Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 49 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- Seite 908 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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908 Das Jüdische Echo Nr. 49 Väter und Söhne Herr Dr. Elk stellt uns diesen Auszug aus dem gleichlautenden Vortrag zur Verfügung, den er jüngst vor einem größeren Publikum gehalten hat. .... Das allgemeine Erziehungsproblem. Wie sich die Eigenart und Eigengesetzlichkeit der Jugend mit dem praktischen Lebensideal, in das sie hineingezogen wird, vereinen lasse, tritt in unserer Zeit und in unserer Gemeinschaft mit besonderer Schärfe auf. Das Problem „Väter und Söhne“, in das sich dieser ganze Fragenkomplex zusammendrängt, ist ein Problem geworden, das den festen Bau der jüdischen Familie zu zerreißen droht. Dieser Gegensatz der Generationen geht auf den Gegensatz zweier Zeitepochen zurück, wie er kaum je so stark zur Geltung kam wie heute. Worin besteht das Bezeichnende der neuen geistigen Einstellung? Meiner Meinung nach im Übergang eines naturwissenschaftlich-mechanischen Denkens zu einem geistig-lebendigen Welterfassen. Die gewaltige Entwicklung der Technik auf der einen Seite, die durchgängige Mechanisierung und Entseelung der lebendigen Natur im Darwinismus auf der anderen Seite schufen eine Atmosphäre, in der der unromantische, d. h. durch und durch ungei'stige struggle of life als höchste Lebensweisheit galt Nehmen wir dazu noch die speziell deutsche Entwicklung nach 1870, die im Zeichen einer großartigen wirtschaftlichen Entwicklung zur Verkümmerung des Geistes führte, im Vorwärtskommen, im Reichtum den Gradmesser des persönlichen Wertes sah, dann haben wir ungefähr die Atmosphäre gezeichnet, in der die heutige Vätergeneration selber die der Söhne war. In unserem jüdischen Bürgertum wurde eine Neuentwicklung noch besonders erschwert. In den weitesten Kreisen war das religiöse Leben erstorben, ein unbestimmtes Etwas hielt zwar noch am Judentum fest, aber dies Judentum war ohne Inhalt. An seine Stelle trat der glühende Wunsch, die noch immer unvollständige Emanzipation nun ganz zu erlangen, auch politisch und sozial als vollwertig zu gelten. Da konnten eigene Ansichten, die das Niveau der herrschenden geistigen Schicht überragten, geistig-kulturell revolutionär waren, nur schaden; man mußte sich auch geistig anpassen und man hat das nur allzu gut verstanden. Es wäre allerdings ungerecht, zu glauben, als ob diese einseitige Charakteristik das Wesen der Zeit erschöpfte; es regen sich in ihr schon Kräfte in den achtziger und neunziger Jahren, die zu ihrer Überwindung führen. Zwar auch die neue Religion des Sozialismus wächst auf dem Boden derselben Anschauung. die die Zeit beherrscht, auf dem Boden einer mechanistischen Weltauffassung, die das Lebendigste und Bedeutsamste, die menschliche Seele ignoriert. LeoTolstoj aber und Friedrich Nietzsche, Antipoden in ihrer Forderung, weisen über die Zeit hinaus; die neue naturalistische Dichtung, die bald halb-mystischen Charakter annimmt, bedeutet den Beginn der Überwindung; doch das alles sind nur Keime, die zwar in einigen wenigen sich schon damals voll entfalten, in den meisten aber nur wenig wirken und erst viel später zur vollen Entfaltung kommen, nämlich in der neuen Generation. Und selbst denen in unserer Gemeinschaft, die schon frühzeitig den Hauch des neuen Geistes spürten, blieben immer noch die Eierschalen der materialistischen Weltanschauung anhaften und machten sie unfähig, Erscheinungen wie das Judentum in seinem geistigen Gehalt zu begreifen. — Nun aber bricht eine neue Zeit an. Üm die Wende des Jahrhunderts greift die geistige Revolution, die in den achtziger und neunziger Jahren begonnen hatte, immer weiter um sich. Doch jetzt ändern sich die Grundlagen völlig. Wie die moderne Philosophie durch das Schlagwort „Lebensphilosophie“ gekennzeichnet wird, so tritt in allen geistigen Erscheinungen das „Lebendige“, die Seele, das Einmalige in den Vordergrund. Goethe ist der Prophet dieser Zeit geworden. An Stelle des Darwinismus tritt die schöpferische Entwicklung; auch der Sozialismus löst sich bei vielen von seinen materialistisch-dogmatischen Voraussetzungen los. Damit ist auch eine andere Einstellung zu religiösen Fragen verbunden. Einer Anschauung, die die Seele in den Mittelpunkt rückte, konnten Büchner und Häkkel nicht mehr genügen; immer deutlicher wird die Rückkehr zur Religion, die Sehnsucht nach dem mystischen Erlebnis. Mußten nicht alle diese Strömungen in der Jugend besondere Aufnahme finden? Hier, wo von Natur aus, wenn fremder Zwang noch nicht fesselnd und zerstörend eingewirkt hat, Geist und Seele, Phantasie und Anschaulichkeit ihre Stätte haben, wo noch ein ungeheurer Enthusiasmus, ein unbedingtes Wollen nach lebendigen Zielen strebte? Die Wandervogelbewegung und all die Jugendbewegungen, die sich ihr anschlossen, bei uns Juden Blau-Weiß, Kameraden u. a. sind der äußere Ausdruck dieser neuen Einstellung geworden. Ich sage nicht, daß diese Bewegungen religiös im engeren Sinne sind, aber der Drang der Seele nach Unendlichkeit und Freiheit, der sich in ihnen ausspricht, ist letzten Endes ein religiöses Phänomen. Das ist die Luft, in der die neue Generation, schon die letzte Vorkriegsgeneration heranwuchs. Väter und Söhne; hier stehen sich zwei Welten, im wahren Sinn des Wortes zwei Welt-Anschauungen gegenüber. Auch das Leben der älteren Generation hat in seiner Jugend ähnliche Ziele gehabt, denn Jugend ist Jugend zu aller Zeit; es ist aber erstickt worden von dem dumpfen Hauch der bürgerlichen Welt. Jetzt aber kommt der natürlichen Sehnsucht der Jugend die Zeit selber entgegen. Schätzt der Vater die bürgerliche Wohlanständigkeit, die oft nichts anderes ist als die lügnerische Fassade der gesellschaftlichen Verderbnis, so begehrt der Sohn nach einem Ausleben seiner selbst im edelsten Sinne, das die Grenzen der Familie zereißen muß- Jeder Mensch lebt in seiner Welt. Die Welt des löjährigen ist der 15jährige, sind nicht Vater und Mutter, trotz all ihrer Liebe und Sorge. Kommt noch hinzu das völlige Mißverstehen des jugendlichen Freiheitsstrebens. oder was noch schlimmer ist, das Nicht-ernst-Nehmen, das verstehende und verzeihende Lächeln, dann drängt’s ihn hinaus. „Das ist meine Welt, das heißt eine Welt.“. .... Leben heißt Eigenart, Leben heißt Geschichte; damit ist die Einstellung dieser Jugend zu jüdischen Dingen gekennzeichnet. Sie wollen sich nicht aufgeben und die Assimilation an eine Gesellschaft, die ihnen durchaus nicht als wertvoll erscheint, lehnen sie ab. Sie besinnen sich auf ihre Eigenart. So hat diese Jugend ein ganz anderes Verhältnis zur jüdischen Vergangenheit und ihren Werten erhalten; vieles, was dem alten Geschlecht überlebt und abgetan erschien, wird jetzt in seinem Wert erkannt.- .... Die Eltern können nichts Besseres tun, als ihr Kind gewähren lassen, denn es folgt seinen natürlichen und gesunden Trieben. Und eines noch sollten sie tun, selber etwas von dem Hauche dieser neuen Zeit verspüren, die wie ein frischer Wind durch alle Ritzen unseres Lebens dringt, dann werden sie ihre Kinder begreifen, dann werden sie selbst ihren Kindern Genossen sein können.