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Das jüdische Echo · 1925-12-18 · 51 (18.12.1925) · p. Seite 952

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
51 (18.12.1925)
Date
1925-12-18
Page
Seite 952 (sequence 8)
Language
German
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952 Das Jüdische Echo Nr. 51 M ii ■1 il 111 iifui lii 1 Feuilleton |||| Hl i li' .II iiliill 111 Ein Kind der Hara (Bericht eines tunesischen Lehrers.) Seit drei Tagen war der Platz des kränklichen B e r r e b i leer; seit drei Tagen erduldete er gräßliche Qualen und sträubte sich in seiner ganzen Schwäche gegen den Tod, der seinen Körper heimlich verzehrte wie ein nagender Wurm. Alle seine Klassenkameraden hatten Tränen in den Augen, wenn wir von ihm sprachen. Und ich versuchte in mir das tragische Schicksal des Kleinen, der schon von einer grausamen Kinderkrankheit übel zugerichtet war, die ihn bucklig und lahm gemacht hatte. Bei schlüpfrigem Schmutz, bei Regen und Wind kam er regelmäßig zur Schule, entschuldigte sich wie wegen eines Verbrechens, wenn er sich verspätet hatte. An seinem leidenden Körper schien nur der Kopf lebendig. O, dieser edle, dieser feine intelligente Kopf mit seinen großen starren Augen, seiner großen Nase, seinem breiten Mund und seiner ungeheuren Stirn. Aber seine Füße, seine Beine! Armes Kind . . . Ein Schauer lief mir über den Rücken, so oft ich sie sah, dünn wie Stöcke, mit roter Haut bedeckt und nach hinten gedreht. Sie fielen von seinem Körper herab, nachgeschleppt, ohne Leben. Berrebi hatte den ersten Platz in der Klasse inne und zum Ausgleich nahm sein Kamerad F i t o u s s i unweigerlich den letzten ein. Ach, dieser Fitoussi, wenn ich noch an ihn denke! Er war verdorben, faul und böse. Er machte seine Aufgaben schlecht, lernte nicht, und schlug sich mit seinen Kameraden. Wie oft bin ich seiner Hartnäckigkeit gegenüber ohnmächtig gewesen! Am Morgen kam er häufig zu spät, öffnete, seinen Schulranzen unter dem Arm, mit unerschütterlicher Sicherheit die Klassentür: „Herr Doktor, ich . . „Was willst du uns noch erzählen?“ — „Ich versichere Ihnen, Herr Doktor, es ist nicht meine Schuld, daß ich zu spät ins Bett gegangen bin. Ich wollte mich gerade hinlegen, als Hilferufe uns alle aus dem Hause laufen ließen.“ — „Und?“ — „Und ein Araber hatte eine Frau aus dem Viertel getötet. Ich habe sie auf der Erde liegen gesehen, Herr Doktor.“ „Genug, genug, Fitoussi, Isaak, Rene, ihr da hinten, geht an die Tafel und wir wollen nun die Aufgabe zu Ende führen. Was dich betrifft, Fitoussi, so mußt du als Strafe zweimal das Verb „nicht zu spät kommen“ in allen Konjugationsformen aufschreiben, und zwar für morgen.“ — „Herr Doktor, aber es ist die Wahrheit, ich versichere Ihnen!“ — „Fitoussi, wenn du weiter sprichst, so wird das Verb viermal konjugiert. Also, Ruhe.“ — „Gut, ich schweige, aber ich schwöre Ihnen, daß . . .“ — „Also wird das nicht auf hören! Zum letztenmal: Ruhe!“. Wochen gingen vorbei. Ich hatte die Entlassung von Fitoussi erwirkt, den ich eines Tages auf dem Hofe dabei überrascht hatte, wie er seinen Kameraden eine Photographie zeigte . . . Berrebi kam noch immer nicht und es zerriß mir das Herz, wenn ich sah, daß sein Platz leer war. „Wer kann mich zu Berrebi führen?“ fragte ich eines Tages in der Schule. „Ich, Herr Doktor, er ist mein Nachbar.“ — „Danke, Guetta, komm morgen früh zur Schule; es ist Samstag, wir haben frei. Ich werde dich erwarten.“ Und am nächsten Tage machte ich mich auf den Weg durch ein Gewirr von Gäßchen, zum tunesischen Ghetto. Der Bab-Souikaplatz schimmerte in unvergleichlichem Glanz unter der schon recht warmen Sonne. Die umliegenden Straßen schienen ausgestorben, so leer waren sie. Packträger schliefen, einen Strick um ihr Handgelenk gewickelt, auf den Boden hingestreckt, am Fuße einer Mauer oder in der Ecke einer Tür. Auf der Terrasse eines maurischen Cafes, auf der einige burnusgekleidete Mauren ihren Tee schlürften, rasierte ein wandernder Barbier den Schädel eines schmutzigen, in seine Lumpen gehüllten Beduinen, der dabei einschlief, seinen Stock und seinen Beutel zwischen seinen mageren, schwarzen staubigen Beinen. Fruchtverkäufer mit ihren Turbans häuften in der Form von Würfeln Mengen von Mandarinen und Orangen auf, die wie Goldkugeln leuchteten. An einer Straßenecke wechselte plötzlich das Bild so schnell wie auf der Filmleinewiand. Ich trat in das in schlechtem Ruf stehende arabische Viertel. — „Das ist unsere Straße, Herr Doktor,“ sagte Guetta schlicht zu mir. — „Wohnen denn hier Familien?“ — „Ja, Herr Doktor, die armen Juden; ein bischen weiter ist die Hara, wo sich der Markt der Juden und Synagogen befinden.“ — „Es sind Synagogen in diesem Viertel! Laß uns schnell Vorbeigehen, Guetta, schnell, schnell!“ Aber diese lange Straße war noch nicht zu Ende. Schmutzige, zerfetzte Araber gingen an uns vorbei. Senegalische Schützen, mit linkischem, kindischem Gang, blieben, aus vollem Halse lachend, stehen. — „Schnell, schnell Guetta,. wo wohnt ihr?“ „Noch einige Schritte, Herr Doktor, und wir sind da.“ Noch einige Schritte und wir befinden uns in Gäßchen, die sich kreuzen, tausend Umwege beschreibend, und zu schmutzigen Korridoren werden. Genau in der Mitte ein Bach, der von Abwässern oder vom letzten Regen gebil- Bayerische G e g r ü n d e t Vereinsbank 1869 Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns Eigene Abteilungen für Verwahrung und Verwaltung von Wertpapieren / Moderne Stahlkammeranlage Individuelle Beratung in allen Vermögensangelegenheiten, insbesondere in Aufwertungsfragen

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