Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 43 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- Seite 804 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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804 Das Jüdische Echo Nr. 43 können — Ghettomauern, Emanzipation, Assimilation, Zionismus und dessen Horizonte. — Hier ist das Glück des Strandguts, das sich zum Schiff mit den tausend Masten werden fühlt. Fern die Fragwürdigkeiten jüdischer Problematik; hier ist das Glück der Problemlosigkeit des wieder in sich ruhenden jüdischen Daseins, von dessen Pfad die ganze Magie aller Missionsideen entfernt ist, und das Glück der Problemfülle der faustischen Forderung: Auf freiem Grund ein freies Volk! Hier ist der Stolz mit seinen beiden Stufen, der der Selbstbilligung und der höheren, der der Selbstmißbilligung und des Pflichtgedankens. Wir erkennen: Zionismus — Erbe und Überwinder der Assimilation schon dadurch, daß er diese durch die Deutung als Vorbereitung und Lehrlingsschaft sinnvoll macht, versteht, verzeiht. Die heutige Türkei ist das willkommenste Beispiel für unsern Fall, ein deutlicheres als Japan. Die alte Türkei des Kalifen — ein Völkerstaat, durch das mystische Band religiös-dynastischer Wünsche zusammengehalten, ein Staat, der die Nation nicht kennen wollte und die Assimilation deshalb bekämpfte. Die neue Türkei, die religionsfremde Republik, — bewußt national und bewußt assimilatorisch, und das im Dienst der nationalen Rechte. Daß die Türken zuerst zum Bewußtsein ihrer selbst kommen und erst dann planmäßig zu den Werkzeugen greifen, die Europa geschaffen hat, und das alles in wenigen Jahren; daß wir uns dagegen Jahrzehnte, Jahrhunderte hindurch all dieser Werkzeuge, die wir übrigens mitgeschaffen haben, irgendwie träumend bedienen und dabei nicht wissen, wem wir das alles zu Nutz und Frommen tun, das sind unerhebliche Geschichtstatsachen; die Übereinstimmung trüben sie nicht. Der Zusammenhang zwischen Assimilations- und Nationalidee ist klar. Die zionistische Propaganda ist ihrer Aufgabe nur dann würdig und gewachsen, wenn sie ihn erkennt. Dr. Leopold Justh. Galuth Von einem Wunderrabbi wird folgende Anekdote erzählt: Es kam zu ihm ein Jünger und klagte, daß er an Wechselfieber leide. Der Rabbi forderte ihn auf, ihm die Kennzeichen seines Leidens zu schildern. Der Jünger erzählte: „Bald fühle ich mich wohl und bald hundselend, bald ist mir heiß und dann schüttelt mich der Frost, bald möchte ich die Wände emporklettern und bald mich im tiefsten Keller verkriechen.“ Der Rabbi hörte aufmerksam zu, neigte bedeutungsvoll den Kopf und meinte: „Mein lieber Freund, was du mir da schilderst, das ist Wechselfieber.“ An diese Anekdote wird man erinnert, wenn man den Verlauf und die Geschichte der jüdischen Autonomie in Litauen und die polnischjüdische Verständigung in Polen betrachtet. Frohlockend begrüßten die litauischen Juden nach der bolschewistischen Revolution die im selbständig gewordenen Litauen errungenen national-autonomen Rechte für die jüdische Minderheit. Ein jüdischer Nationalrat wurde begründet; ein jüdisches* Ministerium ins Leben gerufen — die Juden in Litauen schienen das Höchstmaß von Rechten persönlicher und nationaler Art erreicht zu haben, die man überhaupt in der Zerstreuung in irgendeinem Lande zu erreichen vermag. Wenige Jahre später zerrann der ganze Blütentraum der jungen jüdischen Volksfreiheit in Litauen; der Nationalrat wurde aufgelöst, das jüdische Ministerium abgebaut, ja sogar Gemeinschaftsrechte, die die litauischen Juden während der zaristischen Zeit genossen, wurden ihnen von der antisemitischen Mehrheit des litauischen Volks geraubt. Es fruchteten keine Proteste der jüdischen Bevölkerung, keine Demonstrationen der jüdischen Massen, keine Beschwerden beim Völkerbund, die litauischen Juden sind gründlich ernüchtert. Wechselfieber! Erst himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt: Galuth. Ähnlich verhält es sich mit der Entwicklung der polnisch-jüdischen Verhandlungen in Polen. Jahrelang wurde die jüdische Bevölkerung Polens und ihre zahlenmäßig bedeutende Vertretung im polnischen Sejm und im polnischen Senat geradezu als nicht vorhanden betrachtet. Die schweren inneren und äußeren Nöte des neuen polnischen Staates bewirkten bei den leitenden Männern der polnischen Politik eine Sinnesänderung. Der polnische Ministerpräsident, der polnische Außenminister und der polnische Unterrichtsminister streckten ihre Hände aus und luden die Juden ein, mit der polnischen Regierung zu verhandeln und zu einer Verständigung zu gelangen. Der jahrelang mit ungeheurer Erbitterung seitens der polnischen Gesellschaft gegen die Juden geführte Kampf erschütterte tatsächlich die Verhältnisse der gesamten polnischen Republik und brachte dieses Staatswesen im Ausland in Mißkredit. Durch die Not der Tatsachen gezwungen, bequemte sich die polnische Regierung dazu, sich mit den Juden an den Verhandlungstisch zu setzen. Schweren Herzens, aber im Bewußtsein der ungeheuren Verantwortlichkeit gegenüber den notleidenden jüdischen Massen in Polen wurden von den jüdischen Vertretern die Verhandlungen aufgenommen und nach vielen Wechselfällen und Fährnissen zu einem guten Ende geführt. Es kam zu einem feierlichen Verständigungspakt zwischen polnischer Regierung und jüdischem Volk. Das Galuth-Wechselfieber in Polen schien beruhigt. Kaum sind einige Monate ins Land gegangen, und schon stellt sich heraus, daß alle an die polnisch-jüdischen Verständigungen geknüpften Hoffnungen sich nicht im geringsten Maß verwirklichen. Wer geneigt war, nach der Verständigung zwischen Polen und Juden vor Freude zu hüpfen, der ist jetzt gezwungen, traurig sein Haupt zu neigen. Die polnischen Juden gingen bis an die Grenze der Selbstverleugnung, sie taten alles, um einen Modus vivendi zu finden, sie versuchten, das schwere Schicksal, im Galuth zu sein, irgendwie zu mildern: der Erfolg ist ausgeblieben. 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