Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 47 (20.11.1925)
- Date
- 1925-11-20
- Page
- Seite 874 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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874 Das Jüdische Echo Nr. 47 Dienstag, den 24. November, um 1I29 Uhr abends, spricht im Konzertsaal des Hotels Bayerischer Hof, Promenadeplatz, Kurt Blumenfeld, Berlin, über das Thema „Der Kampf um den Zionismus" Kartenverkauf täglich im Ortsgruppenbüro, Ottostraße 2, von 3—6 Uhr und am Tag des Vortrags im Hotel Bayerischer Hof an der Abendkasse Die Behandlung des erziehungsschwierigen jüdischen Kindes von Dr. med. et. phil. W. Eliasberg, Facharzt für Heilpädagogik und Nervenleiden in München. I. Unter Erziehbarkeit verstehen wir das Maß von Erziehungseinflüssen, das in einem bestimmten Fall notwendig ist, um eine erziehliche Wirkung zu gewährleisten. Der Erziehungbedarf ist bei verschiedenen Kindern verschieden; Erziehungsschwierigkeit einfach als Tatbestand ist nur dies, daß zwischen dem Erziehungsbedarf und den zur Verfügung stehenden Erziehungseinflüssen kein Gleichgewicht herrscht. Die Fälle, in denen diese Störung unabänderlich, die eigene Familie also dauernd unzulänglich ist, die Fälle etwa des unehelichen Kindes, des verwahrlosten Jugendlichen, des Kindes aus herabgekommener, kranker, verarmter Familie sind an anderer Stelle besprochen worden, ln solchen Fällen muß die jüdische Gemeinschaft eingreifen, und es, ist ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, daß von ihr selbst ausreichende jüdische Erziehungseinflüsse ausstrahlen können. Dieses Problem soll hier nicht behandelt werden. Im folgenden möchte ich versuchen, eine kurze Kasuistik zu geben, wo das Kind in der Familie hätte bleiben können, wo jedenfalls die Aussicht besteht, die erzieherischen Einflüsse der Familie günstiger zu gestalten. Ich berücksichtige hier nur solche Fälle, wie sie in jüdischen Familien häufiger sind, und ich kann sagen, daß es sich da keineswegs um biologisch bedingte, erblich festgelegte Minderwertigkeiten handelt. Wir kennen auch in der Geschichte keinen einzigen Fall, wo wir diese biologischen Ursachen mit Sicherheit nachweisen könnten. Diese Tatsachen im Verein damit, daß es nun doch typische jüdische Erziehungsschwierigkeiten gibt, enthalten Anklage und Hoffnung. Denn das Erkennen gibt hier auch die Möglichkeit zu bessern. Wenn wir es also ablehnen, daß die jüdische Familie biologisch in ihren Besonderheiten festgelegt ist, so bleiben noch zwei Möglichkeiten, um die unleugbare Eigenart zu erklären. Einmal .spezifisch kulturelle Momente, dann wirtschaftliche. Es ist allerdings sowohl für die jüdische Familie, wie für die Gemeinschaft bis zu einem gewissen Grad charakteristisch, nicht nur, daß sie sich von der jüdischen Tradition äßgewandt haben, sondern auch, daß das nun eine Unsicherheit in der Orientierung zur Folge hat, da ja von außen immer wieder eine bestimmte Orientierung erzwungen wird.'Was wir iipi Auge haben, kann man also nur in dem Sinn emjüdisches Milieu nennen, als es das Milieu vieler jüdischer Familien tatsächlich ist. Keineswegs aber hat das irgend etwas mit spezifisch jüdischen Kulturgütern zu tun. Das Wesentliche daran ist die Unsicherheit in der Orientierung an nationalen Werten. Für die Erziehungsschwierigkeiten in der jüdischen Familie ist dieses Moment nicht zu unterschätzen. Von mindestens ebenso großer Wichtigkeit aber ist, wie das jüdische Milieu durch die Wirtschaftslage beeinflußt wird. Die jüdische Familie der Großstadt in Deutschland gehört am häufigsten zur Kategorie der wirtschaftlich Selbständigen oder mindestens der gehobenen Angestellten. Wie alle wirtschaftlich Selbständigen stehen die jüdischen Familienväter zur Zeit in einem schweren Daseinskampf, der durch die politische Zuspitung noch zerrüttender wirkt. Und da ist es nur ein für die moderne Erwerbstätigkeit bezeichnender Zug, daß wir im Durchschnitt eine echte Erholungstätigkeit, eine, die zugleich innerlich entspannt und bereichert, indem sie brachliegenden Tendenzen der Persönlichkeit zur Betätigung verhilft, gar nicht mehr kennen. Das hat seinen Grund einmal in der Arbeitstätigkeit selbst, in der Überspannung und Überreizung, die sie bringt. Dann aber auch in der allgemeinen lendenz unserer stark aufs Materielle gerichteten Kultur, die eben auch im Genießen das Materielle, die Nervenaufpeitschung, die Verantwortungslosigkeit schätzt. Man könnte das in der Art unserer Geselligkeit, im Sport, in der Modebetätigung, in vielem anderen dartun. In meinem „Grundriß einer allgemeinen Arbeitspathologie (Leipzig 1924)“ habe ich das ausführlich getan. Uns interessiert hier nur, daß wir eine echte Muße, eine wertvolle Erholungstätigkeit eben kaum noch kennen. Und zu den wertvollen Erholungstätigkeiten, die früher im jüdischen Milieu ganz charakteristisch waren, rechne ich alle die im weiteren Sinn traditionellen und religiösen. Sie schufen ein starkes Traditionsmilieu. Sie gaben der Familie innerlichen Halt und gliederten die einzelnen Angehörigen in ein ruhiges Nebeneinander und Miteinanderrwvon Ehre und Würde ein. Wir wollen dem Entschwundenen nicht sentimental nachtrauern. Aber daß nun ganz typische Milieuschädigungen damit Zusammenhängen, daß das Verlorene nicht ersetzt wurde, darüber dürfen wir uns nicht täuschen. : Typisch für die Veränderung der jüdischen Familie und ihres Kulturlebens * ist ies, daß die Kinder von vornherein in ihrem Verhältnis zu den Eltern unsicher sind. Sie werden oft verwöhnt. Beide El tern, vom Daseinskampf gebrochen, schon nicht mehr hoffend, wollen allen äußeren Glanz und all# Ehre, die sie für sich nicht mehr zu erstreben wa< gen, auf das Kind häufen. Sie bestimmen ihm da^ pach seinen Verkehr.. Du ist nicht die Kinderfreund-