Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 42 (12.10.1925)
- Date
- 1925-10-12
- Page
- Seite 788 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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788 Das Jüdische Echo Nr. 42 Lehrfreiheit Von Rabbiner Dr. Emil Levy (Berlin). Die Resolutionen des Kongresses bezüglich der Lehrfreiheit an der Jerusalemer Universität haben bekanntlich den Widerspruch eines Teiles der orthodoxen Presse hervorgerufen. Um so mehr dürften daher die folgenden bedeutsamen Ausführungen eines konservativen Rabbiners zu dieser Frage das Interesse der Allgemeinheit erwecken. Auf dem diesjährigen Zionistenkongreß wurde unter Ablehnung eines misrachistischen Amendements das Prinzip der unbedingten Lehrfreiheit an der Universität Jerusalem zum Beschluß erhoben. Dieser Beschluß wird nicht verfehlen, im orthodoxen Lager heftigen Widerspruch zu erwecken. Ich möchte als konservativ gerichteter Rabbiner erklären, daß ich den Beschluß des Kongresses wohl aus praktischen wie theoretischen Erwägungen als den einzig möglichen anerkenne. In meiner Darlegung beschränke ich mich auf das wohl zumeist umstrittene Problem, die Tätigkeit des der Universität angeschlossenen Judaistischen Instituts. Es ist ganz unmöglich, daß das Judaistische Institut im Lande der Bibel auf Bibel wLssenschaft verzichtet. Der Boden Palästinas birgt wahrscheinlich noch zahllose Altertümer, deren Entdeckung dazu beitragen wird, unter anderem auch die biblische Periode unseres Volkes zu beleuchten, Schwierigkeiten aufzuhellen, aber auch neue Fragen und Problemstellungen aufzuwerfen; dies im Zusammenhang mit Archäologie und Altertumskunde des gesamten Orients. Es wird stets nötig sein, zum Einbau archäologischer Funde in dias Gebäude religionswissenschaftlicher Erkenntnis biblische und außerbiblische Überlieferungen, die „schriftliche“ und „mündliche“ Lehre heranzuziehen; das bedeutet aber wissenschaftliche Arbeit zu leisten! — Wissenschaftliche Arbeit aber mit gebundener Marschroute ist eine „contradictio in adjecto“. Hypothesen und Theorien werden stets das Hilfswerkzeug der Forschung sein. Wer aber dürfte sich vermessen, eine Grenze zu ziehen: Bis hierher und nicht weiter? Auch rein theoretisch ist es ein unerträglicher Gedanke, der wissenschaftlichen Forschung Hemmschuhe anzulegen. Schreiber dieser Zeilen hat vor 17 Jahren persönlich mit Kopfschütteln beobachtet, wie am hebräischen Gymnasium in Jaffa halbreifen Knaben und Mädchen zweifelhafte bibelkritische Theorien als Tatsachen und Wahrheiten vorgetragen worden sind, und hat aus seiner Verurteilung dieser pädagogischen Methode kein Hehl gemacht. Eine Universität ist aber keine Anstalt für geistig Unmündige. Will man Lehrfreiheit aus ihr ausmerzen, so wird sie etwas ganz anderes — vielleicht nicht weniger nützliches —, aber sie hat dann kein Recht mehr, sich Namen und Bedeutung einer Universität beizulegen. So schlecht auch die Hochschulen der europäischen Kulturwelt in mancher Beziehung sein mögen, das Prinzip der Lehrfreiheit verleiht ihnen übergeordneten Rang über alle Seminarien und Bildungsanstalten mit dogmatischer Bindung. Ich stehe persönlich nicht auf dem Boden der radikalen Bibelkritik und weiß genau, wie viel Unheil die Wellhausenschen Theorien in der jüdischen Welt angerichtet haben, besonders unter unseren bildungsbungrigen Studenten, welche dem der jüdischen Psyche nun einmal innewohnenden Hang zum Radikalismus nicht genug tun können. Wir sehen aber heute, wie der scheinbar für ewige Zeiten gemauerte Bau der biblischen Literaturkritik in ein bedenkliches Schwanken geraten ist. Wenn man dies konstatiert, braucht man noch nicht Anhänger der Verbalinspiration sein; aber man wird die übertriebene Ängstlichkeit, mit der viele gläubige Juden auf die bibelkritische Richtung blicken, nicht mehr für ganz gerechtfertigt halten. Auch das Irren ist notwendig zum Siege der Wahrheit, und es ist kein Zeichen überzeugter Frömmigkeit, wenn man den lieben Gott wie einen irdischen König durch polizeiliche Maßnahmen und Absperrung vor Schaden zu bewahren sucht. Er kann und wird für sich selber kämpfen. Man unterlasse es auch auf gesetzestreuer Seite, die Schätzung der nichtjüdischen Bibelwissenschaft mit dem Schlagwort „Assimilation“ abzufertigen. Wir wissen genau, daß die bibelkritische Schule die Tendenz nicht vermieden hat und noch fortgesetzt verfolgt, den Wert des Judentums zugunsten der Tochterreligion herabzusetzen. Wir wissen, wie leicht auch die scheinbar objektive Betrachtungsweise durch gefärbte Gläser sieht und auf Prämissen der Voreingenommenheit haltlose Folgerungen baut. Das darf uns aber keineswegs übersehen lassen, wie viel wertvolle Einzelergebnisse wir der „gojischen“ Bibelforschung zu verdanken haben. Genießen wir den süßen Saft und lassen wir die Schalen liegen. Und bekämpfen wir die Bibelkritik, wie es Prof. Tschernowitz im „Haolam“ (Nr. 34) treffend ausgeführt hat, mit ihren eigenen Waffen — aus unserer jüdischen Einstellung heraus. Assimilation und Golustum gehören eng zusammen. Uns will scheinen, daß die Beschränkung der Lehrfreiheit an einer hebräischen Universität eine Assimilation an schlechte nichtjüdische Vorbilder darstellen würde und eine Golusblüte „katexochen“ wäre. ^xrnien^ßhrwidßßeL Jß3Emn,jlchrvQideEGi