Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 43 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 45 23. Oktober 12. Jahrgang Assimilation als Weg zur Formidee des Zionismus Die Agency-Beschlüsse des 14. Kongresses sind der Ausdruck der Selbstverständlichkeit, daß die Zionistische Organisation das jüdische Volk darstellt, es aber noch nicht ist und daß sie sich nur als dessen handelnder Vortrupp zu erkennen hat. Dieser Anschauungsweise liegen zwei Erkenntnisse zugrunde, und von zwei Gesichtspunkten aus ist sie demzufolge auch zu grüßen. Es ist begreiflich, daß sich die Angehörigen der zionistischen Bewegung in ebenso begreiflicher Kampfstimmung gegen alles abzugrenzen suchen, was fremd und störend zu sein scheint; daß sie zwischen ihrem Zionismus und jener andern Art, jüdisches Dasein zu retten, die wir Assimilation nennen, Unüherschreithares sehen, eine Kluft fühlen, wie sie nur Blut- und Geistesfeindschaft aufbrechen können. Es ist begreiflich, aber Irrtum, vom Gesichtspunkt geschichtlichen Erkennens; es ist Fehler und zu unterdrücken, vom Gesichtspunkt zionistischer Propaganda aus betrachtet, vom Gesichtpunkt des Brückenschlags zwischen Vortrupp und Masse. Gehen wir von der Annahme aus, daß uns vom nichtzionistischen jüdischen Nebenmenschen, vom ,,Assimilanten“, Wesensfremdheit scheide, müssen wir die Möglichkeit des Einwirkens, des Bekehrens und Gewinnens leugnen, die Möglichkeit psychologisch erfolgreicher zionistischer Propaganda und Politik. Und grade auf dem Boden der Propaganda und Politik können wir große und unleugbare Erfolge feststellen, das Wachsen der Organisation und deren beider Fonds und damit die Fortschritte der Arbeit in Palästina. Und deshalb ist die Annahme falsch, daß zwischen Zionisten und ,,Assimilanten“ Schranken und Klüfte da sind. Zionismus verhält sich zu Assimilation wie die Erscheinungsform heutigen zu d e r gestrigen Daseins, wie Frucht zu Blüte. Und im Grunde sind nur wir Zionisten schuld, daß es überhaupt noch „Assimilanten“ gibt, daß wir sie nicht schon längst zu uns herübergeholt haben. Wie die Blüte selbstverständlich erst ihr Schicksal erleben muß, damit entstehen könne, was, obschon der Blüte eingeboren, geworden, der Blüte gegenüber fremd und neu scheint: die Frucht, ebenso ist auch der Zionismus ohne die Befruchtung undenkbar, die ihre Kräfte in der Tiefe jüdischer Kulturfähigkeit schöpft. Wir wissen, Zionismus umschließe dem Gehalt nach mehr, als im Bereich der Assimilation auch nur als Keim nachzuweisen wäre. Es handelt sich aber hier nicht darum, Grenzen zu ziehen. Es handelt sich darum, im Dienst des Brückenschlags, der Zukunft des Zionismus, nach Verzahnungen zu tasten; den Feingehalt des Assimilatorischen herauszuarbeiten, d. h. alles, was „prästabilierter Zionismus“ ist, von dem auf den einfachsten Ausdruck gebrachten Best loszulösen. Und dieser Rest ist falscher Schluß aus richtiger Voraussetzung. Ist dieser falsche Schluß durch den richtigen ersetzt, somit die Assimilationsneigung richtig zu Ende gedacht, ist die Schwelle überschritten, über die sich Herzl, der Sohn der Assimilation, zu sich seihst gefunden hat. Infolge des Zusammenhangs zwischen Assimilation und Zionismus, der nicht gekommen ist, das Gesetz oder die Propheten der Assimilation aufzulösen, sondern zu erfüllen, kann die zionistische Propaganda das assimilatorische Denken dorthin führen, wo diesem die eigene Mißtätigkeit klar wird und schon die Idee der Assimilation an sich den entscheidenden Schritt, den Schritt zur Formidee des Zionismus fordert. Der „Assimilant“ folgt einem natürlichen und daher berechtigten Hang zu Mimikry, wenn er sich zur individuellen Rettung seiner Person der Umgehung in Tracht, Sprache, Haltung und Gebärde gleichmacht. Der Grundirrtum des „Assimilanten“, der falsche Schluß aus der richtigen Voraussetzung, dem „prästabilierten Zionismus“, daß nur Gleichheit über Verständnis und Frieden zu Rettung führen könne, besteht darin, daß Gleichheit im Äußerlichen, im Zivilisatorischen, mit Gleichheit im Wesenhaften, im Lebensstil, daß Gleichsehen mit Gleichsein verwechselt wird. Da leben und dem Zwang gehorchen eins ist, die letzte Möglichkeit der eingeborenen Idee suchen und deren strengstes Verlangen verwirklichen zu wollen, ist Assimilation nur dann lebendig, wenn sie sich nicht mit Gleichsehen begnügt, nur dann, wenn sie Gleichsein, dessen Fortführung und Steigerung, fordert. Lebendiges in sich erkennen dürfen, heißt empfangen — ein Geschenk, irgendwie Glück, Gnade. Die Aufgabe der zionistischen Propaganda besteht darin, das assimilatorische Denken dorthin zu führen, wo diesem klär wird, daß es Lebendiges enthält, die Fähigkeit zur Fortentwicklung, die Fähigkeit, der Forderung nach Gleichsein nachzuwachsen und zur strafferen, der Endgültigkeit näheren Gestaltung der eigenen Idee zu kommen, zu Gleichsein, der Formidee des Zionismus, dem Ergebnis eines winzigen Schrittes, der aus fernster Vergangenheit zu lebendigster Gegenwart herführt. Es gilt, sich einem natürlichen, berechtigten Hang, dem nach Eigenliebe und Familiensinn ursprünglichsten, zu folgen zu gestatten, dem naiven Hang der Billigung des eigenen Daseins; es gilt, der Umgehung im Wesenhaften gleich zu sein, in der Unbefangenheit des Wissens um Volk und Volkstum; es gilt, die Assimilation an Tracht und Gebärde Europas zur Assimilation an den Lebensstil, das Daseinsgesetz, der Völker der Welt zu vertiefen. Hier erscheint die Möglichkeit, zum Erlebnis der Nationalidee heranzureifen, der Formidee des Zionismus: Als Angehöriger des jüdischen Volks hin ich den Angehörigen aller anderen Völker gleicht Hier läßt sich fassen, was der Zionismus zu bieten hat, was er dem Warten und Fragen der Assimilation zuflüstert. Da er den assimilierten Menschen in dessen Kern bejaht, läßt sich dieser von der sanften Gewalt gern umschließen, die ihm mit dem Bewußtsein vorhandener Lebendigkeit, vorhandener Entfaltungskräfte das Bewußtsein innerer Werte schenkt; die ihn in den Strom der Geschichte und das ernste und dunkle Glück einbettet, sich deren Zwanggeschehen unterwerfen zu