Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 46 (13.11.1925)
- Date
- 1925-11-13
- Page
- Seite 852 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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852 Da* Jüdische fcehu Nr. 4b Geld ins Ausland zu senden, wenn es doch so dringend nötig gebraucht wird, um die Not in der Heimat zu beheben.“ Der Schlußsatz, in dem wieder der Z.-V. das Wort nimmt, lautet: ,,Wir haben nichts weiter hinzuzufügen.“ Der Z.-V. erstrebt also auch die Schaffung der öffentlich-rechtlichen gesicherten Heimstätte, meint aber, „Eifer“ sei nicht gerade nötig. Man könnte da verschiedenes hinzufügen, was übrigens noch geschehen soll. J. Partei und Einheit im Judentum Dr. Erich Fromm (München). In Anbetracht der Bedeutung, die die Lehrkurse der Gemeinde für alle Teile der Münchener Juden besitzen, haben wir uns an die Leitung der Lehrkurse mit der Bitte gewandt, uns Aufsätze aus dem jeweiligen Arbeitsgebiet ihrer Dozenten zur Verfügung zu stellen. Wir freuen uns, heute mit einem Aufsatz des Herrn Dr. Erich Fromm beginnen zu können; weitere Beiträge werden folgen. Es ist das unausweichliche Schicksal aller Völker und Religionen, mit dem Geist und der Wirtschaftsform des modernen Europa zusammenzustoßen und sich auseinandersetzen zu müssen. Dieser Zusammenstoß hat für manche Völker zur völligen Vernichtung — wie für die Ureinwohner Amerikas, für andere — wie für Inder und Chinesen — zur wirtschaftlichen Versklavung geführt, überall ist der Prozeß der Auseinandersetzung mit E u - r o p a im Gange. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung hängt von der jeweiligen Kraft und Angriffswucht Europas und andererseits von der Eigenart und Widerstandsfähigkeit der ihm gegenüberstehenden Kulturgemeinschaft ah. Der Zusammenstoß zwischen Judentum und de r m o d e r n e n b ii r g erlichkapitalistischen K u 1 tu r erfolgte entscheidend in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es erfolgte unter den für das Judentum ungünstigsten Bedingungen. Stand doch die europäische Kultur geistig und wirtschaftlich auf einem Höhepunkt, unberührt von den erschütternden und auflösenden Kräften, die sie heute bedrohen, während das Judentum in unschöpferischem Formalismus erstarrt war, fremd seinem eigenen Geist, ängstlich nur darauf bedacht, bestehendes zu bewahren, unfähig, die Tradition frei und schöpferisch zu gestalten. Wer bei diesem Zusammenstoß zwischen dem glänzenden Prinzen und dem häßlichen Bettler siegen mußte, darüber hatte die Geschichte schon vor dem Ausgang des Kampfes ihr Urteil gesprochen. Das Judentum verlor die Schlacht aber es ging dabei nicht — wie viele mit Sicherheit erwarteten — zugrunde. Es kapitulierte von der europäischen Kultur, aber es war nicht bereit, sich als Religion und als Gemeinschaft aufzugeben. Nur ein kleiner Teil wollte auch dies und die Taufepidemie kurz nach dem ersten Zusammenprall beider Welten ist Ausdruck dieser Haltung einer Minderheit. Das Gros aber blieb treu. Man wollte zwar ganz aufgenommen werden in die glänzende Kultur Europas, man wollte aber Jude bleiben und das gemeinsame Band der Religion und der Kultur erhalten. Dies war also die Aufgabe der Führer des Westjudentums von der Mitte des 18. Jahrhunderts an: Formeln zu finden, die es dem Einzelnen ermöglichten vor seinem Bewußtsein ein ebenso guter Europäer wie treuer J u d e sein. Die Schlacht war verloren, das Judentum zog sich zurück, verschiedene Gruppen auf verschiedene Stellungen, sie alle verdeckten den Rückzug mit harmonisierenden Ideologien und stellten den Rückzug als wahren Sieg dar. Nun, sie taten damit nichts anderes, als was noch immer sich zurückziehende Feldherrn getan haben! Das Kompromiß wurde zum Fortschritt umgedeutet, aus der Not eine Tugend gemacht. Aber nur die eigene Rückzugsformel galt! Eine jede Gruppe sah den Balken im Auge des Gegeners und so empfand sich jeder als den Sieger, als den Vertreter alten ursprünglichen Judentums, den Vertreter der a n d e r e n Richtung aber als den, der fremdem Geist gänzlich unterlegen war, den Verfälscher und Leugner der jüd. Wahrheit. Man wird nicht umhin können zu sagen, daß alle diese sich bekämpfenden Richtungen gleichzeitig recht und unrecht hatten. Recht, denn alle hatten vor Europa, seinem Geist und seiner Gesellschaftsform kapituliert und ihre Theorien waren Ausdruck dieser Niederlage, unrecht aber, weil in allen diesen Ideologien ein Stück des alten, ursprünglichen Judentums enthalten war, weil überall „ein heiliger Funke“ verdeckt glühte. Das Judentum als ganzes, als synthetische Einheit war von wenigen Persönlichkeiten abgesehen — von niemanden mehr gedacht und erlebt, seine einzelnen Elemente aber waren — in ihrer Vereinzelung — der Mittelpunkt der verschiedenen Ideologien und Richtungen geworden. So zeigt uns das Westjudentum der letzten 150 Jahre ein merkwürdiges Bild. Die verschiedenen Richtungen und Strömungen bieten jede für sich einen, wenn auch verzerrten Ausschnitt aus dem alten, ursprünglichen Judentum dar, sie z u s a m m e n aber weisen all die Elemente auf, die die Besonderheit und Eigenart des Judentums gerade in ihrer Gemeinsamkeit darstellten. In Heine, Lass alle etwa, und ihrem Kreis verwirklichte sich der jüdische Univer salism u s , das Gefühl der Einheit der Menschheit und der Verantwortung für alle Völker. Abraham Geiger und die Seinen drückten den Gedanken der Entfaltung des Judentums, der Bedeutung der allgemeinen Normen und Prinzipien für die Entwicklung des Gesetzes aus, S. R. Hirsch wurde zum Vertreter des Gesetze s als unerläßliche** und wesentlicher Grundlage des Judentums. Herzl vertrat den Gedanken der Einheit der Judenh e i t als nationaler Gemeinschaft und ihre Verwurzelung mit dem Lande der Väter; und Hermann Cohen erneuerte das alte jüdische Prinzip, daß die W ahrh eiten der Religion der Vernunf t e n t s p r i n g e n und niemals mit ihr im Widerspruch stehen können. Die Elemente des Judentums führten so ihr verborgenes, oft entstelltes Leben, verdeckt in den verschiedenen Parteien und Ideologien, aber weil eben alle irgendwo und irgendwie in den Vordergrund gerückt waren, konnten sie nicht vergessen worden. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, hat das Judentum seinen Vormarsch wieder begonnen, versucht sich wieder in seiner Ursprünglichkeit und Totalität zu erneuern. Die verschiedenen Richtungen — von den Fanatikern in allen Lagern abgesehen — beginnen sich zu nähern, die schroffen Gegensätze sich zu mildern. Der Wille zum Judentum beginnt überall sich über die Parteigrenzen hinwegzusetzen. Diese soziologische Annäherung der Gruppen ist Vorzeichen und Ausdruck einer neuen geistigen Synthese auf dem Wege zum wahren, ungeteilten Judentum.