkeit überwältigt, werde ich einen Tag über warten und die auf ihn folgende Nacht verbringen. Und während meines Aufenthalts werde ich ehrfurchtsvoll die schwere Mühe des jüdischen Arbeitsmenschen sehen. Ich werde sehen, wie die Erde die jungen Kräfte jüdischer, verwöhnter Kinder in sich aufsaugt und wie verwöhnte Stadtkinder frische Erdkräfte in sich auf nehmen; wie zarte jüdische Mädchen und Frauen Kühe melken in später Abendstunde und wie sie in Trögen Teig kneten; wie jüdische Jünglinge dem Pflug mit langsamen, rhythmischen Schritten nachgehen, — ein Zeugnis des gewaltigen Siegs über den Trieb dieser Menschen, die das Unrhylhmische, das Quecksilberhafte, Tobende und Schäumende des Luftmenschen in sich niedergerungen haben.

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