Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- Seite 826 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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826 Das Jüdische Echo Nr. 44 im im hiii hi ii || | || Feuilleton | | '! lillllii i llllll Deutschland erdrückt die jüdische Seele Die Geschichte des Antisemitismus ist zum großen Teil mit der Geschichte der deutschen Zivilisation verbunden. Es ist interessant, die mannigfachen antisemitischen Machinationen mit ihren üblen Folgen, die als Köder von Ministerkabinetten oder Junker-Meinungswerkstätten in die germanische Welt geworfen wurden, zu enthüllen. Heutzutage stehen die Dinge so, daß der Jude'in Deutschland ein Geächteter ist, wenn auch nicht in gesetzlichem Sinn, so doch im Empfinden des Volks. Leider kann man diesen Zuständen einen gewissen Grund nicht absprechen. Bei allen neuen Bewegungen, allen Revolten und sozialen Protesten waren und sind Juden immer in den vordersten Reihen der Kämpfer gewesen. Juden waren immer und sind auch jetzt die Führer, wo immer Extreme zutage treten, wo immer ein revolutionär-politisches System in die Tat umgesetzt werden sollte. Die Jakobiner unserer Zeit sind Juden. Man muß allerdings zugeben, daß fast ausnahmslos diese Juden von ehrlicher Überzeugung beseelt waren. Idealisten und Utopisten, die es als ihre Aufgabe ansahen, die Welt zu retten. Die Beständigkeit und Ausdauer in ihren vielleicht sinnlosen und gefährlichen Ideen hat eine tiefe Bedeutung für die Zukunft erlangt: die Verpflanzung der von den Juden stammenden messianischen Idee vom religiösen in das soziale Leben. Was man den Juden nicht vorwerfen kann, ist. daß sie die Flamme so lange schürten, als es ungesehen und ohne Gefahr geschehen konnte, und dann schleunigst den Ort verließen, sobald die Polizei erschien. S i e holten die Kastanien aus dem Feuer! Nun, da die Kastanien verbrannt sind, will man ihnen zur Strafe die Hände abschneiden. Man darf aber nicht vergessen, daß sich die Juden ebensosehr als Bewahrer und Schützer der Tradition, als Gesetzeskundige und Diener des Gesetzes gezeigt haben. Aber wir dürfen kein freundliches Entgegenkommen erwarten, denn es besteht keine' Absicht, entgegenkommend zu sein. Die Deutschen wollen den Haß und die Hassesflammen anfachen. Sie machen keinen Unterschied zwischen Personen und Geschäften; sie fragen nicht nach Absicht oder Ziel. Das ist der deutsche Haß. Ein Däne fragte mich einmal: „Was beabsichtigen die Deutschen eigentlich mit ihrem Judenhaß? In meinem Vaterland sind die Juden fast allgemein beliebt. Sie sind als zuverlässige Patrioten bekannt, und man weiß, daß sie ihr Privatleben in Ehren leben. So werden sie als eine Art Aristokratie geehrt. Was wollen die Deutschen?“ — Ich hätte erwidern mögen: „Haß!“ Ich hätte ihm auch gern geantwortet: „Sie brauchen einen Sündenbock. Wo immer es ihnen schlecht geht, nach jeder Niederlage, in jeder Not, in jeder kritischen Lage, machen sie die Juden für ihr Unglück verantwortlich. Das ist jahrhundertelang so gewesen. Bedrohliche Verbitterung der Massen ist immer auf diese Weise besänftigt worden. Sogar die rheinischen Kurfürsten und Erzbischöfe wußten, daß, wenn ein Feldzug erfolglos gewesen war oder die Kassen leer waren, die Sicherheit und der Fortbestand ihrer Stellung durch eine Judenverfolgung verbürgt würden.“ All dies hätte ich ihm sagen wollen, statt dessen aber erwiderte ich: „Für einen Nichtjuden ist es unmöglich, das Dilemma zu verstehen, in dem sich ein deutscher Jude befindet. Deutscher Jude — zwei Wörter voller Bedeutung, die letzte Entwicklung eines verhältnismäßig langsamen Evolutionsprozesses. Durch seine doppelte Verbindung, seine Schlacht an zwei Fronten, ist der Jude an den Rand der Verzweiflung gebracht worden. Der Deutsche und der Jude. Ich hatte einst einen symbolischen Traum von beiden; aber ich weiß nicht, ob er verständlich ist. Ich legte zwei Spiegel mit den Spiegelflächen aneinander und es schien, als ob die menschlichen Bilder, die in dem Spiegel enthalten und bewahrt waren, versuchten, sich gegenseitig hcrauszuziehen.“ Der Däne bemerkte darauf einfach: „Ich glaube, die Deutschen haben zu wenig Freiheitssinn, wenigstens seit der Gründung des Kaiserreichs.“ Das ist wahrscheinlich richtig; aber es ist das geringste, was man über diese Angelegenheit sagen kann. Es' fehlt den Deutschen auch an Phantasie, Freiheitsliebe und Güte. Dieses Volk, das beständig so ungerecht handelt, so viel Haß verursacht, achtlos und skrupellos solche Berge von Haß anhäuft, dieses Volk, das allem Bitten gegenüber taub ist, keine ehrliche Aussprache duldet und jeglicher Großmütigkeit unfähig ist, diese Nation macht Anspruch darauf, Führer aller Nationen zu sein in Kultur, Kunst, Wissenschaft und Idealismus. Ich will noch weiter den Symbolismus der Spiegel erklären. Bei den beiden ist sichtlich eine Ähnlichkeit des Charakters und des Geschicks vorhanden. In beiden Fällen gab es Jahrhunderte der Zerstückelung und Zerstreuung, fremde Herrschaft und messianische Hoffnungen von einem Sieg über alle Feinde und von Einigung. Zu diesem Zweck erfanden die Deutschen sogar einen besonderen Gott, der in allen ihren patriotischen Liedern eine Rolle spielte wie der jüdische Gott in den Gebeten. Hier wie dort Mangel an Hochschätzung durch die andern wegen Böswilligkeit, Neid und Verdacht. In beiden Nationen sind andersgeartete Gruppen vorhanden, die nicht im Einklang stehen mit den andern Parteien; unerträgliche Gegensätze im Individualcharakter, praktische Tatkraft und Verträumtheit, die Gabe der Spekulation im höheren und niederen Sinn, der Instinkt zu sparen, anzuhäufen und zu handeln, der Instinkt für Kultur, für Erkenntnis, der Instinkt, der Idee zu dienen, Überfülle an Formelhaftigkeit und Mangel an Form. Ein psychisches Leben ohne Bande, das zu einer Zwitterform führt, zu Frechheit und unbelehrbarer Hartnäckigkeit. Hier wie dort schließlich die Lehre, das auserwählte Volk zu sein. Das Zusammenleben zwischen Deutschen und Juden hat Reibungen verursacht, die Reibungen Blut und Wunden, unheilbare Wunden in dem schwächeren Körper. Was werfen die Deutschen den Juden eigentlich vor? Sie sagen: Ihr vergiftet unsere reine Luft. Ihr verführt unsere Jugend, eure Taktik und eure Kniffe anzunehmen. In unsere freudige germanische Lebensanschauung bringt ihr euer düsteres Brüten, eure Lebensverneinung, eure Zweifel, euer asiatisches Gefühlsleben. Ihr wollt unseren Geist in Fesseln legen und die Arier von dieser Erde ausrotten. Und andere sagen: Ihr verderbt unser Geschäft. Und diese sind aufrichtig. Die Deutschen mögen sich aber daran erinnern, wie sie beim Beginn des Kriegs Ausbrüche moralischer Entrüstung seitens der Engländer zu dulden hatten. Wenn aber ein Engländer sie anschrie: Ihr verderbt unser