Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 47 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- Seite 879 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 879 Über die Naturpoesie der Bibel In liebenswürdiger Weise stellt uns heute die Leitung der Lehrkurse der Gemeinde im Anschluß an den Vortragszyklus des Herrn Dr. Max Mayer über die Poesie der Bibel den folgenden Beitrag zur Verfügung, der einige vortreffliche Urteile kunstsinniger Kritiker über das Naturerlebnis unserer biblischen Literatur einander gegenüberstellt. Es ist ein charakteristisches Kennzeichen der Naturpoesie der Hebräer, daß nur als Reflex des Monotheismus sie stets das Ganze des Weltalls in seiner Einheit umfaßt, sowohl das Erdenleben als die leuchtenden Himmelsräume. Sie weilt seltener bei dem einzelnen der Erscheinung, sondern erfreut sich der Anschauung großer Massen. Die Natur wird nicht geschildert als ein für sich Bestehendes, durch eigene Schönheit Verherrlichtes; dem hebräischen Sänger erscheint sie immer in Beziehung auf eine höher waltende geistige Macht. Die Natur ist ihm ein Geschaffenes, Angeordnetes, der lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Werken der Sinnenwelt. Deshalb ist die lyrische Dichtung der Hebräer schon ihrem Inhalte nach großartig und von feierlichem Ernst. . . Bemerkenswert ist auch noch, daß diese Poesie trotz ihrei Größe, selbst im Schwünge der höchsten, durch den Zauber der Musik hervorgerufenen Begeisterung fast nie maßlos wie die indische Dichtung wird ... Als Naturbeschreibungen sind die Schriften des alten Bundes eine treue Abspiegelung der Beschaffenheit des Landes, in welchem das Volk sich bewegte, der Abwechslung von Öde, Fruchtbarkeit und libanotischer Waldbedeckung, die der Boden von Palästina darbietet. . . Ein reiches Naturleben entfaltend ist die Lyrik der Hebräer. Man möchte sagen, daß in dem einzigen 104 ten Psalm das Bild des ganzen Kosmos dargelegt ist. . . Man erstaunt, in einer lyrischen Dichtung von so geringem Umfange mit wenigen großen Zügen das Universum, Himmel und Erde, geschildert zu sehen. Dem bewegten Elementarleben der Natur ist hier des Menschen stilles, mühevolles Treiben vom Aufgang der Sonne bis zum Schluß des Tagewerks am Abend entgegengestellt. Dieser Kontrast, diese Allgemeinheit der Auffassung in der Wechselwirkung der Erscheinungen, dieser Rückblick auf die allgegenwärtige unsichtbare Macht, welche „die Erde verjüngen“ oder in Staub zertrümmern kann, begründen das Feierliche einer minder lebenswarmen und gemütlichen als erhaben poetischen Dichtung. Alexander von Humboldt, „Kosmos“ II. Eine Poesie, die mir Augen gibt, die Schöpfung und mich zu sehen, sie in rechter Ordnung und Beziehung zu betrachten, überall höchste Liebe, Weisheit und Allmacht zu erblicken, auch mit dem Auge meiner Phantasie und in Worten, die dazu recht geschaffen scheinen — eine solche Poesie ist heilig und edel. Welcher Unglückliche, der mit dem großen Tumult seines Herzens unter den Sternenhimmel tritt, wird nicht durch den hohen Anblick dieser stillen, festen, ewigen Lichter gleichsam wider Willen und unvermerkt besänftigt! . . . Diese Wirkung hat jede wahre Naturpoesie, die schöne Auslegerin der Natur Gottes . . . Eine. Poesie, die sich allein mit menschlichen, oft sehr niedrigen und schlechten Handlungen beschäftigt, die in unreinen Grüften des Herzens, oft zu unreinen Zwecken, im des lebhaft und wirksam arbeitet, kann ihren Urr heber wie ihre Leser verderben; die Poesie Gottes tut das nie.. Sie erweitert das Herz wie den Blick, macht diesen ruhig und aufmerksam, jenös wirksam, frei und fröhlich. Sie schafft Liebe, Teilnehmung und Mitgefühl mit allem, was lebt; ja sie übt den Verstand, überall Naturgesetze zu bemerken, und hat die Vernunft auf die rechte Bahn geleitet. Von der Naturpoesie der Morgenländer gilt dies vorzüglich. . . Geben Sie mir ein Gedicht, das unsere Physik, unsere Entdeckungen und Meinungen vom Weltbau, von den Veränderungen des Universums in so kurzen Bildern, mit so lebendigen Personifikationen, mit so treffender Auslegung, in so hinreißendem Plan der Einheit und Mannigfaltigkeit darstelle als dies schlichte Kapitel Hiobs (38), ich lasse Ihnen dafür eine Epopöe von Helden und Waffen liegen. ... Die Reihe von Bildern, die hier (Psalm 104) der Dichter vorführt, ist gerade die Naturgeschichte der Erde. Erst stehen Wasser über den Bergen, Gottes Befehl schreckt sie hinunter. Nun steigen die Berge hervor; nun lassen die Tale sich nieder, die die Wasser durchbrechen und ebnen. Endlich setzt Gott den Fluten Grenze und befestigt das Land. Nun quillen Brunnen in den Tälern, nun rinnen Ströme zwischen den Bergen, sie haben sich schon ihr Bett gegraben. An ihnen versammeln sich Tiere, an ihnen singen die Vögel; denn das Ufer der Flüsse bedeckte sich zuerst mit Bäumen. . . Was wollen alle Mythologien, wenn sie mich nichts lehren? Was hilfts mir, wenn die nordische ,,E d d a“ vom Himmel als dem Hirnschädel eines erschlagenen Riesen redet, und daß die Erde aus seinem Gebein, die Ströme aus seinem Blut entstanden? Die Poesie vereinige Schönheit mit Wahrheit und belebe beide mit teilnehmender Empfindung, so ist sie Poesie des^ Herzens und des Verstandes. Herd er, „Vom Geist der hebräischen Poesie“ I, 3. 4. Als Haupteigentümlichkeit des Semiten tritt . . . hervor: das Vorwiegen des Gefühlslebens, der subjektiven Empfindung. Er betrachtet die Außenwelt zunächst so, wie sie sein Gefühl affiziert, Liebe oder Haß, Lust oder Schmerz, Staunen oder Bewunderung in ihm erregt; er schildert die Dinge nach dem ersten überwältigenden Eindruck, den sie auf ihn machen, er vermag noch nicht, in alle Einzelheiten der objektiven Welt einzudringen, sie in klarem übersichtlichem Zusammenhänge anzuschauen; er läßt die Außenwelt nicht langsam und ruhig auf sich einwirken, sondern erfaßt sie an einzelnen Punkten, die ihn besonders anziehen, mit einseitig gesteigerter Leidenschaft. Die Schönheit ist für ihn noch nicht ein harmonisches Ebenmaß einer Fülle von Erscheinungen; schön ist für ihn vor allem das Erhabene, Gewaltige, Geheimnisvoll-Mächtige, das, was ihn unmittelbar packt und hinreißt. . . Was die hebräische Poesie in erster Linie auszeichnet, ist die Einheit und I dti^a 1 i t ä t ihrer Weltanschauung. Die den Semiten eigentümliche subjektive Denkungsart steigert sich bei den Hebräern dazu, daß sie die ganze Welt unter dem Eindruck eines Gefühls betrachten und aus diesem Gefühl einen Gedanken ableiten, dem alles einzelne untergeordnet wird. Dieses Gefühl ist das der Schwache und Abhängigkeit de's Menschen, der Endlichkeit, Hinfälligkeit, Veränderlichkeit alles irdischen Seins und Geschehens — der Gedanke, der daraus abgeleitet wird, ist, daß die Natur kein selbständiges Dasein habe, daß sie von einem höheren Wesen abhänge, das im Gegen*- satz zu ihr ewig, unveränderliche ünbesehfänk-t sei). , Heinrich, .SJ, e i.n ej** .«tfer . hebjäjs^he^.pefie^