Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 49 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- Seite 910 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9156075--07308-9080034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
910 Nr. 49 Das Jüdische Echo toleranz der Orthodoxie, — es ist Landessitte, der er sich fügt, weil er sieh der jüdischen Gemeinschaft zurechnet, obgleich er seihst kein Jude ist. Ein Künstler, ein moderner, höchst kultivierter Mensch, ein Deutscher, der am Deutschtum der Nachkriegszeit verzweifelt hat, der sich der Nation der Rathenau- und Landauer-Mörder entfremdet fühlt, ist er hierhergekommen, zunächst wohl einfach als Freund seiner Frau, einer überzeugten Zionistin, und hat hier staunend gesehen, daß fern von der Welt, die in Fäulnis und Gestank zerfällt, ein neues Leben gebaut wird, arm noch, klein und mühselig, aber auch rein, stolz, voll ehrlichen Willens zum Guten. Aus dem Staunen ward Liebe, Hingabe, verständnisvolles Mitwirken, und heute identifiziert sich der Künstler, der Mensch in voller Selbstverständlichkeit, mit allem Jüdischen in Palästina. Drei Gerim, drei Stufen der Assimilation mit umgekehrtem Vorzeichen. Ich spreche von ihnen nicht, weil ich stolz wäre auf die Anerkennung unseres Wertes, die in ihrem Verhalten liegt, und als oh ich — wie die beflissenen „Assimilanten“ — auf ihr Zeugnis mehr hielte als auf das von Juden. Ich glaube, sie sind ein Zeichen für die gemeinschaftsbildende Kraft des jüdischen Palästinas. Und daß es eine wirkliche Kraft ist, keine irgendwie politisch zp wertende ,,Tendenz“, dafür ist mir Beweis, daß die Gerim selbst und die Juden von diesen Erscheinungen nur zögernd Kunde geben, als schämten sie sich. Das Geschehen ist zu pathetisch, als daß man es einfach verhindern dürfte, als tägliches, stündliches Geschehen, und nicht Gefahr laufen müßte, theatralisch zu erscheinen; nichts aber hassen sie dort so gründlich wie das Pathos des Wortes. Wenn sie von der Arbeit, den Formen der Wirtschaft, von Plänen, von Budgets, von Schulden, von Tabak oder Getreide sprechen, geraten sie in Eifer, werden heftig und die Beredkohbn-'u'kok* - CroM Handlung Max Müller | KCJHLEN-U. KOKSGROSSHANDLUNG Büro; Karolinenplatz Nr. S Lager; Hansasfraße27 samkeit erklimmt eine erstaunliche Höhe: kommt aber die Rede auf sie selbst, das Menschliche, das manchmal Übermenschliche, so stockt das Wort, sie werden verlegen, schüchtern, einsilbig, es ist, als schämten sie sich, Helden zu sein. Wenn hier so mancher oft und allzuoft von „unseren Chaluzim“ deklamiert, mag das ein leider unvermeidliches Mittel der Propaganda sein; hier wird geredet, dort geschafft, und in Erez Israel lernst du, was doch die größten Menschen jeder Zeit gewußt haben: Großes wächst nur in Rer Stille. Die Messe des nahen Ostens Im „Berliner Tageblatt“ veröffentlicht in der Abendausgabe vom 28. 11. Dr. Adolf Schick, der Direktor des Berliner Messeamts, einen Reisebrief aus Palästina über die „Messe des nahen Ostens“ in Tel Awiw. Er schreibt u. a.: „Wenn man von Haifa durch die Ebene des Emek fährt, glaubt man bei aller Würdigung der Siedlungsschwierigkeiten doch die Erfolgsaussichten der Aufbauarbeit unbedingt günstig ansehen zu müssen. Die hoffnungsfreudige Stimmung im Emek wird jedoch bei dem nach Jerusalem weiterreisenden Touristen bei der Fahrt durch das einer Steinwüste gleichende Gebirge mit Sicherheit von einer tiefen Gemütsdepression abgelöst, die auch dann nicht schwindet, wenn der landeskundige Führer tröstend auf die Möglichkeit einer Wiederbelebung der eigenartigen, jetzt völlig zerfallenen, terrassenförmigen Gartenanlagen des Gebirges hinweist. Die Stimmung schlägt jedoch sofort wieder in das andere Extrem um, wenn über Jerusalem, an den Orangenplantagen der Jaffa-Ebene vorüber, die nunmehr zirka 40 000 Einwohner zählende Siadt Tel Awiw erreicht wird, deren amerikanischer Aufbau und Arbeitsrhythmus auch den pessimistisch Gewordenen mit Optimismus und Bewunderung erfüllt. In diesem Zwiespalt der Gefühle bereist fast jeder Besucher auf Tage Neu-Palästina, das in jeder Beziehung trolz der verhältnismäßig kleinen Raumausdehnung ein Land der Gegensätzlichkeiten genannt werden kann und zu seiner Beurteilung einen sehr langen Aufenthalt nötig macht. Ein leitender Beamter des Jüdischen 'Nationalfonds, der schon seit einem Jahr im Lande ist, hat die Abgabe eines Berichtes an seine Freunde in Deutschland vor kurzem mit der bezeichnenden Begründung abgelehnt, er sei zu lange in Palästina, um einen oberflächlichen Touristenbericht zu geben, und noch nicht lange genug, um als Einwohner des Landes sich ein endgültiges Urteil über die Aufbaumöglichkeiten erlauben zu können. Der Verfasser schildert dann die Messe, die verschiedenen ausgestellten Objekte, wobei er die starke Beteiligung deulsrher Firmen (gegenüber dem fast völligen Fehlen englischer) hervorhebt. Er schließt seine Darstellung folgendermaßen: „In propagandistischer Hinsicht hatte das Unternehmen als Ausstellung zweifellos Erfolg. Über 50 000 Besucher, darunter viele Fremde aus Syrien, Mesopotamien und Ägypten, waren zu verzeichnen für ein Land, das noch nicht eine Million Einwohner zählt, eine enorme Ziffer. In wirtschaftlicher Beziehung scheint das Ergebnis für die Messebeschicker im ganzen genommen weniger befriedigend gewesen zu sein. Dazu trug die gegenwärtige Aufbaukrise in Tel Awiw besonders bei, die durch eine scharfe Einschränkung aller Kredite, insbesondere der Baudarlehen herbeigeführt, naturgemäß lähmend auch auf das Messegeschäft einwirken mußte. Schließlich aber — und das berührt die Zukunft des Unternehmens — darf nicht vergessen werden, daß Palästina heule kaum mehr als 100 000 Einwohner mit Kaufkraft zählt.“