Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 51 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- Seite 949 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 949 Die Wahlen zur jüdischen Nationalversammlung in Palästina Während der letzten drei Jahre wurde schon ein paarmal der Versuch gemacht, die jüdischpalästinische Nationalversammlung einzuberufen, aber ebensooft scheiterte der Versuch an den harten Klippen des orthodoxen Judentums, das an dieser Nationalversammlung nicht teilnehmen wollte, da sich auch Frauen beteiligen sollten. Nur ein alter Brauch hinderte, aber dieser Brauch, Frauen kein Stimmrecht zu geben, sondern sie nur eine untergeordnete Rolle spielen zu lassen, ist schon seit Jahrhunderten fest eingewurzelt, so daß die Orthodoxen auf ihrer Forderung, Frauen aus der Nationalversammlung auszuschließen, bestanden. Letztens aber hat der „Misrachi“, der orthodoxe Verband im Zionismus, beschlossen, doch an der Nationalversammlung teilzunehmen, da diese das Band, das die Judenheit Palästinas verknüpft, fester zu machen imstande ist und man einen Brauch übergehen kann, wenn dadurch die Aufbauarbeit des neugewonnenen Heimatlands gefördert wird, auch wenn der Brauch uralt, so daß er zu einem Gesetz geworden ist. Die Einberufung der Nationalversammlung der Juden Palästinas wird also beschlossen, und man schreitet zu den Wahlen. Man macht nur kurze Vorbereitungen, vielleicht damit der „Misrachi“ nicht etwa seinen ihm sicherlich zur Ehre gereichenden Beschluß zurückziehe, aber hauptsächlich damit den Gegnern, denn solche gibt es zwischen den Juden genug, nicht viel Zeit gelassen werde, um ihren Kampf gegen die Nationalversammlung in voller Rüstung aufzunehmen. Wer nun diese Gegner sind? Die Orthodoxen, die außerhalb des Zionismus stehen und alles, was dazu verhelfen könnte, Palästina gemeinsam und somit schneller aufzubauen, mit scheelen Blicken ansehen und mit allen häßlichen Mitteln bekämpfen. Immer sind sie mit einer Ausrede zur Stelle, warum sie nicht mit dem übrigen Judentum einig sind. Diesmal können sie an der Nationalversammlung nicht teilnehmen, weil sich eben auch Frauen beteiligen. Sie bleiben aber nicht bei dem, sondern bekämpfen hartnäckig diejenigen, die eine Einigung wollen und sich beteiligen. Darum auch wurde Jerusalem, wo diese Gegner, die Agudisten, hauptsächlich zu finden sind, an diesem Tag in ein Schlachtfeld verwandelt. Die Waffen waren nicht Schwert noch Lanze, sondern nur die schreienden Bekanntmachungen beiderseits. Blutig verlief also die „Schlacht“ nicht, wenn auch einige „trockene“ Hiebe fielen. Es ist ja überall üblich, daß sich alle Parteien in einem Wahlkampf bemühen, die gegnerischen Parteien unterzukriegen und die Wähler an ihre Seite zu locken. Aber diesmal war das hier nicht so bemerkbar. Die Listenausteiler aller an der Nationalversammlung beteiligten Parteien bekämpften sich nicht, sondern standen friedlich beisammen und teilten den Vorübergehenden ihre Propagandazettel aus, nur hier und da hinzusetzend, doch nur diese oder jene Partei zu wählen. Denn sie alle hatten einen gemeinsamen „Feind“, eben diese orthodoxen „Agudah“-Mitglieder, die überall herumstanden, ihre wirklich schreienden Bekanntmachungen, daß es von der Thora verboten ist, für die Nationalversammlung zu wählen, austeilten und immerfort riefen, daß es die größte Sünde ist, Frauen das Stimmrecht zu geben. Denn all diese Thorajünger gingen an diesem Tage nicht in die Jeschiwoth lernen, sondern standen bis nach Mitternacht in den Straßen Jerusalems, um ihre jüdischen Bürger von einer schrecklichen Sünde abzuhalten und sie damit für das Paradies zu retten. Ja, wenn es gilt, dem Aufbau Palästinas entgegenzutreten, dann braucht man auch nicht „lernen“. . . Natürlich mußte es zu Auseinandersetzungen kommen und, wie schon oben erwähnt, teilte man während der hitzigen Debatten auch Hiebe aus, und einige dieser heißblütigen Agudisten, aber auch einige handtüchtige Ch^luzim (wegen des Gleichgewichts natürlich) wurden verhaftet, wurden aber nur bis Mitternacht in der hiesigen Polizeizentrale gehalten und dann ungeschoren herausgelassen, da nach Mitternacht keine Gefahr mehr bestand, daß sie ihre Debatten und die auf solche folgenden Schläge wieder aufnehmen werden. Alle Häuser Jerusalems waren mit großen Zetteln beklebt. Jede Partei versprach, das ‘Blaue vom Himmel herunterzuholen, wenn sie die Mehrheit in der Nationalversammlung sein werde. Blutig verlief also diese „Schlacht“ nicht. Statt Leichen lagen nur Fetzen Papier in allen Gassen, da die Agudisten die Propagandazettel der sich beteiligenden Parteien in unbewachten Augenblicken abrissen und sich die Wahlzettel-Aussteller ebenso rächten. . . Aber es hätte vielleicht auch blutig verlaufen können, wenn die Polizei nicht gleich eingegriffen und die Agudisten von den Wahlurnen vertrieben hätte — sie wußte, daß die sich ansammelnden Orthodoxen mit den schmutzigen, fleckigen Kaftanen und den flatternden Schläfenlöckchen nicht wählen, sondern POBZELC AN-NlEDEBLAGE MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 23 gegenüber der Feldherrnhalle «BÖSSTE AUSWAHL IN «GBBAIICHSPOBZELLAI TÄ(iLICHE LAGEBEROÄIIZIJAH