Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1925-11-06 · 45 (6.11.1925) · p. Seite 838

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
12 (1925)
Issue
45 (6.11.1925)
Date
1925-11-06
Page
Seite 838 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103075-9156065--07234-9079958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

838 Das Jüdische Echo Nr. 45 sehe Behörden seit Jahresfrist genau gewußt haben, wer der Schuldige an dem Lemberger Attentat und daß der seit vierzehn Monaten im Lemberger Gefängnis schmachtende jüdische Student Steiger unschuldig ist. Ein Jahr lang haben die deutschen Behörden geschwiegen, obwohl in großen deutschen Tageszeitungen im Lauf dieses Jahres der Fall Steiger ausführlich behandelt wurde und zweifellos auch zur Kenntnis jener Behörden gelangt sein mußte, die in ihren Akten die Wahrheit über das Attentat wußten. Es drängt sich die Frage auf: Welche Kräfte sind im Spiel gewesen, damit diese Behörden ihr Geheimnis wahren, es nicht an übergeordnete Stelllen leiten und veranlassen, daß ein in Vorbereitung begriffener Justizmord verhindert werde? Durch Zufall hat ein deutscher Parlamentarier vom Stand der Dinge erfahren und durch das Hinaustragen der Angelegenheit in die Öffentlichkeit die preußische Slaatsregierung gezwungen, Rede und Antwort zu stehen. Wäre nicht die Tätigkeit des polnischen Spitzels und der Zufall, daß Abgeordneter Badt von der Existenz dieses Spilzelberichts erfuhr, so hätten die deutschen Behörden auch fernerhin in ihrem Schweigen verharrt. Aber auch jetzt weigern sich die verantwortlichen Stellen in Deutschland, vor allem das Auswärtige Amt, den Inhalt der Akten in der Angelegenheit Olschanskys restlos der Öffentlichkeit und der polnischen Regierung preiszugeben. Für dieses Verhalten müssen doch schwerwiegende Gründe vorhanden sein. Unser einfacher Untertanenverstand kann das nicht begreifen und muß zur Annahme gelangen, daß in den Aussagen Olschanskys und in der Behandlung dieser Affäre, soweit sie Deutschland angeht, Geheimnisse verborgen sind, deren Preisgabe den deutschen Behörden mit Rücksicht auf gewisse Kreise, die durch diese Enthüllungen kompromittiert werden können, unangenehm ist. Man vergegenwärtige sich die Entwicklung der Angelegenheit Olschansky! Der junge ukrainische Student, der in tiefer Überzeugung von der Berechtigung seiner Tat nach Deutschland kommi, verheimlicht diese Tat nicht, sondern gesteht freimütig zuerst vor der Polizei und dann in öffentlicher Gerichtsverhandlung, was er getan hat. Er nennt die Namen seiner Helfer, die Namen derjenigen, die ihm Geld gegeben und ihm zur Flucht verholten haben, die Namen derjenigen, die ihm Unterkunft und Beschäftigung in Berlin versprochen haben. Er tat das offenbar im Glauben, daß durch seine Aussagen Europa auf die unerträglichen Verhältnisse, unter denen die Ukrainer unter polnischer Herrschaft leben, aufmerksam gemacht werde und daß zugleich der Verdacht, der gegen den unschuldigen Steig,er gehegt wurde, zerstreut wird. Das Gegenteil von Olschanskys Absicht tritt ein. Polizei und Gericht behandeln seine Aussage als Geheimnis. Er kommt, da es nicht anders geht und er wegen der bestehenden Verordnungen und Gesetze bestraft werden muß, sozusagen mit einem gelinden Verweis davon, und man gestattet ihm, unbehelligt nach Berlin zu reisen, wo er in einem deutschnationalen Büro weitgehende Förderung findet. In Berlin scheinen er und seine Freunde in der Richtung beeinflußt worden zu sein, so zu tun, als ob er nicht schon alles vor deutschen Behörden gestanden hätte. Die Entwicklung der Affäre Steiger nahm grauenhafte Dimensionen an. Viele Menschen wurden in Lemberg, monatelang im Gefängnis gehalten, Steiger selbst sitzt über ein Jahr in Untersuchungshaft, der mt der Steiger-Affäre in Verbindung stehende Prozeß gegen die Lemberger jüdischen Bürger Jäger, Kornhaber', Glasermann und Gebossen, die beschuldigt wurden, zwecks Entlastung Steigers einen Ukrainer, Mikietin, veranlaßt zu haben, einen anderen Ukrainer als Täter zu bezeichnen, hat zwei Menschenleben gekostet, in ganz Polen tobt seit einem Jahr auf Grund dieser Affäre eine blutrünstige antijüdische Hetze — der Täter Olschansky, seine Genossen in Berlin und ihre deutsch-nationalen und völkischen Freunde finden es nicht notig, auch nur einen Finger zu rühren, wiewohl die restlose Enthüllung der Wahrheit über das Attentat dem Zweck dienen müßte, dem zuliebe das Attentat überhaupt begangen wurde. Denn schließlich werden politische Attentate doch nur darum gemacht, damit die Öffentlichkeit auf den Übelstand aufmerksam gemacht werde, den der Attentäter und die hinter ihm stehenden Kreise als unerträglich betrachten. Trotzdem beobachteten die in Deutschland lebenden mit den völkischen deutschen Elementen in inniger Verbindung stehenden Angehörigen der terroristischen ukrainischen Militärorganisation unbegreifliches, ihren eigenen Interessen und jeder Rechtlichkeit widersprechendes Schweigen. Woher die Änderung der Sinnesart Olschanskys, der ehrlicherweise sofort nach der Ankunft im Auslande der Wahrheit die Ehre gegeben hat? Woher die merkwürdige Vertuschung der ganzen Angelegenheit durch die deutschen Behörden, die die Möglichkeit hatten, dem internationalen Rechlsbewußlsein zu dienen und einem unschuldig -A. JL A A A jL A> A. AAA EFIM SCHACHMEISTER ► ► mit seiner weltberühmten Tanz-Kapelle spielt r ► täglich nachmittags u. abends in ► ◄ HAUSER’S HOTEL ► ► „DER REICHSADLER“ ► MÜNCHEN ► ► ► T-rft t t t T -T w w A

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.