Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 51 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- Seite 953 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 953 det wurde. All <3ies verursacht uns durch, sein schimmliges Aussehen und durch seinen beißenden, zähen und erstickenden Geruch, der einem in der Nase und in der Kehle haftet, Übelkeit. Die mit Ocker gestrichenen, verfallenen Häuser sinken, von Feuchtigkeit zerfressen, zusammen. Und überall und immer wieder Kehrichthaufen, und tote, verwesende Hühner. In Fetzen gehüllte, bleiche, elend aussehende Kinder liefen barfuß in den schwarzen Bach und patschten mit herzzerreißender Sorglosigkeit darin herum. Das ist das Ghetto, die Schmach von Tunis, wo sich Tausende und aber Tausende armer Juden zusammenhäufen. Wie traurig und dunkel es ist, dieses Viertel, besonders, wenn man vorher die so weiße, so freundliche, so überaus malerische muselmanische Stadt gesehen hat! Hier haben die armen Juden neben ihren Synagogen ihre kleinen, mittelalterlichen Chedarim. Hier wohnen in störendem Durcheinander ihre Gewürzhändler, ihre Schreiber, ihre Spelunkenbesitzer, ihre Schochtim, ihre Seifensieder, Bäcker und Friseure und ihre „Großhändler“ in der Robba Vecchia. Alle, kleine Händler in ihren unzähligen kleinen Buden und kleine wandernde Wiederverkäufer, schwören unablässig auf die hochheilige Thora, beschimpfen reichlich den rückständigen oder den treulosen Kunden bis ins siebende Geschlecht, schreien, feilschen, wägen ab, messen und entfalten eine fieberhafte Tätigkeit vor Anbruch des Tages bis tief in die Nacht. Man muß die alten Männer gesehen haben, die bewaffnet sind mit einem langen Stock und blindlings auf die Köpfe der Zudringlichen verteilen und den summenden Schwarm der Kinder, die scharenweise in einer Kellerwohnung voller Ungeziefer auf der Erde sitzen, psalmodierend und von einem Jahr zum anderen die Bibel und die Gebete her sagend! Man muß sie gesehen haben diese Männer mit den ungepflegten Bärten, mit den schmutzigen Nägeln und diese zerlumpten Kinder, die elend und bleich aussehen; man muß sie sehen in ihren Hundelöchern, wie sie von der Geschichte Israels sprechen, wie sie das zarte hohe Lied singen oder mit derselben gleichgültigen Stimme die schrecklichen Drohungen der Propheten gegen das auserwählte Volk aussprechen! Man muß diese Häuser sehen, die mehr angefülüt sind als Trödlerläden, um die herum die Zimmer liegen; ein Gemach gewährt Großeltern, Eltern, Söhnen und Töchtern Unterkunft. Und ich denke an die große Not dieser Leute, besonders der Mutter der Familie, die es möglich macht, daß man in diesem kleinen Raum leben kann, die kocht und die Wäsche auf der Tür schwelle wäscht, und das Feuer mit der einen Hand anfacht und mit der anderen das schreiende Kind wiegt. Ach, wer wird uns je Genaues über das heldenhafte und kindische Leben dieser kleinen Leute erzählen, der armen Juden aus der Hara? Dieses Ghetto in Tunis, der weißen Stadt, unter der glänzenden Sonne, diese schmachvolle Anhäufung von geduldig und gefaßt ertragenem Elend, das ist wie eine eiternde Wunde auf dem strahlenden Gesicht einer schönen Frau. „Herr Doktor, das ist der Vater von Berrebi.^ Ein kleiner, gebückter Mann, sauber gekleidet, ging an uns eilig vorbei, die Augen auf den Boden geheftet, mit der Hand mechanisch seinen schwarzen Bart glättend. „Lauf ihn nach,“ sagte ich zu Guetta. Wenige Augenblicke später kommt er zurück und erklärt mir, daß man den armen Berrebi vor kaum einer Stunde ins Krankenhaus gebracht hätte. Der Vater entschuldigte sich vielmals, daß er sich nicht aufhalten könnte, denn er wollte schnellstens sein Kind Wiedersehen. — „Nun gut, dann wollen wir umkehren!“ Die übelberufene Straße war noch überfüllter als am Morgen, fast vollgestropft an einer Stelle, denn es hatte sich ein Auflauf gebildet um ein unglückliches Mädchen und einen Lastenträger, die sich stritten und fluchten, daß selbts die Steine zittern könnten. — „ Herr Doktor, hier wohnt Fitoussi.“ — „Welcher Fitoussi?“ — „Der, der aus der Schule verwiesen wurde.“ — Und plötzlich erleuchtete ein blendes Licht sehr viele der Fragen, die ich vorher nicht hatte beantworten können. Von diesem Besuch kam ich traurig und dem Weinen nahe zurück; es bedurfte nur dieser Erinnerung, es fehlte nur noch dieser Name, um den Kelch des Mitleids überlaufen zu lassen, der sich mehr und mehr gefüllt hatte. Fitoussi, den ich ohne Erbarmen aus der Schule gejagt hatte, wohnte hier! Er war täglich Zeuge von solchen Szenen! Er hörte spät in der Nacht die unanständigen Lieder der ausgelassenen Vorübergehenden! Fitoussi lebte ein solches Leben, atmete diese verpestete Luft. „Wenn er ist, wias er ist, so ist es nicht sein Fehler, es ist sein Unglück,“ wiederholte ich mir, während wir mühsam zwischen den Beduinen, den Fellahs und den Soldaten dahinschritten. Und da überkam mich die Lust, hin holen zu gehen, ihn zuerst um Verzeihung zu bitten und ihn dann sanft bei der Hand zu nehmen, wie es ein äletrer Bruder machen würde, ihn in die Schule zu führen, und ihm dabei zu sagen: „Tritt ein, dieses Haus ist hauptsächlich für dich gemacht, der du unglücklich bist und nicht nur für deine reichen Kameraden, die kein Verdienst daran haben reich zu sein. Setz dich wieder auf die Bänke dieses Tempels, und ich werde mir Mühe geben, dich zu lehren, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden und ich werde dich aus vollem Herzen lehren, mit Geduld und Liebe das wenige, was ich vom Leben weiß. Wenn du verdorben bist, faul, böswillig, so verstehe ich, daß es nicht dein Fehler ist. Aber mit gutem Willen wirst du, unterstützt von deinem Lehrer, sicherlich einige gute Gewohnheiten annehmen und einige bescheidene und echte Tugenden, ohne die ein Mensch auf immer im Leben verloren ist.“ Vitalis Danon. Tunis, Januar 1925. (Deutsch von Rahel Lipschütz.) Literarisches Echo Hamischmar. Vom Leben der Jüngerenschaft im Blau-Weiß, dem größten jüdischen Jugendbund in Deutschland, will das Buch „Hamischmar“ erzählen, das von der Bundesleitung des Blau-Weiß herausgegeben wurde. Wenn auch seinem Wesen und seiner Aufgabe nach das Buch als Anleitung für den Blau-Weiß-Führer dienen soll, so darf es doch auf Interesse auch bei einem größeren Leserkreis rechnen; wird doch hier versucht, die Idee einer neuen Erziehung zum Können und zur Leistung, einer Erziehung zur Beobachtung und zum Sehen, zur Körperschulung und zur handwerklichen Geschicklichkeit darzulegen, einer Erziehung, die. nicht von den vorhandenen Realitäten abstrahiert und nur in Landerziehungsheimen und Schulgemeinden durchzuführen wäre, sondern die im Gegenteil mit der Großstadt, mit der gegenwärtigen Schule rechnend, verwirklicht werden kann — allerdings nur in einem Jugendbund von der Struktur des Blau-Weiß. Ganz besonders auf die jüdische Jugend sind diese Erziehungsmethoden zugeschnitten; die zehnjährige erzieherische Erfahrung des Blau-Weiß-Lebens —- der Wanderung, des Lagers, des Spiels und des Festes — hier findet sie