Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 5 (29.1.1926)
- Date
- 1926-01-29
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Das Jüdische Echo Nr. 5 Ärabische Seifenblasen Es ist das Wesen der Politik, stets anpassungsfähig zu sein, und der Umstand, daß der Zionismus seit einer Reihe von Jahren durch seine enge Berührung mit England in die Schule der anpassungsfähigsten Politik überhaupt geht, sollte ihn eigentlich in die Lage bringen, jene Dogmatik abzustreifen, welche er seiner früheren Unterstellung unter die Mentalität deutscher Politik verdankt. Der Engländer kennt stets das große Ziel seines Weges, aber er hat Geduld, und es stört ihn nicht, Umwege machen zu müssen, auch wenn sie ihn in den Augen der Welt völlig von seinem Ziel abzubringen scheinen. Bündnisse, Freundschaften und Feindschaften sind für ihn nur so lange von Bedeutung, solange sie diesem Ziele nützen oder schaden. Wegen der ,,Nibelungentreue“ wird er nie die Waffen ergreifen, aber ebensowenig einen „Erbfeind“ wirklich als solchen empfinden, sobald sich die Verhältnisse ändern. Der Zionismus nun läuft Gefahr, seine politische Mentalität ungleich mehr mit solchen typisch deutschen Vorstellungen zu belasten als der Notwendigkeit seiner Politik entspricht. Viele Zionisten neigen dazu, die Araberfrage mit dieser Mentalität theoretisch einzukapseln. Manche von ihnen erblicken in den Arabern den naturgegebenen Erbfeind, mit dem man über Palästina nur als Krieger debattieren kann, andere wiederum berauschen sich in panasiatischen Hymnen einer reichlich komischen Nibelungentreue, die Schulter an Schulter sich gegen das Eindringen des Abendlandes zur Wehr setzen soll. Wir müssen uns gleichmäßig vor beiden in acht nehmen. Erstens ist der „Araber“ kein einheitlicher Begriff und zweitens ist es nicht die Mission des Zionismus, zu irgendeinem Volke der Welt eine spezielle Beziehung zu haben, sei es eine positive, sei es eine negative. Die Mission des Zionismus ist seit Herzl eine so eindeutig klare, daß wir sie nicht stets wieder von neuem zu formulieren brauchen. Alles aber, was uns zu ihrer Verwirklichung führt, ist labil und immer nur der Ausdruck der jeweiligen Verhältnisse. Wenn wir nun heute die Wandlung der Verhältnisse im Zeitraum von 1918 bis 1925 überblicken, so können wir nicht an der Haupterkenntnis vorüber: Es ist möglich, daß sich unsere politische Position verschlechtert hat; aber es ist ganz zweifellos, daß die Position der Araber sich noch ungleich mehr verschlechtert hat und daß dort der Zusammenbruch eines Kartenhauses eingetreten ist, den wir viel zu wenig zur Kenntnis nehmen. Uns hat man seinerzeit, als wir die Balfour-Deklaration erhielten, ungleich mehr geben wollen, als wir zu nehmen stark genug waren. Die Schwäche, die wir damals in jeder Beziehung aufwiesen, als es zur Verwirklichung kam, ernüchterte die Engländer, die in dem Seherif Hussein einen Gegenspieler hatten, der je nachdem nützlicher oder gefährlicher werden konnte. Ihm zuliebe, nur ihm zuliebe war es, daß England die Balfour-Deklaration schrittweise abbaute. Ganz auf sie zu verzichten, wollte England allerdings nicht riskieren, und Hussein, der hier eine sehr dumme Politik trieb, war auch zu einer rein formalen Anerkennung dieser Deklaration nicht zu bewegen. Man kann heute ruhig sagen, daß er und seine ganze Dynastie einzig und allein hieran gescheitert sind. Als wertvollem Bundesgenossen während des Krieges hatte England ihm nicht nur große Hoffnungen erweckt und Versprechungen gegeben, es tat nach dem Kriege auch alles, um diese Versprechungen einzulösen, und Hussein und seine vier Söhne erhielten sämtliche Throne in Arabien, lauch Transjordanien; selbst Palästina wäre ihnen gegeben worden, wenn Hussein sich dort mit der Balfour-Deklaration abgefunden hätte. Doch was geschah? Dieses Seifenbläschen großarabischer Machtpolitik, getragen von der Autorität der Großmächte, unterstützt mit gewaltigen Subventionen, ausgerüstet mit Militär und voller Regierungsgewalt, erwies sich als so gewaltiger Bluff, daß sich an ihm gemessen das politische Spiel des Balfour- Zionismus als eine viel ernster zu nehmende Realität offenbarte. Die Seifenblase zerrann, und während sich in Palästina die große Wandlung der letzten Jahre vollzog, jene Wandlung, die eine schrittweise und respektheischende Umwandlung von Bluff in Realität darstellte, während sich hier tatsächlich ein Volk in Bewegung setzte, das Land erschloß, Städte baut, Industrien schuf, ging die arabische Bewegung an ihrer Hohlheit zugrunde, erlitten die Husseiniten die größte politische Blamage und Schlappe, die überhaupt nur auszudenken war. England wollte und konnte sich nicht auf die Dauer damit lächerlich machen. Es ließ seine Freunde fallen. Nun ist der Königstraum vorüber und Hussein und seine Söhne haben im Exil genügend Zeit, darüber nachzudenken, was es für Bewandtnis damit hat, wenn man mit England Geschäfte machen will, ohne selbst Realitäten bieten zu können. Das Fallenlassen der Hussein-Dynastie geschah sicherlich nicht gerade um der Zionisten willen. England hatte bereits einen anderen Gegenspieler zur Hand, der erstens eine größere Potenz darzustellen schien, als Hussein, und der zweitens England insofern weniger unbequem zu werden versprach, als seine Stoßlinie nicht nach dem mittelländischen Küstengebiete, nicht nach Palästina zielte, sondern nach Mekka und Medina. Dieser Gegenspieler war Ibn Saud,, der Wahabitenherrscher, und ihm konnte England,, s ohne selbst einen Finger zu rühren, die Zertrümmerung des hohlen Gebildes der Husseiniten überlassen. Zwei Fliegen mit einem Schlag: Man war Hussein los und verschob gleichzeitig das Schwergewicht der großarabischen Bewegung weil von Palästina fort. Daß das Schwergewicht für die nächste Zeit bei den Wahabiten liegen wird, scheint tatsächlich außer Zweifel zu sein. Es hat den Anschein, als ob hinter Hussein wirklich überhaupt keine ernsthafte Volksdynamik stand, und die Tatsache, daß es gerade jetzt in Palästina so überraschend ruhig geblieben ist, kann auch als weiterer Beweis dafür gelten, daß für dieses Land zur Zeit eine ernste arabische Bedrohung nicht besteht. Dies kann aber der Schlüsselpunkt für unsere- Araberpolitik werden. Ob die Politik des dauernden Zurückweichens, die der Zionismus in der abgelaufenen Periode befolgt hat, notwendig und nützlich war, ist noch schwer zu entscheiden. Erklärlich war sie in jedem Falle. Aber es ist der Zeitpunkt da, sich zu fragen, ob die Verhältnisse sich nicht geändert haben. Die weitgehendsten Proklamationen unserer Araberfreundschaft haben niemals den Sinn gehabt, daß wir auch diejenigen Araber als unsere Freunde betrachten sollen, welche die Balfour-Deklaration bekämpfen. Diesen Teil der Araber hat England' fallen lassen, und zwar gerade wegen seines Widerstandes gegen die Deklaration. Sind wir nicht genug an ihr interessiert, um auch nun selbst einige Schlußfolgerungen daraus zu ziehen? Was aber die Wababiten anlangt, deren wesentliche Funktionen mehr auf religiösem als auf macht politischem Gebiete liegen und deren Zieledurchaus nicht durch den Zionismus gestört wer-