Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 44 (30.10.1925)
- Date
- 1925-10-30
- Page
- Seite 824 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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824 Das Jüdische Echo Nr. 44 brechen. Wie soll man sich denn sonst die ungeheure Begeisterung des Vorsitzenden des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens für eine jüdische Sowjet-Republik in Rußland erklären, wenn doch derselbe Mann zweifellos mit einer jüdischen Heimstätte in Palästina nicht einverstanden ist? Wie soll man denn anders die Bereitwilligkeit assimilatorisch jüdischer Kreise in Deutschland deuten, deutsch-jüdisches Geld, von dem sie behaupten, daß es im Inland notwendig ist, nach Rußland für jüdische Zwecke zu exportieren, wenn sie zu gleicher Zeit Leistungen für den Keren Hajessod mit der im Vordersatz angeführten Begründung verweigern? Die neue Stellungnahme des assimilierten deutschen Judentums kann darum in uns nicht reine und ungetrübte Freude erwecken. So sehr wir die Allianz zwischen den nationalen Ostjuden im „Ort“ und den anderen Organisationen mit den Führern des Zentralvereins und des Hilfsvereins der deutschen Juden begrüßen und in ihr eine Verwirklichung der Folgerichtigkeit des geschichtlichen Werdens hinsichtlich der Juden erblicken, in gleichem Maße müssen wir jedoch unseren Bedenken Ausdruck verleihen, daß diese scheinbare Vereinigung letzten Endes nicht auf die Herstellung einer gemeinsamen jüdischen Front, sondern auf neue Spaltung und neue Kämpfe hinzielt. Wir würden uns freuen, wenn die zukünftige Entwicklung unseren Befürchtungen unrecht geben würde; wir müssen aber ausdrücklich hervorheben, daß diese Vereinigung nicht die ist, die wir als bewußte Juden meinen. M.W. Aus der jüdischen Welt Felix Liebermann gestorben An den Folgen eines Unfalls ist der berühmte Historiker Prof. Felix Liebermann, ein Bruder Max Liebermanns, gestorben. Der Verewigte war ein besonderer Kenner auf dem Gebiet des Rechtslebens und der Verwaltung. Eine Hugo-Preuß-Straße in Berlin-Teltow Bei einer republikanischen Veranstaltung in Teltow teilte Bürgermeister Überreich mit, daß die Stadt zu der schon bestehenden Walther-Rathenau- Straße eine Hugo-Preuß-Straße schaffen werde. Eine der größten Straßen Teltows sei bestimmt, den Namen des Schöpfers der deutschen Reichsverfassung zu tragen. Aus der Berliner Jüdischen Gemeinde Berlin (J.T.A.). Zum akademischen Religionslehrer für höhere Lehranstalten wurde Herr Rabbiner Dr. Wilhelm L e w y auf Lebenszeit gewählt. Herr Rabbiner Dr. Wilhelm Lewy, ein geborener Berliner, war Hörer des Berliner Rabbiner-Seminars und vervollständigte seine talmudischen Kenntnisse auf der Jeschiwah in Krakau. Er wurde dann als Rabbiner an' die Pommersche Gemeinde Neu- Stettin berufen, wo er den jetzt in Elberfeld amtie- Terfilhandelsgesellschaft zum „Weberhaus" R.-G. München /Frankfurt^ / Leipzig Zentrale München, hesstrasse 74/76 fiauptgeschäftDachauerstr.9.lllustr. Katalog gratis u.franko renden Rabbiner Dr. N o r d e n ersetzte. Später wurde Herr Dr. Lewy als Rabbiner an die Charlottenburger Bismarck-Synagoge berufen und ging von da aus als Direktor an die Talmud-Thora-Kennesseth-Jisroel in Berlin, wo er noch amtiert. Das Lektorat für rabbinisches Schrifttum an der Breslauer Universität Breslau (J.T.A.). Der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung hat die Stelle eines Lektors bei der Breslauer Universität für die Sprache des rabbinischen Schrifttums dem Dozenten am Jüdisch-theologischen Seminar, Dr. R a b i n , übertragen. Der Mörder Hugo Bettauers freigesprochen Wien (J.T.A.). Am 5. Oktober gegen Mitternacht wurde das Urteil gegen den Hakenkreuzler R o t h s t o c k , der den Schriftsteller Hugo Bettauer ermordete, gesprochen. Die Geschworenen bejahten mit 12 Stimmen die Hauptanklage auf gemeinen Mord, jedoch die Zusatzfrage, ob der Angeklagte bei Verübung der Tat seiner Sinne mächtig war, wurde nur mit 6 Stimmen bejaht, während 0 Geschworene mit Nein antworteten. Daraufhin verkündete der Gerichtshof den Freispruch des Angeklagten, Der angeklagte Otto Rothstock, der 21 Jahre alt ist, bekannte sich offen zur nationalsozialistischen antisemitischen Gesinnung und gab an, er sei kurz vor der Mordtat aus der nationalsozialistischen Partei ausgetreten, weil er vermeiden wollte, daß die Partei verantwortlich gemacht werde. Der Verteidiger Rothstocks, Dr. Riehl, der politische Führer der nationalsozialistischen Bewegung in Österreich, hielt hemmungslose antisemitische Reden. Er bezeichnete die österreichischen Juden als ajs Angehörige eines fremdrassigen Volkes, die in Österreich nur Gastfreundschaft genießen und keine Heimatrechte beanspruchen können. Seinen und Rothstocks Reden wurde seitens des Gerichtshofes nicht widersprochen. — Es erregt Aufsehen, daß Rothstock wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen wurde, obwohl ein Gutachten der Wiener medizinischen Fakultät vorlag, welches ausdrücklich feststellte, daß Rothstock seiner Sinne voll mächtig ist und war. Nach dem freisprechenden Urteil beantragte der Staatsanwalt die Internierung Rothstocks in einer Heilanstalt. Der Gerichtshof gab dem Anträge Folge. Rothstock wurde am 6. Oktober in eine Heilanstalt eingeliefert. Doch besteht kein Zweifel, daß er nach kurzer Zeit als „geheilt“ entlassen werden wird. Daß der Mörder freigesprochen wurde, findet die selbstverständliche Billigung des „Hammers“. Einverstanden ist das Blatt jedoch damit nicht, daß man ihn für geisteskrank erklärt. Wörtlich heißt cs hierüber: „Der junge und mutige Zahntechniker Rothstock, der, vom Recht sittlicher Notwehr Gebrauch machend, den jüdischen Pornographen Bettauer mit drei Revolverschüssen unschädlich machte, wurde von einem Wiener Geschworenengericht freigesprochen. Das Urteil an sich ist durchaus zu billigen, entspricht es doch nur dem gesunden Rechtsempfinden eines deutschen Menschen. Etwas seltsam aber mutet uns die Begründung des Urteils;m: Rothstock wurde —■ wegen Geisteskrankheit - - freigesprochen! Offenbart sich hier nicht die ganze Schwäche der modernen Rechtspflege? Der Mörder, der kein Mörder ist, dessen Tat einen Im- I'