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Das jüdische Echo · 1926-01-22 · 4 (22.1.1926) · p. Seite 64

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
4 (22.1.1926)
Date
1926-01-22
Page
Seite 64 (sequence 12)
Language
German
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64 Das Jüdische Echo Nr. 4 allem Bisherigen hervorgeht — bar jedes billigen Optimismus. „Die Stunde ist dunkel“, heißt es hei Lewisohn. ..Aber das soll uns nicht hindern, für eine bessere zu arbeiten, zu kämpfen, die kommen mag.“ J. Franz Kafka. Anläßlich des soeben erschienenen zweiten Nachlaßbandes*. Es ist bedauerlich, daß dieser jüdische, mit einundvierzig Jahren verstorbene Dichter von uns ging, ohne die Frucht erlebt zu haben, die seine wunderbare Prosa naturgemäß hätte bringen müssen. Aber es ist nicht anders sein Wunsch gewesen. In der Stille hat er gelebt und geformt, einerlei ist ihm Nachfrage und Erfolg gewesen. Einem rühmlichen Aufselmerregen war er abhold und ließ sich den Lorbeer nur von dem begrenzten Kreis seiner Freunde reichen. Nach dem Novellenband „Der Hungerkünstler“ hat der Verlag Die Schmiede, Berlin, nunmehr den großen, fragmentarisch gebliebenen Roman ,.Der Prozeß“ erscheinen lassen. Max Brod, der sich des Nachlasses Kafkas in Freundschaft angenommen hat, hält es für seine Sendung, diesen Roman — trotz eines testamentarischen Verbots des Autors — der Öffentlichkeit zu übergeben. Und wir wissen ihm dies zu danken. Kafka ist eben ein ganz Großer gewesen, der einst einer heranwachsenden Dichlergeneration einen neuen Ausblick öffnen wird. Dieser Prozeß bedeutet die Tragödie des in sich gesenkten Menschen. Eines Tages steht die Umwelt auf, eifert gegen ihn, hetzt ihn, liefert ihn ungeheuren unterirdischen Fallen aus. Der Bankprokurist K. wird an einem Morgen, als er eben das Bett verlassen hat, für verhaftet erklärt. Er ist sich keiner Schuld bewußt, fragt die Beamten, die er später als seine untergebenen Bankangestellten erkennt, nach dem Grunde dieses seltsamen Verfahrens — und erhält keine Antwort. K. sucht sich dieser Willkür anfangs zu entziehen, bald aber sieht er ein, daß alle Menschen, mit denen er es zu tun hat, ohne sein Wissen in den Schuldgrund eingeweiht wurden. Eine ganze Umwelt erhebt sich gegen ihn, nicht etwa zum offenen Kampf, sondern zu einem unheimlich schleichenden Kleinkrieg. K. sieht sich in ein undurchdringliches Gewirr von Rätseln verstrickt. Er hat einen Anwalt, der seine Sache nicht fördert, sondern verschleppt, einen Vorgesetzten, der sich mit ironischem Lächeln auf das Ende der Affäre, die bevorstehende Verurteilung, freut und eine Geliebte, die — auch mit dem unheimlichen Gericht verknüpft — ein lächerliches Spiel treibt. Er ist der unbegrenzten Willkür einer geheimnisvollen Gerichtsbehörde unterworfen. K„ der Angeklagte, fragt alle Well: Warum geschieht mir dies alles? Keine Antwort. Er sieht nur einen Apparat, der mit grauenhafter Pünktlichkeit arbeitet und der lediglich zu dem Zweck erfunden zu sein scheint, ihn zu beseitigen. Dabei ist er ein brauchbarer Mensch, beliebt, hat eine gute Stellung, einen Bürodiener und kratzfüßige Angestellte; verhandelt mit Kommerzienräten und Finanziers von internationaler Bedeutung. Er dient seiner Welt, — aber diese bäumt sich gegen ihn auf. K. muß der Übermacht weichen, wird apathisch, bricht in sich zusammen und läßt sich von seinen geheimnisvollen Henkern erdrosseln. Ein Thema, dessen Mystik Kafka wohl besonders angezogen hat, und dessen restlose Lösung ihm * Franz Kafka; Der Prozeß, Berlin 1925, Verlag Die Schmiede. nicht mehr vergönnt war. Darum ist dies Buch dunkel und von unergründlicher Tiefe. Ringen einer Seele gegen die Fallgruben menschlicher Begrenztheit, — aussichtsloses Ringen, das uns genau so bei Dostojewskij erschauert. Wir wissen von Kafkas Büchern, die zu Lebzeiten erschienen sind — wie „ln der Strafkolonie“ und „Die Verwandlung“*, daß er ähnliche Phantasmen, diese grauenhafte Unmöglichkeit, mit dem Symbol der Realität behaftet, besonders geliebt hat. Es ist das ewige Leidenslied des stillen, in sich gesenkten Menschen, der die Erde, seine Brüder liebt, immer aber wieder verraten ist und sieb an den Unzulänglichkeiten seiner Seele zerstiiekt. Kafkas Helden sind heilige Büßer, deren einzige Schuld es ist, daß sie nicht verstehen, ins Licht zu treten. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die Sprache dieses Romans genau so beglückt wie alles, was Kafka je geschrieben hat. Er ist der Sinfoniker der Prosa. Seine Sätze sind klar wie Bachsche Fugen und mit goldenen Bändern des Klanges ineinandergebunden; seine Einfachheit tönt, und seiner Menschlichkeit Lohn war sein früher erlösender Tod. Manfred Sturmann. Gemeinden-u. Vereins-Echo Zionistische Ortsgruppe München. Uni den persönlichen Kontakt innerhalb der Ortsgruppe enger zu gestalten, treffen wir uns jeden Donnerstag gegen halb neun Uhr abends im Spielzimmer des Cafes Orlando di Lasso am Platzt zu zwangloser, gemütlicher Aussprache. Wir hoffen, daß alle Gesinnungsgenossen, Damen und Herren, regelmäßig und zahlreich am Stammtisch der Ortsgruppe erscheinen. Die Vorstandschaft. ,,Schachklub Lasker“. Winterturnier 1925 bis 1926: Montag, den 18. Januar 1926, wurde die 8. Runde, in der es manch harte Nuß zu knacken gab, gespielt. Die 9. Runde wird 26. Januar 1926, gespielt werden. Z wi sehen der 9. und 10. Runde (also am 1. Februar) wird ein Abend eingeschaltet, an dem die Turnierteilnehmer ihre Hängepartien erledigen und die noch rückständigen Partien nachspielen können. Außerdem wird ein solcher Abend zwischen der 14. und 15. Runde und wenn nötig zwischen der 19. und 20. Runde eingeschoben werden. Diejenigen Teilnehmer, die mit ihren Partien nicht im Rückstand sind, können an diesen Abenden Vorspielen. Nach der 10. Runde werden die Partner für jede Runde gepaart; ein unenlschuldigles Fernbleiben zieht den Verlust der Partie nach sich, ebenso das Überschreiten der halbstündigen Wartezeit. Nächster Turnierabend findet Montag, den 25. Januar, statt. Beginn pünktlich 8 I hr abends. Die Turnierleitung. Jüdischer Kulturverein I. L. Perez, München. Donnerstag, den 28. Januar 1926, veranstalten wir im B i b 1 i o t h e k s a a 1 der Gemeinde, Herzog- Max-Straße einen Musi kabend mit Rezitationen. Das Programm ist sehr reichhaltig (siehe Anzeige!). Außer den Herren S. Eisen, der ernste * Erschienen bei Kurt Wolff in München.

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