Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 51 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- Seite 948 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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948 Das Jüdische Echo Nr. 51 Sonntag, den 20. Dezember, findet die Chanukka-Aktion des Jüdischen Nationalfonds als Haussammlung statt. / Spendet reichlich! 1 Beteiligung eines interessierten Publikums statt, das sich hauptsächlich aus Kreisen rekrutierte, die pärteimäßig weder von dem Gentralverein noch von der Zionistischen Organisation erfaßt sind. Dieser Umstand ist erfreulich, denn dadurch ist der Beweis erbracht, daß die Freie Jüdische Volkshochschule hauptsächlich in solchen Schichten erfolgreich arbeitet, die durch die Vorträge der Hochschule für jüdische Fragen interessiert werden und dann allmählich den Anschluß an irgendeine, das Judentum stark betonende Organisation finden. Es ist festzustellen, daß die meisten Vorträge der Volkshochschule, wiewohl die Vortragenden nicht als Zionisten oder Nationaljuden angesprochen werden können, in immer stärkerer Weise vom jüdischen Renaissancegedanken beherrscht sind. So war auch der Vortragszyklus des Chefredakteurs der Vossischen Zeitung, Georg Bernhard, der an vier Sonntagen bei unvermindertem Interesse der Zuhörer über die Beteiligung der Juden an der Politik sprach, ein Beweis dafür, daß auch von einer Seite, die dem nationalen Gedanken des jüdischen Volkes fernsteht, die Erkenntnis propagiert wird, daß die Juden eine eigene spezifische Note haben und daß der Versuch, die Andersartigkeit der Juden zu leugnen, weder der Wahrheit entspricht noch dazu beiträgt, die Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt zu bessern. 5p 5p * Der Verein der jüdischen Geschichte und Literatur veranstaltet im Winter 1925/26 sechs Vorträge, für die bedeutende Referenten, wie Ludwig Stein, Geh.-Rat Rosin, Professor Lewin, Staatssekretär Dr. Hirsch, Geh.-Rat Dr. Caro und der Schriftsteller Julius Bab gewonnen sind. Diese Vorträge begegnen einem intensiven Interesse und vereinigen Hunderte von Zuhörern, die zum großen Teil in den bisherigen Jahren bei jüdischen Veranstaltungen nicht erschienen sind. 5p 5p 5p Die größte bisher im laufenden Wintersemester veranstaltete Versammlung war der große Vortrag des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld, im ehemaligen Preussischen Herrenhause. Erstaunlich war die starke Beteiligung der jüngeren Elemente. Blumenfeld unterzog in einem zweistündigen Vortrage die Grundlagen der zionistischen Bewegung einer zusammenfassenden Darstellung. Von diesem Vortrage gingen starke Impulse aus, und die von Blumenfeld gebrachten Formulierungen beherrschen seit dem Vortragsabend die Diskussionen der einzelnen Jugendgruppen sowie der zionistischen Einzelvereine. Diese Veranstaltung erbrachte den Beweis, daß in der Jugend gegenwärtig ein starkes Bedürfnis vorhanden ist, sich mit den bewegenden Fragen des jüdischen Seins auseinanderzusetzen. Auch in den einzelnen zionistischen Gruppen ist der Drang nach Wiederaufnahme der Arbeit festzustellen. Der neuen rührigen Leitung der Berliner Zionistischen Vereinigung, die alle Berliner Ortsgruppen umfaßt, ist es zu verdanken, daß eine ganze Anzahl von Gruppen, die ihre Tätigkeit eingestellt hatten, sich neuerdings organisieren und regelmäßig Vortragsabende veranstalten. In den letzten Wochen fanden in Berlin zwei große Kundgebungen der studierenden jüdischen Jugend statt. Die eine war vom Kartell der jüdischen Verbindungen einberufen und die zweite vom Kartellkonvent der liberalen Studentenvereine. Beide Veranstaltungen waren stark besucht. Kennzeichnend ist, daß die K.-C.-Versammlung, die als Protest gegen die schmachvolle Behandlung der jüdischen Studenten an den deutschen Hochschulen einberufen war, eigentlich ein stillschweigendes Eingeständnis darstellte, daß die Juden nur auf sich selbst angewiesen sind und ein inneres Genügen nur in der Pflege eigener Werte zu finden vermögen. * 5p * Der neue Landesverband der jüdischen Gemeinden in Preußen besteht nunmehr fast seit einem Jahre und ist leider bisher noch nicht dazu gekommen, auch nur einen Teil jener Hoffnungen zu erfüllen, die bei seiner Bildung an ihn geknüpft wurden. Der Landesverband befindet sich noch im Stadium der Organisierung, und die bisher stattgefundenen Sitzungen des engeren und weiteren Rates waren hauptsächlich technisch formalen Regelungen gewidmet. Beherrschend für den Landesverband ist die Frage der Finanzierung. Die staatliche Subvention in der Höhe von über einer halben Million Mark ist leider bisher noch nicht bewilligt. Nachdem der Hauptausschuß des Landtages nach langen Verhandlungen die Gewährung einer staatlichen Beihilfe in der Höhe von ungefähr 500 000 Mark genehmigt hat, lehnte das Plenum des Landtages diesen Beschluß in der zweiten Lesung ab. Der Grund für diese Haltung des Plenums liegt in den Quertreibereien einzelner Richtungen im Judentum. Vorstellungen der Trennungs-Orthodoxie und die unqualifizierbare Agitation der nationaldeutschen Juden erregten bei der sozialdemokratischen Partei, deren Zustimmung zur Erledigung der Regierungsvorlage unbedingt notwendig ist, Verstimmung und Verärgerung. Es ist möglich, daß die Abstimmung in der zweiten Lesung bei der Abstimmung in der dritten Lesung korrigiert werden wird. Das ist um so mehr zu wünschen, als ohne die staatliche Subvention der Landesverband nicht imstande sein wird, den wichtigsten Teil seiner Aufgaben in Angriff zu nehmen. Mittlerweile versucht der jüdische Gemeindebund, eine Organisation aller Juden im Reiche im Wege der Zusammenfassung der einzelnen Landesverbände durchzuführen. Die bisherigen Ergebnisse berechtigen zur Annahme, daß wir in kurzem einen Reichsverband der deutschen Juden haben werden. Erst dann wird es möglich sein, im Wege der jüdischen Selbsthilfe an die Reparierung verschiedener Mißstände heranzutreten, unter denen die deutschen Juden leiden und die nur sie allein abzustellen vermögen. M. W.