Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 52 (22.12.1925)
- Date
- 1925-12-22
- Page
- Seite 964 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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964 Das Jüdische Echo Nr. 52 Reuben Brainin über das neu Palästina Der Veteran der hebräischen Schriftsteller — ein begeisterter Freund der Kwuzoth. Reuben Brainin, der führende hebräische Schriftsteller und Kritiker, gab einem Vertreter der Palästina-Korrespondenz in Jerusalem nach seiner Rückkehr von einer Reise durch das Land die allgemeinen Eindrücke wieder, die er auf seiner Sludienfalirt in Stadt und Land empfangen hatte. Herr Brainin und seine Frau wurden überall aufs herzlichste empfangen, insbesondere von den jüngeren Schriftstellern, den Arbeitern und den Schulkindern. In den Schulen wurde eine „Brainin-Woche“ veranstaltet, während der seine Kritiken und sonstigen Werke studiert wurden, von denen viele einen Teil seiner jeweiligen Laufbahn wiedergehen. Nach einem 63jährigen Lehen auf fremdem Boden empfand ich, als ich zuerst in Jerusalem ankam, die mir solange vorenthaltene Freude, die Erde zu betreten, zu der ich mich gehörig fühle“ — sagte der alte Schriftsteller, dessen Äußerungen zwei Generationen hindurch von hebräischen Schriftstellern und Lesern mit unvermindertem Interesse aufgenommen worden sind. ..Diese Freude wird, wie ich sehe, von allen geteilt, die den täglichen Prozeß des Schaffens verfolgen können. Kleinere Ereignisse, die überall in der Welt als gegeben hingenommen werden, werden hier als epochal begrüßt; ein neuer Baum, eine neue Quelle, ein neues Wort, ja, ein neuer Grashalm schon haben ihre eigene Bedeutung, sind sichtbar und wichtig für die weiteren Bäume, die weiteren Quellen, die vielen weiteren neuen Wörter, die sie versprechen. Hebräisch, das mir seit Jahrzehnten nur ein Instrument, eine literarische Ausdrucksmöglichkeit war, eine Buchsprache, habe ich hier als eine Sprache mit tiefen und lebendigen Wurzeln kennen gelernt. Ich war entzückt über die greifbaren Anzeichen, daß die Erziehung der Jugend mit den Erfordernissen des Lehens Hand in Hand geht. Die Schüler lernen durch ihre Studien in Geologie, Botanik und Geographie das Land und seine Erzeugnisse kennen, die in ihren Händen zu Werkzeugen zur Beherrschung des Erlernten werden. Das erfreuliche Resultat ist, daß die überwiegende Mehrzahl der Kinder, mit denen ich sprach, im Lande bleiben will, und am befriedigendsten daran ist wiederum, daß die meisten — vielleicht 90 Prozent — den Wunsch aussprechen, auf dem Land zu arbeiten und ein der Natur des Landes entsprechendes Lehen zu führen. Ich habe mich sehr für die Frage der Kwuzoth interessiert. Nach dem, was ich darüber gehört habe und gelesen hatte, ehe ich hierher kam, war ich mir nicht klar, oh die Kwuzah als eine ständige oder vorübergehende Einrichtung gedacht wäre. Ich freue mich nun, zu sehen, daß das Land durch die Privatinitiative allein nicht auf gebaut werden kann; daß, obgleich das genossenschaftliche Experiment anderswo nicht gelingen mag, die Bedingungen des Landes und das Element der Arbeiterschaft zum Erfolg führen müssen, unterstützt durch den natürlichen Prozeß der Auslese, der in den Kooperativen nur die für dieses Lehen Geeigneten übrig läßt und die, die an dem Glauben an ihr System als das geeignetste feslhalten. Und so wird in dem Land, aus dem drei Religionen hervorgegangen sind, eine neue Religionsform geschaffen, die Religion der harten Arbeit. Dieser neue Geist erschüttert die Grundlage des alten nicht, denn hier sind die Sitten aller Geschlechter unseres Volks und aller Länder bewahrt geblieben, hier haben sich die Bestrebungen aller Zeilen unserer Geschichte kristallisiert. Hier sehen wir endlich dynamische und statische Vollkommenheit — vollständige Ruhe und vollkommene Bewegung. Für diese außerordentlichen Bedingungen, für die kein früheres Beispiel existiert, ist die Erfahrung der Vergangenheit nicht notwendigerweise ein Kriterium. Die Erfahrung aus der Vergangenheit rechnet nicht mit dem unsterblichen Willen zu schaffen, der seine Zauberformel über alle unsere x4rbeiter gesprochen hat. Daher entstehen vor unseren Augen Institutionen und Systeme, die heim ersten Anblick allen anerkannten Prinzipien zu widersprechen scheinen. Im neuen Erez Israel, besonders in dem Erez Israel der Chaluzium, versucht man zu einer neuen Synthese zu kommen, die das Potentielle mit dem Aktuellen verbinden soll — und die materielle geschichtliche Konzeption wird täglich Lügen gestraft. Unsere Chaluzim sind zur gleichen Zeit — und ganz unbewußt — Dichter und Staatsmänner; und mein Rat an alle Kritiker ist, in den Kristallisationsprozeß, der zu neuen Formen und zu neuen Lebensansehauungen führt, nicht einzugreifen. Man kann sich in diesem Land von der Hypnose der Bibel nicht frei machen. Die atmosphärischen Bedingungen fies Landes, die die Entfernungen auf heben und die Geschichte zusammendrängen, gewöhnen das Auge an weite Horizonte, und man lernt erkennen, w arum die alten Propheten „Seher“ genannt w urden. Seit 44 Jahren habe ich die Vertreter jüdischer Typen studiert. Ich habe führende Sozialisten, führende Assimilanlen kennen gelernt, und ich habe ein Lehen lang unter führenden Zionisten gestanden. Aber nie sah ich solche Charaktere, wie sie hier geschaffen werden. Nie habe ich es für möglich gehalten, daß ich einmal Chassidim-Sümpfe aus- Iroeknen sehen würde, Männer von über 60 Jahren, die körperliche Arbeit nie gekannt, die die harte Aufgabe schwerer Arbeit aus Liehe auf sich genommen haben. Arbeit macht Männer und Frauen der verschiedensten Klassen gleich. Der Chassid von Jablona wird eins mit dem Sohn des Assimilanten aus Prag. Palästina bringt Beispiele einer neuen Assimilation. . . . Unsere Pioniere auf dem Lande kehren zum Boden zurück, und der Boden kehrt zu unserm Volk zurück, wenngleich unser Volk zu dieser gegenseitigen Rückkehr in einem ziemlich kargen Geist beisteuert und die Anstrengungen unserer Pioniere mit: nicht viel mehr, als was man Gleichgültigkeit nennen kann, belohnt. Erwache, Israel!“ S. LEVINGER MÜNCHEN Bayerstraße 25 Pfisterstraße 6 am Hauptbahnhof am Platzl Zigarren / Zigaretten Rauchtabake Das Haus für feine Tabakerzeugnisse *