Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 51 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- Seite 950 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9156094--07348-9080076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
950 Das Jüdische Echo Nr. 51 nur Uneinigkeit und Zwist säen. Sogar die Offiziere der hiesigen Polizei, Juden wie Nichtjuden, ließen es sich nicht nehmen, trotz der offiziellen Sonntagsruhe, durch die Stadt zu reiten, um selbst nach Ordnung zu sehen. Die Wahlen sind jetzt beendet, und Jerusalem ist wieder friedlich, wie es war. Die Nationalversammlung, deren Einberufung so schwer war, und die so viele Hindernisse auf ihrem Wege fand, wird jetzt endlich wirklich tagen. Viel Gutes wird jetzt für den Aufbau des jüdischen Heimatlands erwartet. Jerusalem. Abraham B. Rivlin. Land! Land! Aus dem nachstehenden Artikel, den wir dem vor kurzem erschienenen Werk „Eine werdende Welt“ von Hugo Herrmann (Verlag Dr. Joseph Flech, Prag) entnehmen, ist ersichtlich, von welcher großen Bedeutung die Landkäufe des Keren Kajemeth für den Aufbau Palästinas sind. Es ist keine Propaganda-Phrase des Keren Kajemeth, daß das ganze jüdische Palästina einen ungeheuren Hunger nach Land, nach mehr Land, empfindet. Jüdischer Boden, selbst unbebaut, bedeutet allein schon eine gewaltige Sicherung von gegenwärtigen und künftigen Arbeitsmöglichkeiten. Darum ist jeder Ankauf ein aufregendes, aufwühlendes Ereignis, begleitet von intensivsten Gemütsbewegungen aller. Ich fuhr mit Oettinger, dem langjährigen Mitarbeiter Ruppins in der Kolonisationsabteilung der Zionistischen Exekutive, im Auto durch den Emek. Wir besuchten Nahalal, das freundliche, appetitliche, wie blankgewaschene Dorf auf der Stätte ehemaliger, fieberhauchender Sümpfe (trockengelegt 1921—1922), und dann sagte Oettinger etwas geheimnisvoll zu mir: „Jetzt zeige ich Ihnen die Zukunft des Emek.“ „Wir sind, wie Sie sehen, nahe an der nördlichen Randlehne des Emek, — der Hang gehört uns, gehört zu Nahalal, wird mit Eichen aufgeforstet. Oben liegt das Dörfchen Malul, dem wir den Nahalalkomplex abgekauft haben; sie bearbeiten noch 3000 Dunam Bergboden, auf dem wir aber eine Option haben. Wir werden sie ausüben, die Option, oh, da können Sie sicher sein! In zwei Jahren gehören die 3000 Dunam uns! Genau westlich von uns liegt das Dorf Nahalal, wo die Ebene sich breit gegen das Meer, gegen Haifa zu, öffnet, und in der entgegengesetzten Richtung, genau östlich, dicht am steilen Nordrand des Emek, die weißen Häuser, das ist Dschindschar, eine kleine jüdische Kwuzah, der westliche Vorposten unserer Siedlungsgruppe im Zentrum des Emek: Merchawjah, Balfouriah, Tel- Adas, Rub en Nasra; heute läuft noch ein breiter Streifen arabischen Bodens zwischen dieser Gruppe und Dschindschar, der dem Dorf Medschdel, oben an der Chaussee, gehört. Und hier, wo wir stehen, ist die nächste Zukunft des Emek.“ „Das ist aber doch arabischer Boden“, sagte ich, denn ich hatte schon gelernt, die nachlässig, unrationell, schütter bestellten Felder der Fellachen, von den sorgsam gehegten, dicht bepflanzten Fluren unserer Siedlungen zu unterscheiden. „Noch arabischer Boden“, sagte Oettinger. „Heute noch; ob auch morgen noch, das weiß ich nicht! Der Boden ist dem Keren Kajemeth angeboten, von einer Familie arabischer Großgrundbesitzer, Effendis; der Besitz trägt zu wenig, wie die Fellachen ihn bearbeiten, die Pächter! Drei' Dörfer liegen da: gleich hier vor uns, das ist Dschebata, und dort, zwei Kilometer weiter, Knefes, und im Talboden, unten im Sumpf, Warakani. Merken Sie sich die Namen: Knefes, Dschebata, Warakani! Morgen gehören sie vielleicht schon uns!“ Dschebata lag dicht vor unserem Standort, auf einem sanften Hügelrücken, mild beleuchtet von der schon tiefstehenden Sonne. Wie wundervoll sie zu bauen verstehen, diese Araber! Das Dorf war wie ein Stück der Natur, auf die Anhöhe als Krone gesetzt ein paar Dutzend durch- und ineinander gebauter, viereckiger Hütten aus braunem Lehm, mit flachen Dächern, kleinen schwarzen Fensterlöchern und mannshohen Kaktushecken zwischendrin und drum herum. Aber wehe dem, der verurteilt ist, in dem Schmutz und Gestank zu wohnen! Vor dem Dorf, tiefer am Hang, lag der Brunnen, und hier drängten sich jetzt Menschen, meist Frauen und Kinder, zusammen mit Schafen, Ziegen, Hunden und Eseln. Wie die Königinnen schreiten diese braunen Frauen im nachschleppenden schwarzen Kleid, hoch auf dem stolz erhobenen Kopf den schweren Tonkrug, in den sie eben das Wasser geschöpft haben, aus dem Brunnentroge, an dem gleichzeitig ihr Vieh trank. Wie lange noch und dieses anziehende Bild, dieses Gemälde echt orientalischen Lebens ist verschwunden, der Brunnen umfaßt und übermauert, eine Motorpumpe treibt das Wasser in einen Betonturm, von wo es in Häuser und Ställe fließt; anstatt des würdevollen, bärtigen Dorfscheichs regiert ein vielleicht 25 Jahre alter Judenjunge als „Rosch Kwuzah“ und an Stelle der schreitenden Königinnen sieht man junge Chaluzoth, Einwanderinnen aus Kowno oder Wilna, über Gemüsebeete gebückt oder mit den Kindern spielend. Die braunen Lehmkäuser sind wie weggeblasen und nüchterne weiße Häuschen oder vorerst gar nur Zelte zerstören die Harmonie der Landschaft — freilich, vor jedem stehen Blumen und in ihrer Mitte, Palladium und Stolz, die Schule. Dschebata, Knefes und Warakani, verzeiht mir, ich kann euch nicht beweinen! In diesem Augenblick, wo ich über den Emek blicke, berät man vielleicht in London darüber, ob der Kauf des Bodens durchgeführt werden soll, ob der Preis angemessen und die Bedingungen billig sind, ob anzunehmen ist, daß genügend Geld zur Verfügung stehen wird. Und Oettinger, der seit Tagen fiebernd auf das Telegramm wartet, das nur ein Wort enthalten soll: „Kaufen!“ — Oettinger umschreibt mit ausgestrecktem Arm einen großen Halbkreis. „Den Streifen zwischen Dschindschar und Rub en Nasra kaufen wir zugleich mit Dschebata, Knefes und Warakani, und Afule dazu, das Städtchen neben Merchawja; dann gehört die Nordhälfte des mittleren Emek fast geschlossen uns. Aber drüben die Talsohle und der südliche Teil bis an die lange blaue Kette des Karmelgebirges, da liegen noch viele uns angebotene Böden, alles zu KAUFT WOHLFAHRTSMARKEN VOM WOHLFAHRTSAMT DER ISRAELITISCH!* KULTUSGEMEINDE! IHR HELFT DADURCH UNSEREN ARMEN!