Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- 4 (22.1.1926)
- Date
- 1926-01-22
- Page
- Seite 63 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Das Jüdische Echo 63 Behandlung der Juden und ihre Gleichstellung mit den anderen Bürgern Rumäniens bezieht. Der Redner schloß: Rumänien wird seinen moralischen Kredit in den Vereinigten Staaten nicht sichern, bevor es nicht die Verpflichtungen gegenüber den Juden erfüllt. Eine eigenartige Begründung für den Numerus clausus. Der Führer der Nationalisten und ehemalige Minister Vaida-Voevod, der sich anschickt, nach dem erwarteten Sturz der liberalen Regierung die Regierung Rumäniens zu übernehmen, äußerte sich gegenüber Journalisten wie folgt: Der Antisemitismus der Rumänen in Siebenbürgen ist sehr erklärlich und nichts anderes als eine gegenwärtige nationale Reaktion, deren Ursache darin zu suchen ist, daß zur Zeit der Herrschaft der Ungarn in Siebenbürgen die Juden eine günstigere und privilegiertere Situation gegenüber den Rumänen hatten. Auf jeden Fall scheint es, daß nach dem Erfolg Klebelsbergs auch die rumänische Regierung einen Numerus clausus annehmen wird, der aber in gerechter und proportioneller Weise systematisiert sein wird, auf keinen Fall aber den gegenwärtigen Numerus clausus, der verschleiert und ungerecht ist. Hierzu schreibt das Regierungsorgan „Viitorul“: Herr Vaida ist schlecht informiert. Gegenwärtig gibt es in Rumänien überhaupt keinen Numerus clausus und infolgedessen auch keinen verschleierten. Es wird auch nicht die Einführung dieser Maßnahme beabsichtigt. Die Gleichberechtigung der Juden in Spanien. Die spanische Gesandtschaft in Berlin teilte dem Central - Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf eine Anfrage mit, daß die Nachricht, der zufolge General Primo de Rivera, das Oberhaupt des spanischen Direktoriums, erklärt haben soll, daß ein Jude, der nicht zum katholischen Glauben übertrete, nicht Bürger Spaniens werden könne, den Tatsachen nicht entspreche. Vielmehr habe Primo de Rivera den Juden die Einbürgerung in Spanien durch ein Dekret erleichtert. In dem gleichen Sinne äußerte sich der Redakteur der Madrider ,,E1 Impercial“, E. I). Rodino, der ausführte, die Einbürgerung der Juden in Spanien wurde durch ein Königliches Dekret vom 20. Dezember 1924 erleichtert; das Dekret erläßt weitgehende Bestimmungen zur Erleichterung der Erlangung der spanischen Nationalität für die Juden spanischer Abstammung, die sogen. „Sephardim“, die jetzt zum Teil in Holland und England, meist aber im Balkan leben. Viele dieser Sephardim besitzen auch heute noch von altersher die spanische Nalionalität oder stehen staatsrechtlich unter spanischem Schutz. Juden verschiedener Nationalität, darunter auch der spanischen, leben in Spanien in staatsrechtlich voller Gleichberechtigung. Das erwähnte Einbürgerungsdekret hat bis 1930 Geltung. Kauft bei den Inserenten des „Jüdischen Echos“ Literarisches Echo Zwei Bücher — „Gegen den Strom*4 von Ludwig Lewisohn (Frankfurter Societätsdruckerei) und „Amerika und sein Problem44 von M. J. Bonn (Meyer & Jessen, München) — behandeln den gleichen Gegenstand, eben Amerika und sein Problem, und kommen auf getrennten Wegen zu ähnlicher Lösung. Lewisohn schildert die Entwicklung seiner Seele im Strom Amerika, gegen den er sich behaupten muß; die Dinge, in denen er wächst, über die er hinauswächst und die er, von innen kommend, faßt und gliedert. Bonn kommt von außen; er nimmt Amerika als Landschaft u n d Staat, als ungeheuren Komplex, nicht als Strom, aus dem das Problem erst nach und nach auftaucht; ihm ist es sofort gegeben, das Problem der Assimilationskraft Amerikas. Bruchstücke von Völkerschaften sind aus allen Teilen der bewohnten Erde in den nordamerikanischen Kontinent eingeströmt und in eine gesellschaftlich-staatliche Form gepreßt worden, die ursprünglich das puritanische Neuengland gegossen hat. Werden sie zu einer einheitlichen amerikanischen Nation zusammengeschmiedet werden können oder nicht? Lewisohn sowohl wie Bonn verneinen die Frage. Sie betonen, daß wohl ein neuer Typus entstanden ist, von der Technik einstweilen in eintönige Formen gezwungen, daß aber die Landschaft rebelliert und mit ihr der Mensch und daß dieser zur Farbe und Vielgestaltigkeit Europas hindrängt, langsam, unsicher, aber doch merklich; daß also die Assimilationskraft des Landes Grenzen hat, und zwar dem Juden gegenüber besonders scharfe. Beide Werke bestätigen die Richtigkeit der zionistischen These vom unausrottbaren, ewigen Antisemitismus und verfolgen dessen Wirkungen. Bonn tut es ruhig, soziologisch; er meint, daß das Ghetto kein räumlicher Begriff zu sein braucht, da ja in Amerika, wo die Gesellschaft das entscheidende Wort zu sprechen hat, gesellschaftliche Regeln und Bindungen Scheidewände errichten, die die anerkannten Grundsätze bürgerlicher Gleichberechtigung quer überschneiden; es sei z. B. im politischen Leben bei der Ämterbesetzung keine Spur von Antisemitismus zu finden, — dagegen hätten sich gesellschaftliche Schranken aufgetan, die nicht nur die aus Osteuropa stammenden Juden als soziales Sondergebilde Zusammenhalten, sondern auch die bereits in voller Assimilation begriffenen Westjuden von neuem verjuden. Lewisohn hat nicht die Ruhe des Soziologen; er schreibt in seiner „Chronik“ das schmerzliche Erlebnis seines Daseins bitter und leidenschaftlich nieder. Vom hellen Glauben an die Versicherung, gleiches Recht für alle sei der erhabene Grundgedanke der Republik, kommt er zur peinvollen Erkenntnis, daß Gleichheit und Freiheit, das, was man Amerikanismus nennt, Prahlerei sei, die täuscht und ermutigt, so daß man ungewarnt ist, wenn man eines Tags auf die Straße geworfen wird. Lewisohn kommt in Amerika zur Wahrheit, er, der mit acht Jahren ins Land gebracht worden war, der sich in allen Sympathien mit vollster Stärke als Anglo-Amerikaner fühlte und dessen höchstes Ziel darin bestand, Dichter in englischer Sprache zu werden, daß er als Jude in Amerika, dem Land der Freiheit, im Land seiner ganzen geistigen Entwicklung, Verbannter sei und daß es Verbannte gebe, solange es Rassenunterschiede gibt. So sind beide Werke — daß sie ausgezeichnet geschrieben sind und der Ebene höchster Geistigkeit angehören, sei nur kurz erwähnt, da es ja aus