Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 5 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- Seite 74 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Das Jüdische Echo Nr. 5 uns selbst laut verkündeten, was wir sind und was unsere Bestimmung ist. Vom jüdischen Standpunkt aus gesehen, ist dies eine ungeheure Leistung, aber menschlich-moralisch bedeutet es eine große Belastung. Erst auf dem Hintergründe des Galuthtvpus rückt der neue Judentypus in Palästina in die richtige Perspektive. Es besteht die Frage, oh der Zionismus seine Forderung, in Palästina aus unserem Volk der Abstraktion ein Volk der jüdischen Wirklichkeit zu schaffen, geglückt ist, eine Frage, deren Beantwortung nur die Erfahrung lehren kann. Um es gleich vorwegzunehmen, die Tendenzen, die sich im Jischuw der letzten 15 Jahre bemerkbar machten, bieten die Gewähr, die Frage positiv beantworten zu können. Im Jahre 1913 waren die Juden in Palästina noch landfremd; das Lehen, das Klima, das Land mußten erst in Besitz genommen werden. Man befand sich im Stadium der Okkupation. Ein Beispiel für die vollständige Inbesitznahme dieser Zeit ist Tel-Awiw. Das Wunder, das sich dort vollzog, besteht nicht nur darin, daß aus einer kleinen Siedlung am Meer in der kurzen Zeit eine jüdische Großstadt gestampft wurde, sondern in der Selbstverständlichkeit, mit der dies Wunder hingenommen wird. Einen Neuankommenden berührt diese Selbstverständlichkeit wunderlich, aber nur, solange er den Charakter des Palästinajuden nicht kennen gelernt hat. Dort ist alles Gemachte, Krampfhafte verloren gegangen, eine jüdische Wirklichkeit ist erstanden, die die beste Argumentation gegen den Antizionismus ist. Und noch eine Tendenz, die neue Rangordnung der Werte, ist schon auf den ersten Blick bemerkbar. Während in der Galutli die Rangordnung gilt, je intellektueller ein Beruf, ein Mensch ist, um so höher sei er zu bewerten, tritt in Palästina zunächst das Bestreben zur Hochschätzung, ja zur Überschätzung der physischen Kräfte in Erscheinung. Da die Juden ja am besten wissen, wie schwer es ist, die Grenze zwischen der nützlichen Geisteshetätigung und dem Spiel mit philosophischen Nutzlosigkeiten um ihrer seihst willen einzuhalten, so macht sich eine Sucht zur produktiven Legitimierung außerordentlich stark im neuen Judentum bemerkbar. Es ist ferner eine Neigung zur Übertreibung der Wichtigkeit des Heute und des Morgen festzustellen. Im Gegensatz zum Galutbjudentum, das sich in Ewigkeitsprobleme zu stürzen liebte, und ihnen einen um so größeren Wert heimaß, je größer die Spanne Zeit war, die sie umfaßten, ist der Jude Palästinas darauf bedacht, die nächstliegenden Forderungen hoch einzuschätzen, und selbst die intelligentesten Köpfe halten sich Probleme, die nicht ihre allernächste Zukunft betreffen, vom Leibe. Den stärksten Eindruck auf Galuthjuden macht die Erscheinung, daß die jungen Juden, die dort ihr Leben der Idee hingeben, keine moralische Bewertung ihrer Handlung haben wollen, ja eine solche ihnen unerklärlich erscheint. Für sie ist der von ihnen gewählte neue Arbeiterberuf eine Selbstverständlichkeit, und ihre Handlungen sind natürliche Gebärden, die aus dem Bewußtsein fließen, daß das, was sie tun, das einzig Mögliche und Notwendige ist. Der Galuthjude hat hundert Möglichkeiten und Wege, die er einschlagen kann. Der wahre Adel kennt aber nur einen Weg, den er gehen muß, der für ihn der eigene ist. Man kann also zusammenfassend sagen, daß in Palästina ein edler Typus eines Wirklichkeitsjuden heranwächst. Und diese Zukunftsmenschen werden Palästina sein, nicht, weil sie quantitativ überwiegen — die Einwanderung nach Palästina verbürgt selbstverständlich nicht ein sofortiges Aufhören des Galuthjudenlums —, sondern weil eben s i e Palästina bauen. Die Zukunft wird einen Schicksalskampf der Galuth gegen Palästina bringen, und diese Schlacht kann nur in Palästina geschlagen werden. So könnte man mit den bisherigen Erfolgen zufrieden sein und froh in die Zukunft blicken. Allerdings muß man sieb vor Surrogaten hüten, denen die bis jetzt bemerkbaren erfreulichen Tendenzen zustreben könnten, so beispielsweise einem Chauvinismus, der immer ein Zeichen von Unsicherheit ist. Der neue Jude soll stark sein aus schlichter menschlicher Sicherheit. Diese Surrogate würden neue Formen desselben alten Judentums in gefährlicheren Formen sein, weil sie den Schein des Neuen, Revolutionären haben. Der Zionismus aber erstrebt eine menschliche Befreiung. Der Jude in Palästina wird ruhig schlafen können. Er wird es nicht wie der Galuthjude nötig haben, sich immer und ängstlich seines Judentums bewußt zu sein. Er wird endlich einmal „Ferien von der Last und der Schicksalsschwere, Jude zu sein“, haben. Ra. Li. Das alte Lied Herr Dr. Alfred Wiener, Syndikus des C.-V., sprach Montag, den 11. Januar, in einer Versammlung, zu der die Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg eingeladen waren, über „Von Stöcker bis Hitler“. Der Redner legte dar, daß das deutsche Volk aus der Geschichte nicht* gelernt habe — was ja stimmen mag — und behauptete, daß sich das besonders beim Aufkommen des parteimäßigen Antisemitismus gezeigt habe. Nur der G.-V. habe den Sinn dieser letzten Epoche deutscher Geschichte, was das Judentum anlangt, verstanden. Nur seine Arbeit gebe die Gewähr, daß der Antisemitismus, wenn nicht ganz besiegt, doch tatkräftig und energisch bekämpft werde und seine schlimmsten Wirkungen gemildert würden. Nur im C.-V. könnten orthodoxe Juden neben solchen mit liberalen Anschauungen gemeinsam arbeiten und sich ihre staatsbürgerlichen Rechte wahren. Darüber hinaus sei der G.-V. das Organ, in dem die deutschen Juden ihr Deutschtum und Judentum gleicherweise pflegen könnten, allerdings könnten ihm nur solche Juden angehören, die sich „vol'li und ganz“ mit dem Deutschtum verbunden fühlen und nicht an die Tatsache eines jüdischen Volkes glauben. Dies die Melodie des uns wohlbekannten alten Liedes, das dein Ohr so vieler deutscher Juden, die gern mit sich zufrieden sind, noch immer schmeichelt. Herr Dr. Alfred Wiener verfehlte nicht, sie mit allerhand schönen Koloraturen und Trillern zu verzieren — er kennt ja sein Publikum aufs beste und ist ein recht gewandter Redner, dem die Worte wie Honig von den Lippen fließen. Wie wmhlj tut es doch den Juden, wenn sie aus dem Munde eines hochgebildeten Mannes, der sogar, wie er versichert, Hebräisch kann, und das noch besser als mancher „Zionistenhäuptling“, vernehmen, daß eigentlich alles in schönster Ordnung ist, da ja der C.-V. als ein treuer Wächter auf dem Posten steht und die Aufgabe des deutschen Judentums erfüllt. Dabei verriet Dr. Wiener die bis jetzt noch ganz unbekannte Tatsache, daß die deutschen Juden seit 2000 Jahren Freud und Leid mit dem deutschen Vaterlande teilen; wo er das aber gelesen hat, hat er nicht verraten. Hoffentlich wird er das nächste Mal nicht noch behaupten, daß seine Vorfahren mit den Mannen Hermanns des Cheruskers nach dem rühmlichen Siege im Teutoburger Wald auf den Bärenhäuten gelegen und Meth getrunken haben.