Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 50 (11.12.1925)
- Date
- 1925-12-11
- Page
- Seite 935 [933] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 59 Das Jüdische Echo 933 Zeuge Objeleamu erzählt, er habe einige Wagen mit Leichen ins Spital geführt, es waren Männer, Frauen und Kinder unter den Leichen.* Auf Befehl Morarescus habe der Zeuge einmal an der Ermordung von Flüchtlingen mitgewirkt und gefangene Flüchtlinge gepeinigt. Damit war das Beweisverfahren geschlossen. Zuerst hält der Vertreter der Anklage, Kapitän Chiraic, sein Plädoyer. Er weist nach, daß die Morarescu zur Last gelegten Verbrechen nach den Militärgesetzen strengstens zu ahnden sind. Der Hauptangeklagte und seine Untergebenen waren nicht Grenzwächter, sondern Grenzräuber. Alles, was sie den Ermordeten abgenommen haben, eigneten sie sich an. Der Anklagevertreter schloß: „Was ich in diesem Saale acht Tage lang gehört habe, erfüllt mich mit Grauen. Ich habe die vollste Überzeugung, daß Sie, meine Herren, ein Urteil fällen werden, wie ich als Vertreter der gesellschaftlichen Ordnung es mir denke.“ Der Anklagevertreter zählte sodann die Morarescu zur Last gelegten Verbrechen auf. Es sind dies: Mord, Fälschung öffentlicher Dokumente, Amtsmißbrauch, Diebstahl an Staatsgeldern, Annahme von Bestechung, Wachebeleidigung, Desertion von der Front ins Hinterland, Übertretung gegen das Paßgesetz. Hierauf begannen die Verteidiger mit ihren Plädoyers. Literarisches Icho Joseph Trumpeldor, Tagebücher und Briefe, übersetzt von Mirjam Wilensky. Jüdischer Verlag, Berlin, 1925. Trumpeldor ist für die Arbeiterschaft Palästinas Symbol geworden. Als er zwanzig Jahre alt war, zog er freiwillig 1904 in den Krieg Rußlands gegen Japan — er wollte beweisen, daß die Juden keine Feiglinge sind. Im August desselben Jahres zerschmetterte ihm eine Kugel seinen linken Arm. Statt sich in die Etappe zurückzuziehen, reicht er ein Gesuch ein mit der Bitte, weiterkämpfen zu dürfen. Sein General befördert ihn darauf — als einzigen in der ganzen russischen Armee — zum Leutnant, schickt einen Befehl an alle Mitkämpfer, in dem Trumpeldor als Vorbild für alle hingestellt wird. Nach dem Krieg erhält er von der Zarin persönlich einen künstlichen Arm und einen hohen Orden. — Er studiert dann die Rechte und arbeitet während der knappen Zeit, die ihm der Zwang zum Verdienst seines Unterhalts gönnt, landwirtschaftlich und lernt Hebräisch. Gleichzeitig wirkt er für seinen Plan einer kommunistischen Siedlung hingebend und opferfreudig. Nach vielen Mißschlägen gründet er eine Siedlung, verläßt sie aber wieder, um im Krieg das „Zion Mule Korps“ auf Gallipoli im Dienste der englischen Armee zu führen. Nach Beendigung des Weltkriegs organisiert er in Rußland die Selbstwehr gegen die Pogrome und den „Hechaluz“, die Zusammenfassung aller sich für Palästina in produktiven Berufen vorbereitenden Menschen. — Er kehrt nach Erez Israel zurück, arbeitet in den exponiertesten nördlichen Siedlungen, verteidigt sie mit wenigen anderen gegen Angriffe arabischer Banden. Als tapferster und größter Führer der werktätigen Schar drüben fiel er 1920 bei einem Überfall durch Araber, von drei schweren Bauchschüssen tödlich verwundet; auf dem Transport zum Arzt, schon kraftlos, sind seine letzten Worte: „Es sind meine letzten Minuten — sagt ihnen, sie sollen bis zur letzten Minute um des Volks willen ausharren.“ — So war der Ablauf seines Lebens in groben Umrissen. Was es an Inhalt barg, zeigt das Buch, das vor mir liegt. „Wenn wir zeigen wollten, wessen wir im Namen unserer Idee fähig sind, so wäre der beste Platz für unsere Kolonie der Nordpol. — Aber unser Ziel ist ein anderes. Wir wollen doch kommunistische Siedlungen gründen, wollen den Menschen einen Weg zu ökonomischer Unabhängigkeit und geistigem Fortschritt weisen“, schreibt er an seinen späteren Freund im Jahr 1908 — und kein anderes Ideal erfüllte ihn stärker. Und in der Verfolgung seiner Erkenntnis wurde er zum Vorbild eines großzügigen Organisators. Unerbittlich hart gegen sich und die anderen, niemals in der Idee zu einem Kompromiß bereit, verstand er doch vortrefflich, zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit zu unterscheiden, und kannte er klar die Begrenztheiten seiner Mitkämpfer, deren Stärken und Schwächen. Als Hauptmann in Gallipoli hatte er es — ausgenommen sind ganz wenige — mit einer undisziplinierten nicht sehr kriegsbegeisterten Gesellschaft zu tun. Jene Zeit verfolgen wir in den Briefen an seine Braut, eine palästinische Arbeiterin. Sehr realistische Liebesbriefe sind es, — jedes Wort ‘riecht nach Pulverdampf. Immer klingt die Trauer durch über die Schwächlinge, die er in seiner Truppe hatte und die ohne ihn desertiert wären. Knapp sind die Stellen, wo sich der liebende Mann, sehnsüchtig nach Frieden und Ruhe, offenbart. „Wir gehen jetzt ins Feuer, wer weiß, ob alle zurückkehren ... Morgen schreibe ich mehr, wenn ich diesen Morgen erlebe..,“ So deutet er es oft an, daß er sich vom Tod umgeben fühlt, — aber „meine Liebe ist stärker als der Tod“. Überall, wo es zu kämpfen galt, war er der erste, und unerweichlich war er, ertappte er einen anderen feig verkrochen. Mit Jabotinsky, dessen Plan einer jüdischen Legion, aus allen Lagern der Welt zusammengerufen, er völlig teilt, verband ihn rege Korrespondenz. Vorher gründete er aber noch die andere Legion, die ihn überdauerte, die „Legion der Arbeit (Gdud Awodah)“. Sie arbeitet in seinem (Jeist, der überall in Palästina lebt. Auffrischer, Erneuerer, Schöpfer, das war er, und immer kehren in seinen Briefen ähnliche Wendungen wieder, wie: „Man fühlt, wie dieses Leben morsch ist, — ein neues muß an seine Stelle treten — und je eher, desto besser.“ Als Arbeiter war er, wie vor einigen Tagen einer erzählte, der mit ihm schaffte, ein Riese. Seine künstliche linke und seine starke rechte Hand sollen ihn ganz Außerordentliches haben leisten lassen. Ob man seine Briefe und Tagebücher mit Ehrfurcht vor der Größe liest, oder ob man Augenzeugen irgendeiner Epoche seines Lebens sprechen hört, CAFE FÜRSTENHOF BESITZER: OTTO SEELAND ER MÜNCHEN N E U H A U S E R S T R A S S E 21 Geöffnet täglich ab 3 Uhr nachmittags DER BLA UE SAAL SEHENSWÜRDIGKEIT EIGENE KONDITOREI NACHMITTAG UND ABEND KONZERTE