Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 35 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- Seite 674 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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674 Das Jüdische Echo Nr. 35 daß die Juden, die dort als Volk leben, so viel Verständnis für diese Gefühle haben. Daß die Besucher in ihre Heimat zurückkehren und diese Aufklärung unter die Völker bringen, das ist unsere Politik. Der dritte Faktor ist der Antisemitismus. Man warf uns stets vor, daß die Antisemiten uns wohl gesinnt sind. Wir haben hier in Wien diese Freundschaft der Antisemiten erlebt. Der Antisemitismus wendet sich nicht gegen jüdische Eigenschaften, sondern ist gegen die Existenz der Juden gerichtet, am meisten gegen uns, die wir der aktivste Teil des Judentums sind. Das ist eine Tatsache, und w i r werden ihr n i c h t m i t Apologetik zu Leihe rücken, sondern nur mit Tate n. Das ist unsere Politik, der ich den Namen Kulturpolitik gehen möchte, die von Palästina ausgeht und sich über die ganze Welt ausbreitet, in der unser ganzes Volk lebt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, von Volk zu Volk zu gehen mit der Botschaft unserer Kulturpolitik. Mit dieser Botschaft sind wir durch die Welt gezogen, aufklärend, bahnbrechend und eine Politik vertretend, die von Palästina ausgeht. Von dem jüdischen Nationalheim in Palästina strahlt das Vorbild eines sich durch Selbsthilfe aufraffenden Volkes, das Vorbild des jüdischen Arbeiters, das Vorbild gegenseitiger Achtung und religiöser Liebe in einem allgemeinen Sinne, wie er für jedes religiöse Bekenntnis gilt. So sei es und bleibe es bis in die Zeiten, wo wir sagen können, die Fremde ist vorüber, und die Zeit ist da, wo wir alle frei und unbeschützt von fremder Hilfe leben können. Das ist die Linie unserer Kulturpolitik, die wir einzuhalten gedenken. Dr. Ärthur Ruppin über die Kolonisation Dr. Ruppin bemerkt einleitend, daß er 95, ja sogar 99% der Ansichten Dr. Halperns, des Referenten über Kolonisationsfragen, teile. Er weist auf Fortschritte in Palästina hin. Gegen früher nur ein Achtel zähle jetzt die jüdische Bevölkerung 135000 Seelen und mache ein Sechstel der Bevölkerung aus. Beim vorigen Kongreß waren nur 500000 Dunam oder 5% der Gesamtfläche in jüdischem Besitz, und heute haben wir das Doppelte. Wir haben aber auch den europäischen Standard of life nach Palästina mitverpflanzt statt des asiatischen. Dies hat eine künstliche Wirtschaft bewirkt. Unsere Arbeit in Palästina wird in sehr hohem Maße erschwert durch die Ausnutzung der billigen Frauen- und Kinderarbeit in den Nachbarländern. Was wir in Palästina in der Landwirtschaft bisher geleistet haben, bietet noch keine Möglichkeit für eine Masseneinwanderung, die sich rentieren würde. Einige der neugegründeten Kolonien haben in diesem Jahre ihre Ausgaben hereingebracht. In einem oder zwei Jahren werden sie durch eigene Arbeit ihren ganzen Bedarf decken. Aber die landwirtschaftliche Kolonisation ist eine sehr teuere Sache. Ich bin stolz auf die freundschaftlichen Gefühle der Arbeiter mir gegenüber, doch habe ich natürlich nichts gegen die Ansiedlung anderer Elemente. Wenn wir eine Majorität sein wollen, dürfen wir auch die Rückwanderung nicht außer Acht lassen. Wenn wir die Leute nicht so verwurzeln, daß sie eine Existenz haben, so sind wir keineswegs davor geschützt, daß sie nicht Palästina wieder verlassen. Wir haben auf manchen Gebieten den Zustand erreicht, wo sich Privatkapital betätigen kann. Jeder kleine Handwerker und jedes kleine Industrieunternehmen in Palästina ist uns willkommen, nur die Auswüchse, die daneben bestehen, müssen wir bekämpfen. Wir müssen, um Bodenspekulation zu verhindern, ein allgemeines Kontrollorgan für Bodenkäufe schaffen, dem alle Zionisten unterstehen, und das dafür sorgt, daß keine dieser Bodenkauf sgesellschaf teil einen größeren Privatprofit zieht, als nach den strengsten Grundsätzen angemessen ist. Der letzte Kongreß hat die Gründung eines K o - lonisationsf onds beschlossen. Es war leider nicht möglich, diesen Beschluß durchzuführen. Ich halte seine Schaffung heute für ebenso notwendig wie vor zwei Jahren. Auch unsere Hypothekenbank hat viel zu geringe Mittel. Was sind 60000 f an Hypotheken, wenn in Tel Awiw monatlich 200 Häuser gebaut werden! Ich bedauere, daß der Kongreß für wirtschaftliche Fragen nicht ,„das nötige Interesse aufbringt. Wir müssen daher neben dem Kongreß und dem A. C. ein Organ schaffen, das Einheitlichkeit in die wirtschaftliche Tätigkeit bringt. Ich schlage daher vor, daß der Finanz- und Wirtschaftsrat zunächst nach Palästina verlegt wird, sich dort durch Aufnahme neugewählter Mitglieder ergänze und zu Mitgliedern auch die Direktoren unserer großen wirtschaftlichen Institutionen zähle. Nur so kann vermieden werden, daß eine Gesellschaft gegen die andere arbeitet. Wir sollten vielleicht doch wieder einmal dem Gedanken einer nationalen Anleihe nähertreten. Ich bin mir der Schwierigkeit vollauf bewußt und sehe die Möglichkeit einer Anleihe nur dann, wenn es uns gelingt einen Garantiefonds für den Zinsendienst in den ersten zwanzig Jahren zu schaffen, soweit die Zinsen nicht aus Krediten in Palästina zurückfließen. Wenn große jüdische Institutionen, wie Logen, Gemeinden usw., durch zwanzig Jahre 200000 £ für diesen Zinsendienst als Garantiekapital zur Verfügung stellen, dann sehe ich eine gewisse Möglichkeit, eine große nationale Anleihe von 10 Millionen £ durchzusetzen; keine Wahrscheinlichkeit, sondern nur eine Möglichkeit. Der Kongreß soll zur Prüfung dieses Projektes eine Kommission einsetzen. Dr. Ruppin, der am Schluß seiner Rede erklärt, daß er nunmehr seinen bereits vor zwei Jahren gefaßten und angekündigten Plan, sich für eine Zeitlang von der Arbeit zurückzuziehen, zur Ausführung zu bringen gedenke, um sich wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen, werden von dem Kongreß Ovationen bereitet. Kurt Blumenfelds Rede Das Programm der deutschen Landsmannschaft. Herr Kurt Blumenfeld vertritt das Programm der deutschen Landsmannschaft und der ihr angeschlossenen kleinen Landsmannschaften. Man habe die deutsche Landsmannschaft als „loyal“ bezeichnet, weil man glaubt, daß eine konstruktive Kraft etwas minderwertig ist gegenüber einer Haltung, die zwar die Früchte der Arbeit genießen möchte, gleichzeitig aber auch sich in gehöriger kritischer Distanz hält. Es ist echte zionistische Tugend, sachlich und verantwortungsvoll unserem Werk gegenüber zu stehen. Eine Bewegung, die auf eine freudige seelische Verfassung ihrer Anhänger angewiesen ist, muß wissen, daß auch ihre Kritik immer vorsichtig und konstruktiv wirken soll. Wir haben unser Programm monatelang vor dem Kongreß bekanntgegeben und überreichen ihnen heute eine Broschüre, in welcher unser Programm abgedruckt