Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 51 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 51 18. Dezember 12. Jahrgang Über Ostjudentum Der Vortrag, den Geheimrat von Zwiedineck- Südenhorst über „Gesellschaft und Nation im Ostjudentum“ gehalten hat, war seit Jahren die erste Behandlung eines jüdischen Problems durch einen Nichtjuden von geistigem Rang. Nur wer die Verhältnisse hier kennt, wird die seelische und wissenschaftliche Unabhängigkeit Professor Zwiedinecks, sein vornehmes und sicheres Eintreten für seine Überzeugung, vom richtigen Gesichtspunkt schätzen können. Der Gelehrte hat während des Kriegs in hoher Verwaltungsstelle sämtliche Siedlungsgebiete der ostjüdischen Masse kennen gelernt und steht dem Problemkreis mit einer für einen Mann der Wissenschaft an sich selbstverständlichen, aber im heutigen Deutschland so ungemein seltenen unvoreingenommenen Sachlichkeit und ganz bewundernswerten Einfühlungskraft gegenüber. Der Gegenstand des Vortrags war die Frage, ob die im Dasein der ostjüdischen Masse gegebenen Tatsachen berechtigen, das Ostjudentum als Nation, das heißt als nationale Gemeinschaft, und gleichzeitig als nationale Gesellschaft zu bezeichnen. Die Darstellung Prof. Zwiedinecks gelangt nach geschichtlicher und soziologischer Analyse, die die souveränste Beherrschung des gesamten Gebiets aller jüdischen Geistesströmungen und wirtschaftlichen Bedingtheiten verrät, dahin, das Ostjudentum als Nation anzuerkennen, da es die wesentlichsten Merkmale nationaler Existenz enthalte, die sekundären der eigenen Sprache und gewisser, nicht leicht faßbarer, aber doch vorhandener ethnographischer Eigentümlichkeiten und die primären eigener Sitte, Religion und profaner geistiger Überlieferung. Die zweite Frage, ob die ostjüdische Masse auch als nationale Gesellschaft gelten könne, als Komplex eines klassenmäßig gegliederten, auf der Grundlage der Arbeitsteilung beruhenden, sich im großen und ganzen selbst genügenden Wirtschaftsgefüges, kann dagegen nicht ohne Einschränkung bejaht werden. Das Bewußtsein von Klassengegensatz, das in der jüngsten Vergangenheit allerdings immer deutlicher werde, sei einerseits lange Zeit in der Wirtschaftspassivität chassidischer Mystik nicht zur Erkenntnis seiner selbst gekommen und anderseits sei die Durchbildung der Klassen und die Schärfe der gegenseitigen Abgrenzung nicht in dem Maß vorhanden, das andere nationale Gemeinschaften auszeichnet, die alle Schichtungen zwischen Urproduktion und künstlerischer Leistung in sich geformt haben. So ist das Ostjudentum Nation und zum Teil Gesellschaft, Gesellschaft, die sich nach und nach entwickelt; Nation, die schon da ist und den Glauben an sich und den Willen zu eigener Lebensgestaltung immer sicherer ausspricht, einer Lebensgestaltung, die der Zielsetzung der Volkfsten nach zur durchgreifenden Anerkennung aller nationalen Rechte, namentlich des Rechts auf Autonomie im Wohnland, führen soll und nach der der Zionisten überdies zur Fähigkeit, das Nationalheim in Palästina zu schaffen, auszubauen und zu verwalten. Die glänzenden und gedankenvollen Ausführungen Geheimrat von Zwiedinecks, die dem Kenner der Materie an sich nichts grundsätzlich Neues brachten, hatten ein Publikum, dem gewiß das meiste fremd war; sie haben hoffentlich die Wirkung, zu weiterer Beschäftigung mit dem Stoffgebiet anzuregen und manches Urteil über die geknechtete, unglückliche, aber dennoch ungebrochene Masse des jüdischen Volks im Osten zu berichtigen und zu vertiefen. J. Berliner Brief Von unserem Korrespondenten. (Wirtschaftskrise — Winterarbeit — Landesverband) Die schwere Wirtschaftskrise, in deren Zeichen gegenwärtig ganz Deutschland und mit ihm ganz Europa steht, äußert sich in sehr starker Weise in der Hauptstadt. Am stärksten sind von dieser Krise die Kaufleute und die Angehörigen der freien Berufe sowie die Gewerbetreibenden betroffen. Da die jüdische Bevölkerung Berlins zum größten Teile im Handel, Finanzgeschäft, Gewerbe und in freien Berufen vertreten ist, ist es klar, daß die Judenheit Berlins in vielleicht noch stärkerem Grade als die Juden im ganzen Reiche unter der Not der Zeiten zu leiden hat. Diese beklagenswerte Tatsache ist eine Erklärung dafür, daß das Interesse für allgemeine jüdische Angelegenheiten, für geistige Strömungen und für parteimäßige Betätigung in den Hintergrund gerückt ist. Zieht man noch in Betracht, daß für jede Art von parteimäßiger Arbeit und für organisatorische Zusammenfassung der Menschen im Interesse irgendeiner Bewegung die Großstadt ein bisher noch nicht zureichend gelöstes Problem darstellt, so wird man verstehen, daß alle jüdischen Organisationen in Berlin sowie alle Hilfsgesellschaften und Parteiverbände gegenwärtig auf ein geringeres Verständnis bei der jüdischen Bevölkerung stoßen und nur mühselig ihre nach der Inflationszeit mit großen Hoffnungen begonnenen aber durch die Kriegs- und Nachkriegsfolgen erschwerten Arbeiten aufzunehmen vermögen. * * * Wenn man sich die erwähnten Zustände vor Augen hält, so wird man für die Anstrengungen der in Berlin tätigen Organisationen Verständnis und für die trotz der schwierigen Situation geleisteten Arbeiten Anerkennung finden müssen. Da sind zunächst die Vortragszyklen der Freien Jüdischen Volkshochschule und des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur zu erwähnen. Die Freie Jüdische Volkshochschule kann in einigen Wochen einen günstigen Abschluß ihres Herbstsemesters, buchen. Die Vorträge, die jüdische Wissenschaft, Geschichte, aktuelle Fragen des Judentums und jüdische Literatur behandelten, fanden unter reger