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Das jüdische Echo · 1925-11-20 · 47 (20.11.1925) · p. Seite 880

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
47 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
Seite 880 (sequence 12)
Language
German
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880 Das Jüdische Echo Nr 47 Literarisches Echo Reubeni, Fürst der Juden, ein Renaissanceroman von Max Rrod (Kur t-Wol ff-Verlag). Geschichtsdichtung versucht, Geschichte und Dichtung zu vereinigen, das Wesenhafte der Geschehnisse zu erkennen, zu deuten; dem Chaos Sinn und Schönheit abzunötigen. Diesen Weg geht Brod. Durch das chaotische Dunkel der jüdischen Welt des 16. Jahrhunderts schimmert ein schwaches, rembrandthaftes Licht, die Gestalt Dawid Reubenis. Am 1. Februar 1524 landet er an der Riva dei Schiavoni in Venedig. Er nennt sich Ambassadeur und Bruder des souveränen Königs des jüdischen Reichs Chabor. Er verhandelt in Rom mit Clemens VII. und in Portugal mit König Joao, um diesen zum Bündnis mit Chabor zu bewegen. Mit acht portugiesischen Schiffen, deren Bemannung aus 4000 Juden bestehen soll, im Abendland geworben und ausgebildet, will Reubeni im Roten Meer erscheinen, mit portugiesischen Geschützen ausgerüstet, von portugiesischen Offizieren, Ingenieuren und Geschützgießern begleitet. Das Ziel ist, das im Innern Arabiens liegende Königreich Chabor zum Angriff auf Palästina vorzubereiten; diesen durchzuführen und damit die Türken von der Christenheit Europas abzulenken. Gleichzeitig scheint die Hoffnung begründet, daß die christlichen Mächte mit ihrem Kreuzzug gegen den Islam vorbrechen. Das ist Reubenis Plan. Die Verhandlungen ziehen sich in die Länge und scheitern zuletzt, durch den lähmenden Einfluß gestört, den der marranische Mystiker Diogo Pires auf die phantastische Nüchternheit Reubenis ausübt. Reubeni zieht mit Salomo Molcho, wie sich Diogo nach seiner Rückkehr zur jüdischen Gemeinschaft nennt, an den Hof Kaiser Karls nach Regensburg, fällt in die Hände der Inquisition und endet in deren Kerkern. Das ist die äußere Linie von Reubenis Schicksal. Die Dichtung sucht die innere. Die Lüge, als Gesandter in angemaßter Sendung aufzutreten, zwingt sich Dawid ab. Er will sein Volk befreien, will die Kühnheit der Völker den Herzen der Schwachen einpflanzen, die Schönheit Jf^hets in den Zelten Sems wohnen machen. Er will dieser Liebe, diesem göttlichen Gedanken, mit seinem ganzen Herzen dienen — und das bedeutet: auch mit dem bösen Trieb. So geht Dawid in die Lüge hinein, in das Märchen von der fernen jüdischen Macht. Das ist der Qualweg Dawids. Er will den jüdischen Stolz auf Sündenlosigkeit unterdrücken, will zum unbekümmerten Mut kommen, zur Sorglosigkeit, das alles zu tun, wonach die Wünsche stehen. Er will das jüdische Volk zur S. LEVINGER MÖNCHEN Bayerstraße 25 Pfisterstraße 6 am Hauptbahnhof am Platzt Zigarren / Zigaretten Rauchtabake Das Haus für feine Tabakerzeugnisse Freiheil führen, sich zur Rettung aller Mittel zu bedienen, auch der Sünde, der Lüge. Und er lügt — und ist mehr gestriger Jude, als er sein will —, er lügt ohne Freude; er lügt mit schlechtem Gewissen. Das ist der Bruch seiner Seele, die in der jüdischen Enge und Not Sinn und Schönheit verwirklichen will — auf Straßen, die sich ins Unwirkliche hinauswagen. — Brod hat in „Reubeni“ einen Renaissanceroman geschrieben, einen ernsten und schönen Roman aus der Zeit der Renaissance, der Zeit Michelangelos, Aretinos, Macchiavellis; aber auch darauf weist der Name, daß hier die Kräfte vorklingen, die erst in der heutigen jüdischen Renaissance die sichere Richtung gefunden haben. J. Jüdisches aus der deutsch-polnischen Übergangszeit Posen, 1918/20. Über seine Erlebnisse während der Neugestaltung der politischen Verhältnisse Polens berichtet in einer sehr interessanten und lesenswerten Schrift Rechtsanwalt Dr. Max Kollenscher, Berlin (Verlag Ewer-Buchhandlung, Berlin 1925). Als in jenem November 1918 der Boden unter unseren Füßen zu wanken begann und das prächtige politische Blätterdach unseres „ancien regime“ im ersten Windessäuseln zu Boden fiel, begann für die Posener eine viel folgenreichere Entwicklung als für irgendeinen anderen Teil des Reiches. Würde die Provinz Posen bei Deutschland bleiben? Niemand zweifelt daran; an ein Staatswesen Polen mit Einschluß ehemals deutscher Gebietsteile dachte man nicht. Nach wenigen Wochen indessen tauchten polnische Truppen auf — man wußte nicht, woher sie kamen —, und trotzdem mehrere Regimenter deutscher Zusammensetzung in der Stadt Posen lagen, war bald alle Gewalt in polnischen Händen. „Der Landeshauptmann v. Heyking, ein Vertreter der alten deutsch-konservativen Bureaukratie, der in der Versammlung das Wort ergriff, hatte zur allgemeinen Verwunderung nur zu sagen, daß man sich auf den Boden der neuen Tatsachen stellen müsse“ (Seite 31). Tout comme chez nous — was den allgemeinen Verlauf betrifft, aber doch wieder ganz anders; denn in den Ostmarken handelte es sich nicht nur um das Spiel „Rot oder Schwarz“, sondern zugleich um die nationale Alternative: polnisch oder deutsch. Diese besondere Situation der Ostmarken hatte auch für die posenschen Juden Folgen: was sollten sie tun? Sollten sie, die all ihr Leben loyale Deutsche waren, nun plötzlich loyale Polen werden? Ging das überhaupt so ohne weiteres, nachdem sie seit vielen Jahrzehnten den Polen als Vorkämpfer deutschen Wesens verhaßt waren, und unter preußischer Herrschaft tatsächlich — so etwa in der posenschen Stadtverwaltung — großen Einfluß besessen hatten? Die führenden Posener Juden zogen sich zunächst ganz nach berühmten Mustern aus der Affaire: „Als Vertreter der deutschen Bürgerschaft ergriff der jüdische Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Placzek das Wort; auch er erklärte die Bereitwilligkeit der Kreise, für die er auftrat, zur Mitarbeit. Aber was er sagte, war nicht so wichtig wie die Tatsache, daß hier zum letzten Male und als Abschluß einer nunmehr versunkenen Zeit ein Jude als vermeintlicher Vertrauensmann aller deutschen politischen Parteien deren Standpunkt in einer politischen Versammlung zum Ausdruck brachte.“ Das ging aber nur so lange, bis die Polen die Macht in die Hand bekamen, und je näher diese Verschiebung aller Fundamente heranrückte, um so mehr mußten die Wortführer des „ancien regime“ sich zurückhalten. Wäre nun

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