Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 49 (4.12.1925)
- Date
- 1925-12-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 49 4. Dezember 12 Jahrgang Nach Locarno In der Balfour-Deklaration wurden die Rechte des jüdischen Volks auf Palästina anerkannt. Aus diesem Grund ist es ein Verzerren des Tatbestands, wenn man den 600 000 Arabern Palästinas bloß die 150 000 Juden entgegenhält, die bereits in Palästina wohnen; wenn in diesem Zusammenhang davon gesprochen wird, es sei undemokratisch, einer Minderheit Rechte zuzuerkennen, die die Mehrheit nicht zuzuerkennen wünscht. In Wirklichkeit liegt die Sache so, daß sich heute diesen 600 000 Arabern gegenüber zumindest 2 000 000 Juden alis Träger des zionistischen Gedankens fühlen, und daß hier die Mehrheit ist. Diese 2 000 000 Juden — und das unterscheidet die jüdische Gegenwart grundsätzlich von aller Vergangenheit — fühlen sich als das jüdische Volk; fühlen sich nicht mehr als bloßes Objekt der Geschichte, sondern trachten als Subjekt ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Sie sind davon durchdrungen, daß Jude sein nicht mehr bloß ein Schicksal zu tragen haben heißt, sondern eine Aufgabe zu erfüllen haben, die Aufgabe Palästinas. Vergleicht man das, was im Dienst dieser Aufgabe bereits geschehen ist, mit dem, was damals war — noch vor ganz wenigen Jahrzehnten — da man noch keine Aufgabe kannte, noch im trübsten Warten dahinlebte: erkennt man Richtung und Kraft. Der Weg ist aber noch weit und die Kraft begrenzt. Überall sehen wir, wie die Welt erkennt, daß nur Zusammenschließen aus der Not der Gegenwart retten kann; eine Erkenntnis, die von Versailles glücklich zu Locarno geführt hat. Und auch wir müssen einander näherkommen und uns zusammenschließen, dahin gelangen, daß sich alle Juden als die Kontrahenten fühlen, die das Mandat des Völkerbunds angenommen hat. Und deshalb ist unser Schicksal noch mehr als das aller anderen Völker Europas damit verknüpft, daß der Friede tatsächlich und endlich herbeigeführt werde. Für alle Völker Europas bedeutet materielle und seelische Abrüstung, bedeutet der Völkerbund und die Durchsetzung der von diesem vertretenen Ideen, eine große Erleichterung ihres Daseins. Für uns ist friedliche Konsolidierung die unumgängliche Voraussetzung für die Möglichkeit, ernstlich an die Sanierung unserer unglückseligen Lage heranzutreten. Darum sind wir in allen Ländern mit ganzem Herzen und mit allen geistigen Kräften Verfechter einer friedlichen Regelung der Beziehungen zwischen Staaten und Völkern. In einem Aufsatz über „Wirtschaftsnot und Friede“ meint Moses Waldmann, es sei keine Schande, daß die Grundsätze des Fortschritts und des Friedens mit den vitalsten jüdischen wirtschaftlichen Interessen parallel laufen. Das gelle nicht nur für die Juden Polens und Litauens oder anderer osteuropäischer Staaten, sondern auch für uns in Deutschland. Auch hier hätten Handel, Gewerbe und freie Berufe am allerstärksten unter der Wirtschaftskrise zu leiden, und an ihrer Überwindung seien daher wir Juden ganz außerordentlich interessiert. Allerdings würden auch vertrauensvolle Beziehungen zwischen den Staaten und Völkern und eine allgemeine politische Entspannung noch nicht hinreichen, unsere Lage von Grund auf besser zu gestalten. Sie würden bloß eine merkliche Erleichterung der Lage darstellen und die Voraussetzung schaffen helfen, an das Problem der unglückseligen sozialen Struktur mit dem einzigen Mittel heranzugehen, das allein imstande wäre, Hilfe zu bringen, — mit dem Mittel der Selbsthilfe. Nur unsere eigene Anstrengung kann imstande sein, Ausblick auf bessere Zeiten zu eröffnen. Ein Grundproblem der jüdischen Wirtschaftspolitik ist die Umschichtung der jüdischen Gemeinschaft und die Überführung weiter Kreise des kleinen jüdischen Händlertums und Luftmenschentums in produktive Berufe. Eine großzügige Erziehungsarbeit muß jiidischerseits einsetzen. Die heranwachsende jüdische Generation muß sich von Handel und Krämertum, von dem Zudrang zu freien Berufen abkehren und ein Handwerk oder die landwirtschaftliche Arbeit erlernen. Denn sowohl für die große Masse der Juden, die in ihren Wohnländern bleiben werden, wie auch für diejenigen Bruchteile, die auswandern können, wird sowohl das Hierbleiben wie auch die Auswanderungsmöglichkeit in merklicher Weise erleichtert werden, wenn sie in erster Linie von ihrer Hände Arbeit und nicht von der Konjunktur abhängig sein werden. Besonders im Hinblick auf das werdende jüdische Palästina ist diese Produktivierung und Umschichtung eine unerläßliche Voraussetzung. Palästina ist bereits heute das hauptsächlichste Auswanderungsland für die in Europa überzähligen Juden. Soll dieser Wandererstromi nicht schmäler werden, so muß die Qualität der nach Palästina Wandernden den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Landes angepaßt sein. Das neue Palästina kann aber nur ein Land der Arbeit sein oder es wird überhaupt nicht aufgebaut werden können. Für das Hierbleiben und für das Auswandern ist die Selbsthilfe der Juden eine unumgängliche Vorbedingung. Damit sich die Selbsthilfe organisieren kann, sind friedliche Zustände notwendig. Darum sind wir Juden die eifrigsten Befürworter einer friedlichen Regelung der zwischenstaatlichen Beziehungen und aus diesem Grund begrüßen wir Locarno heißer als alle andern.