Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 48 (27.11.1925)
- Date
- 1925-11-27
- Page
- Seite 897 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Das Jüdische Echo 897 sermaßen an den Lockenkopf erinnert, ist mit einer bewundernswerten Handfertigkeit hergestellt. Die ganze Gesellschaft kauerte sich um die Stufen des Denkmals nieder, und unsere „Duellanten“, der Künstler und die Künstlerin, stellten ihre Staffeln auf und gingen an die Arbeit. * „Welch tote, trockene und langweilige Linien“, bedauerte die Künstlerin. „Es nimmt sogar die Lust zum Zeichnen.“ „Sie müssen diese Linien beleben, geben Sie ihnen einen Teil der Seele“, sagte der Künstler und arbeitete eifrig weiter. Nach anderthalb Stunden waren die Künstler mit ihrer Arbeit fertig. „Die Jury! Wir wählen die Jury!“ forderten die Schüler. In „offener Wahl“ wurden der Professor des Bezalel, der polnische Bildhauer und ich gewählt. Die Zeichnung der Künstlerin war makellos, stilgerecht. Sie war sehr begabt und konnte herrlich mit Pinsel und Farbe umgehen. Die Technik war vollkommen, und das sah man an jedem Strich, an jeder Linie. Aber, die Zeichnung war tot. Sie war ohne Leben, ohne Seele. Sie war gut gemacht, aber schlecht beschaffen. Die Zeichnung des Bezalel-Schülers war schüchtern, aber gläubig, mit bedeutenden technischen Fehlern hingeworfen... Die Linien waren unregelmäßig, die Perspektive nicht maßgerecht, aber trotzdem warb die Zeichnung durch irgendeine warme, herzliche Aufrichtigkeit... Der Künstler umgab das Denkmal mit Poesie und beseelte die zweitausendjährigen Steine. Der polnische Bildhauer sagte zur Künstlerin: „Ihre Zeichnung, verehrte Kollegin, ist sehr gut, aber sie stellt die internationale Geometrie dar: stilgerecht und leblos. Und ihre Zeichnung, mein lieber, junger Kollege,“ wandte sich der Bildhauer an den Schüler des Bezalel, „ist überhaupt nicht gut, dafür haben Sie ihr aber eine gute Seele gegeben. Sie müssen noch sehr viel arbeiten, Herr Kollege.“ Der Professor des Bezalel äußerte seine Meinung nicht, erzählte aber der Künstlerin in weicher und zurückhaltender Form folgendes. „Es ist Ihnen gewiß bekannt, daß Maupassant ein Schüler Flauberts war.. So spazierten sie einstmals in den Pariser Straßen ... Da fuhr an ihnen eine Equipage vorbei, und Flaubert sagte zu Maupassant: „Schildern Sie mir diese Equipage ...“ Am nächsten Tag brachte Maupassant einen Aufsatz „Die Equipage“. „Nicht gut,“ sagte bekümmert Flaubert zu Maupassant. „Sie haben die Equipage im allgemeinen beschrieben, aber in der Equipage, die an uns vorbeifuhr, war etwas, was sie von allen andern unterscheidet ... Mein Lieber“, schloß Flaubert, „wenn Sie das Feuer zeichnen wollen, dann müssen Sie es genau ansehen, damit Sie das bemerken, was andere noch nicht gesehen haben... In der Kunst des Beobachtens dessen, was anderen entgangen ist, liegt das Geheimnis der künstlerischen Schöpfung...“ „Jetzt will ich Ihnen sagen, meine verehrte und talentvolle Kollegin,“ schloß der Professor, „daß Ihre Zeichnung eine gut gemalte Equipage darstellt, aber es ist nicht d i e Equipage, die Sie gesehen haben.“ * Als wir den Ölberg verließen, ging ich neben dem Schüler des Bezalel. „Wissen Sie,“ sagte er, „als ich das Denkmal gesehen habe, kam mir meine Jugend in den Sinn... Ich erinnerte mich an den „Cheder“, an die abendliche Dämmerung, an meine Mitschüler und an Rabbi Gedalje. An einem solchen Abend hat mein Herz stärker gepocht als sonst,ich hatte Angst wegen des Schicksals des schönen Absalom. Es stimmt zwar, daß er sich gegen seinen Vater aufgelehnt hatte, aber trotzdem war meine ganze Sympathie auf seiner Seite ... Hinter ihm her jagten Davids bewaffnete Schergen... Er bestieg schnell das Pferd, rettete sich vor seinen Verfolgern ... Auf einmal blieb er mit den Locken an den Zweigen des Ölbaums hängen ... Hier ereilten ihn die königlichen Knechte und bohrten ihm zwölf Lanzen in die Brust... Und als ich auf das Kränzchen des Denkmals sah, kam es mir vor, daß ich den stolzen Kopf des schönen Absalom sehe. Und ich bemühte mich, diese Vision in meiner Zeichnung wiederzugeben.“ * Am Abend desselben Tags versammelten wir uns auf der Dachterrasse der Bezalel-Schule. In unserer Mitte befanden sich der polnische Bildhauer und die jüdische Künstlerin ... Das heutige „Duell“ hatte auf beide anscheinend einen tiefen Eindruck gemacht. Auf der Dachterrasse hielten wir den „Seder- Abend“ ab. -i \ ► HAUSERS HOTEL „Der Reichsadler“ Unsere vornehmen Gaststätten sind führend in München — Speisen und Getränke zwanglos Das beliebte Tanz-Orchester Otto Weber spielt täglich nachmittags und abends JEDEN SAMSTAG GESELLSCHAFTS-ABEND