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Das jüdische Echo · 1925-11-20 · 47 (20.11.1925) · p. Seite 875

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
47 (20.11.1925)
Date
1925-11-20
Page
Seite 875 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 47 Das Jüdische Echo 875 schaft entscheidend, sondern die Standeszugehörigkeit der Eltern. Lilly Braun beschreibt in den „Memoiren einer Soziälistin“ sehr schön, wie im Assimilationsmilieu des damaligen Berlin W. als höchstes Glück erstrebt wurde, wenn das Kind, protzig herausgeputzt, bei der adligen Schulfreundin zum Geburtstagskaffee erscheinen durfte. Das Kind empfindet aber bald, daß hinter aller Verwöhnung doch nur die Schwäche elterlicher Eitelkeit steckt. Ein weiterer für die jüdische Familie typischer Fehler, wo der mütterliche Instinkt in der Regel irregeht, ist die Pflege des kranken Kindes. Daß während der Dauer der Krankheit die Erziehung nicht aussetzen darf, sollte selbstverständlich sein. Statt dessen sinkt das Verhalten der Mutter bei akuten Krankheiten des Kindes oft auf die Stufe rein instinktiver Verzärtelung hinunter. Wenn die Krankheit länger dauert, z. B. bei chronischer Tuberkulose, so entstehen schwere Konflikte. Denn wenn sich nach jahrelanger Pflege die Mutter endlich wieder auf sich selbst besinnt, so ist das dann eine Art von Entwöhnung und wird vom Kind viel schwerer ertragen als die erste. Jedes Familienleben enthält in sich die Tendenz zu einem biologisch bedingten und daher um so tragischeren Konflikt. Es ist biologisch angelegt, daß sich die jüngere Generation körperlich und seelisch immer mehr von der älteren Generation und von der elterlichen Familie loslöst. Diese Ablösung vollzieht sich unter den schweren körperlichen und seelischen Erschütterungen der Pubertät. Die ältere Generation kann sie zu leiten versuchen, aber zu unterdrücken ist sie nicht. Wir müssen uns damit abfmden, daß nun die Kinder innerlich selbständig geworden sind. Das braucht nicht zum Haß gegen die Eltern zu führen, wie wir es leider in unserer Zeit so häufig sehen. Nur wird eben von den Eltern sehr viel Takt verlangt. Mit Überheblichkeiten, mit Lächerlichmachung der Auswüchse der Jugendbewegung, mit Pochen auf die Autorität erleichtern wir die Ablösung weder uns noch den Kindern. Schwere Fehler werden auch heute noch in der sexuellen Erziehung gemacht. Ich übergehe jene Zeit, in der das Sexuelle zwischen Eltern und Kindern überhaupt ein Tabu war. Der typische Fehler in der sexuellen Erziehung unserer Zeit ist etwas, was man als „Offenbarungsglauben“ bezeichnen könnte, nämlich der Glaube, daß eine plötzliche Offenbarung der sexuellen Zusammenhänge — meistens zu einem ganz äußerlich bestimmten Zeitpunkt — sexuelle Erziehung sei. Erziehung ist aber immer nur eine planmäßige, dauernde, organisch aufbauende, Schritt für Schritt fortschreitende Beeinflussung. Eine englische Schriftstellerin erzählt einmal folgende Anekdote: Die Mutter eines vierjährigen Kindes kommt zu einem Pädagogen und .. Maximilianstraße 40 I 'l I ' fragt ihn, wann sie wohl endlich mit der Erziehung des Kindes anfangen solle. Und sie erhält die Antwort: „Sie haben vier Jahre versäumt.“ Das gilt auch für die sexuelle Erziehung. Heute ist das so. Wenn die Eltern bei irgend einer Gelegenheit an ihrem Kind etwas wahmehmen, was sie als sexuell und als verderbt deuten, dann wird die Spritze der Erziehung in Tätigkeit gesetzt. Und der dicke Strahl richtet sich gegen diesen einen Punkt, wo es, wie man meint, brennt. Aber meist — um im Bilde zu bleiben — löscht man damit nicht mehr, und es glimmt verborgen weiter. Ich will hier nicht ins einzelne gehen und nur das Prinzip der Kontinuität betonen. Der große Irrtum in der Erziehung, daß sie eigentlich negativ ist, daß sie sich also damit begnügt, irgendeinen Fehler auszurotten, daß sie alle ihre Energie im Strahl auf diesen einen Punkt konzentriert, ist auch sonst gerade in der jüdischen Familie sehr häufig. Die traditionelle Eitelkeit jüdischer Eltern glaubt, daß ihr Kind sonst in allen Stücken gut angelegt sei und daß es überhaupt auf sonst nichts weiter ankommt, als gerade diesen einen störenden Fehler zu beseitigen, der durch irgendein unbegreifliches Unheil über das Kind gekommen sei. Ärzte und Erzieher wissen es, daß die Eltern in die Sprechstunde kommen und um Besserung ganz bestimmter Dinge bitten, die ihnen — den Eltern — störend sind. Das Kind lügt, — also soll Arzt oder Erzieher die Lüge heilen; das Kind hat einen Sprachfehler, — also sollen sie den Sprachfehler heilen; es ist genäschig, — also sollen sie die Genäschigkeit heilen. Und es w ird dem Arzt übelgenommen, wenn es des langen und breiten nach Dingen fragt, die doch gar nichts mit Lüge und Genäschigkeit zu tun haben und die sogar vielleicht das Familienleben der Eltern betreffen. Die Einzelfehler sollen in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Oft, z. B. bei Sprachfehlern, bildet sich um den einzelnen Fehler herum eine Welle von Störungen, die sich immer mehr ausbreitet und zuletzt die ganze Persönlichkeit verändert, ergreift. Dazu gehören organisch angelegte Minderwertigkeiten verschiedener Art, auf die uns namentlich Alfred Adler aufmerksam gemacht hat. Aber was Ursache und w^as Wirkung ist, ob es einzelne Minderwertigkeiten oder ob es eine im ganzen abwegige Persönlichkeit und wie das Gewebe aufzulösen ist, das kann in der Regel nur der Fachmann sagen. Den Eltern wird es aber schon eine große Erleichterung sein, wenn sie den einzelnen Fehler, der ihnen so gefährlich erscheint, im Zusammenhang der seelischen Entwicklung des Kindes zu sehen vermögen. Was beim sechs- oder siebenjährigen Kind schon als Fehler erscheint, ist oft wTeiter Damen- Schneiderei Herren-Schneiderei Auserlesene Qualitätsstoffe Erstklassige Verarbeitung; Niedrigste Kalkulation ,.i ’’ 'V .

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